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Ökonomische Analyse Warum manche gegen Flüchtlinge sind und andere nicht

Viele Deutsche empfangen Flüchtlinge mit offenen Armen, andere würden sie gern sofort wegschicken. Woran liegt das? Ökonomen haben sich mit den Gründen beschäftigt - mit überraschendem Ergebnis.

"Empörte Grauköpfe". So überschreibt der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi seinen Beitrag zur Diskussionskultur um die Flüchtlingspolitik. Diese sieht er vor allem von älteren Männern beherrscht. Es gebe eine "Geronto-Maskulinisierung der Debatte", also "eine Maskulinisierung der öffentlichen Debatte durch ältere Männer, denen es eine unbändige Lust zu bereiten scheint, auf Ressentiments zurückzugreifen, die sie als wenigstens ansatzweise liberale Intellektuelle kaum je vorher gebraucht hätten".

In Nassehis Essay steckt eine spannende These, die sich lohnt, zu überprüfen. Wer wehrt sich aus welchen Gründen gegen Zuwanderung und sieht Fremde eher als etwas Bedrohliches und weniger als etwas Bereicherndes? Ökonomen nähern sich dieser Frage aus drei Richtungen:

Erstens würden sie vermuten, dass die Meinung über Flüchtlinge vor allem bei jenen Deutschen eine negative ist, die der Zuwanderung wegen unmittelbar unter wirtschaftlichen Druck geraten. Wenn in sozialen Brennpunkten Flüchtlinge finanzielle Unterstützung oder billigen Wohnraum beanspruchen, kann es zu einem Verdrängungseffekt kommen.

Wer selber von staatlicher Hilfe lebt, fürchtet, dass die Integrationskosten für die Flüchtlinge die ohnehin stets knappen Staatskassen zusätzlich belasten. So, dass weniger öffentliches Geld für andere und anderes zur Verfügung steht, beispielsweise für die Altenpflege, die Arbeitslosen oder strukturschwache Regionen. So lässt sich erklären, wieso in den Villen in den wohlhabenden Speckgürteln der Großstädte eher eine Willkommenskultur zu finden ist als in den ärmeren Wohnsiedlungen.

Wenn Neid in Hass umschlägt

Zweitens könnte es sein, dass die in der Aufnahmegesellschaft lebenden Menschen die Flüchtlinge auch jenseits ökonomischer Kosten-Nutzen-Effekte als Gefahr für die eigene Kultur und Religion oder ortsübliche Verhaltensweisen einschätzen. Wer befürchtet, dass sich "Deutschland abschafft", wird Flüchtlinge als Bedrohung sehen. Wer multikulti mag und neugierig auf Fremdes und Fremde ist, wird Zuwanderung als bereichernd bewerten.

Drittens ist aus der psychologischen Forschung bekannt, dass sich Menschen, die ihre Lebenssituation mit der anderer vergleichen, als Verlierer verstehen können. Neid und Verzweiflung, Hilf- und Hoffnungslosigkeit oder gar das Gefühl, von Politik und Gesellschaft unfair und schlechter als andere behandelt zu werden, können in Ärger, Wut und Hass umschlagen.

Wer meint, nicht erreicht oder erhalten zu haben, was er glaubt, zu verdienen, kann seine Bitterkeit dann auch auf Flüchtlinge ausrichten. Wer vom eigenen Leben enttäuscht ist, mag auch anderen und eben – oder erst recht? – auch den hierher Fliehenden kein besseres Leben gönnen.

Subjektive emotionale Betroffenheit

Die Wissenschaftler Panu Poutvaara vom Ifo-Institut in München und Max Steinhardt von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg haben sich die Mühe gemacht, anhand von Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel (SOEP) empirisch zu testen, welche der drei möglichen Erklärungen für Deutschland zutrifft. Und auch wenn sie nur den Zeitraum von 2005 bis 2010 untersuchten, also die Jahre vor den derzeitigen starken Flüchtlingswellen, sind ihre Ergebnisse erhellend.

Selbst in einem Umfeld schwacher Zuwanderung mit einem jährlichen Netto-Migrationssaldo von durchschnittlich weniger als 50.000 Personen (2005-2007) und sogar bei einer Nettoabwanderung (2008 und 2009) wurde offenbar, dass ökonomische Kosten-Nutzen-Überlegungen für die Stimmung der Bevölkerung eine vergleichsweise geringe Rolle spielen.

Wichtigster Stimmungsmacher für oder gegen Zuwanderung war die subjektive emotionale Betroffenheit jenseits wirtschaftlicher Kalküle. Persönliche Gefühle, die sich aus Bitterkeit, Frustration und Bösartigkeit speisen, sind offenbar stärkere Treiber als der Bildungsgrad, die Arbeitssituation oder die Angst vor Kriminalität.

Worum geht es wirklich?

Ein Ergebnis, das unabhängig von Geschlecht, Alter und Schichtzugehörigkeit Gültigkeit hat. Wer mit seinem eigenen Leben unzufrieden ist, überträgt seine Frustration auf andere und eben auch auf Zuwandernde, vielleicht auch, weil die Erfolge anderer einen eigenen Misserfolg noch schmerzlicher offenbaren.

Natürlich lässt eine einzige Studie noch keine abschließende Erkenntnis zu. Aber zumindest kann sie eine Motivation sein, zu überprüfen, was genau "empörte Grauköpfe" zu einer "Geronto-Maskulierung" der Flüchtlingsdebatte veranlassen könnte. Was sind die Motive hinter dem Ärger, der Wut und dem Hass, der die Diskussion über die Flüchtlingspolitik treibt – und das durchaus auf beiden Seiten, also sowohl bei den Befürwortern als auch den Gegnern einer Willkommenskultur?

Oft sind ihre Argumente und Vergleiche schräg, verzerrt, ohne Realität und jenseits aller Verhältnismäßigkeit. Könnte es sein, dass nicht immer, aber doch manchmal, die Flüchtlingspolitik den öffentlichen Zankapfel darstellt, aber eigentlich etwas ganz anderes der wirkliche Anlass des Streits ist? Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

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