Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Befristete Beschäftigung Das Märchen vom sicheren Job beim Amt

Im Öffentlichen Dienst arbeiten immer mehr Beschäftigte befristet, mit geringer Chance auf Übernahme. Das trifft vor allem junge Menschen. Linke und Gewerkschaften warnen vor einem großen Fehler.

Wer einen sicheren Job will, der geht in den Öffentlichen Dienst. Wer gut verdienen will, geht besser in die Privatwirtschaft – so war das früher. Heute stimmt das Bild vom sicheren Arbeitsplatz im Staatsdienst so nicht mehr. Zwar sind Kündigungen im Unterschied zur Privatwirtschaft nahezu unbekannt, dafür ist der Öffentliche Dienst die Befristungsbranche schlechthin.

Vor allem die Berufsanfänger trifft es: Der Anteil der befristeten Neueinstellungen im öffentlichen Dienst lag nach Angaben des Bundesinnenministeriums 2014 bei 45,2 Prozent, in der Privatwirtschaft nur bei 32,4 Prozent.

Die Hälfte der befristet Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist 25 bis 34 Jahre alt, fast ein Fünftel unter 25 Jahre. Zusätzlich hat sich die Dauer der Befristung in den vergangenen zehn Jahren für die 25- bis 34-Jährigen von 31 auf 58,5 Monate nahezu verdoppelt. Damit sind diese Beschäftigten im Öffentlichen Dienst im Durchschnitt fast fünf Jahre befristet und liegen so dreieinhalb Jahre über der Befristungsdauer in der Privatwirtschaft.

Gewerkschaften sprechen von Skandal

Ein Skandal, finden die Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes, die sich derzeit für die Tarifrunde mit Bund und Kommunen rüsten. Am Donnerstag wollen die Tarifkommissionen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und des dbb beamtenbund und tarifunion ihre Forderung beschließen – dabei dürfte es auch um die Befristungspraxis gehen.

"Bei Befristungsquoten zwischen 8,2 und 11,3 Prozent beim Bund und 12,3 Prozent in den Ländern ist die Mär vom sicheren Arbeitsplatz öffentlicher Dienst endgültig widerlegt", sagt dbb-Vizechef Willi Russ der "Welt". "Wir werden darüber auch in der anstehenden Tarifrunde zu reden haben."

Gerade für die dringend nötige Nachwuchsgewinnung und angesichts der aktuell besonders großen Herausforderungen für den Staat sei es ein besonderer Skandal, "dass vor allem jüngere Arbeitnehmer mehr als doppelt so oft befristet beschäftigt werden wie ihre älteren Kolleginnen und Kollegen." So schaffe man für die jungen Leute – aber auch für die eigene längerfristige Personalplanung – keine Perspektiven, klagt der Zweite Vorsitzende des Beamtenbundes.

Das Wissen geht in Rente

Tatsächlich ist der Öffentliche Dienst dringend auf Nachwuchs angewiesen. Bis zum Jahr 2020 werden 17,7 Prozent der jetzigen Beschäftigten in Rente gehen, im Jahr 2030 werden im Vergleich zu heute sogar fast die Hälfte der derzeit Beschäftigten ausgeschieden sein.

"Obwohl ein Großteil der Beschäftigten bald in Rente geht, verhält sich der Staat kontraproduktiv und befristet systematisch den Nachwuchs", kritisiert die gewerkschaftspolitische Sprecherin der Links-Fraktion, Jutta Krellmann. Mit den erfahrenen Beschäftigten gehe langfristig auch deren Wissen mit in Rente.

Geringere Chancen auf Übernahme

Kein Wunder, dass die Arbeit im Öffentlichen Dienst für junge Leute unattraktiv sei und sie nicht befristet arbeiten wollten, sagt Krellmann, die die aktuellen Zahlen im Innenministerium erfragt hatte. Gutes qualifiziertes Personal bekomme man auf Dauer nur durch gute Arbeit und gute Entlohnung. "Der Staat setzt sich selbst schachmatt", lautet das Fazit Krellmanns.

Das Ministerium weist in seiner Antwort daraufhin, dass befristet Beschäftigte "zum Teil" in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen werden und "befristete Einstellungen in einigen Behörden grundsätzlich mit dem Ziel der Übernahme erfolgen". Doch auch die Chancen auf eine Übernahme sind im Öffentlichen Dienst geringer als in der Privatwirtschaft. 2014 wurden in den Unternehmen 41,5 Prozent der Befristeten übernommen, in den Behörden waren es dagegen nur 32 Prozent.

Minijobs, Leiharbeit oder Praktika werden kaum genutzt

Doch warum geht gerade der Staat mit seinen Nachwuchskräften so stiefmütterlich um und befristet so häufig? Paradoxerweise liegt das wohl auch daran, dass es im Öffentlichen Dienst kaum Kündigungen gibt. Wer einmal drin ist, ist drin – bis zur Rente.

"Im Öffentlichen Dienst wird mehr befristet, aber es gibt weniger Kündigungen als in der Privatwirtschaft", sagt Christian Hohendanner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, das im Auftrag der Tarifparteien Entwicklung und Motive der befristen Beschäftigung im Öffentlichen Dienst untersucht hat.

"Da die betriebsbedingte Kündigung im öffentlichen Dienst weitgehend ausgeschlossen ist, sei der Einsatz befristeter Beschäftigung erforderlich, um eine flexible und bedarfsabhängige Anpassung des Personalbestands an sich verändernde Arbeitsvolumina und Aufgabenfelder zu ermöglichen", zitiert die Studie Personalverantwortliche aus Behörden. Hinzu kommt, dass andere flexible Erwerbsformen wie etwa Minijobs, Leiharbeit, Praktika oder freie Mitarbeit im öffentlichen Sektor im Vergleich zur Privatwirtschaft kaum genutzt werden.

Besonders viele Befristungen in wissenschaftlichen Einrichtungen

Hohendanner nennt noch andere Gründe für den vergleichsweise hohen Anteil an Befristungen bei den Staatsdienern: "Häufig sind es auch Vertretungsbefristungen, weil der Frauenanteil so hoch ist und oft Elternzeitvertretungen anfallen." Auch Vertretung wegen Krankheit spiele eine größere Rolle, weil die Belegschaft älter ist als in der Privatwirtschaft. Ein weiterer wichtiger Grund sind fehlende Planstellen. "Bestimmte Aufträge müssen erledigt werden, doch die Planstellen fehlen, das wird dann über Befristungen kanalisiert."

Im Übrigen verzerrt auch der hohe Anteil der Befristungen in wissenschaftlichen Einrichtungen und Hochschulen – er liegt dort bei den wissenschaftlichen Arbeitnehmern bei 90 Prozent – die Zahlen für den Öffentlichen Dienst insgesamt. "Wenn man die Wissenschaft außen vor lässt, ist der Befristungsanteil zwar etwas höher, aber nicht dramatisch", sagt Hohendanner.

Das liegt auch daran, dass der Anteil der Befristungen bei Neueinstellungen im Öffentlichen Dienst seit ein paar Jahren zurückgeht. Nach den Zahlen des Mikrozensus' erreichten die Befristungen vor zehn Jahren mit 63,9 Prozent an den Neueinstellungen ihren Höhepunkt. Heute liegt der Anteil nur noch bei 45,2 Prozent, so niedrig wie seit 1994 nicht mehr.

In der Privatwirtschaft liegt der Anteil dagegen seit zehn Jahren bei rund 35 Prozent. Warum der Anteil im Öffentlichen Dienst zurückgeht, können die Forscher nicht recht erklären. Sie vermuten aber einen Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Da sich die Rekrutierung von Fachkräften zunehmend schwieriger gestalte, könne in Zukunft die Frage an Bedeutung gewinnen, "wie geeignetes Fachpersonal rekrutiert und langfristig gebunden werden kann".

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

 
 
 
 
Mehr Artikel aus dem Ressort Wirtschaft