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Krisenstimmung in Moskau Russlands Energieminister sieht Erdölversorgung in Gefahr

Russland ist in die Krise gerutscht. Grund dafür ist der sinkende Ölpreis. Energieminister Alexander Nowak warnt vor den Folgen. Er sieht die Erdölversorgung in Gefahr - und nennt sogar ein Datum.

Sie haben sich mit dem saudischen Ölminister in Doha darauf geeinigt, die Ölförderung zu deckeln. Der Markt hat sich vom Ergebnis der Gespräche zunächst enttäuscht gezeigt, die Ölpreise fielen weiter. Was hat das Abkommen überhaupt gebracht?

Alexander Nowak: Ich denke, dass unser Treffen mit den Kollegen aus Saudi-Arabien, Katar und Venezuela recht produktiv war. Das wichtigste Ergebnis war die vorläufige Vereinbarung, die Fördermenge im Jahr 2016 auf dem Niveau von Januar 2016 zu deckeln. Eine endgültige Entscheidung wird getroffen, wenn sich die Mehrzahl der anderen Ölproduzenten dieser Initiative anschließt. Unseres Erachtens gewährleistet diese Herangehensweise eine gleitende Beendigung des Überangebots und stabilisiert die Preise auf einem Niveau, das der Branche eine langfristige Stabilität bietet.

Gesetzt den Fall, die anderen machen mit. Dann bleibt noch immer der Befund der Analysten, dass es nicht nur ein Einfrieren, sondern eine Reduktion der Förderung braucht, um den Preis zu stabilisieren.

Diese Vorschläge treten periodisch auf. Uns aber scheint, dass dies kurzfristig zu einer künstlichen Preissteigerung führen würde. Der gestiegene Preis würde wiederum zu einem Zufluss von Spekulationskapital in kapitalintensive Projekte wie zum Beispiel der Schieferöl-Produktion führen, was dann wieder einen Anstieg des Angebots und einen Preisverfall nach sich ziehen würde. Entscheidend wird nun sein, bei welchem Ölpreis die Förderung von Schieferöl unrentabel wird. Liegt der Ölpreis darüber, hätten wir wieder diesen schnellen preissenkenden Effekt. Gerade deshalb brauchen wir die Konsultationen, um zu verstehen, wer die jetzige Situation wie bewertet.

Aber der bisherige Preisverfall in den vergangenen 18 Monaten hat längst massive Auswirkungen auf Produzenten mit hohen Produktionskosten.

Ja, wenn auch langsamer, als ursprünglich erwartet worden war. Das ist der Unterschied zu früheren Zyklen, als die Ölexportländer den Markt allein mit Änderungen beim Volumen regulieren konnten. Mit dem Jahr 2009 und dem Beginn der Schiefergastechnologie hat sich die Situation geändert.

Stimmen Sie also der Internationale Energieagentur zu, die erklärte, dass es entgegen den Erwartungen auch 2016 zu keiner Stabilisierung des Ölpreises kommen wird?

Im Großen und Ganzen stimme ich zu. Denn als der Preis Mitte 2014 zu sinken begann, glaubten viele, die Förderung würde schneller zurückgehen. Das war nicht der Fall. Wir sehen, dass der vorherige hohe Preis von über 100 Dollar je Barrel tatsächlich sehr hoch war und dass die Ölfirmen den Preisverfall aushalten und auch jetzt weiter fördern. Nachfrage und Angebot wuchsen also gleichermaßen, und die Schere zwischen ihnen wurde nicht kleiner.

Deshalb ändern jetzt auch alle ihre Prognosen, was das Ende dieses Zyklus betrifft. Der begrenzte Zugang zu Finanzmitteln und die Verzögerungen bei der Umsetzung einiger Projekte werden dazu beitragen, den Markt wieder in die Balance zu bringen und die Förderung außerhalb der Opec zu reduzieren, insbesondere in Nordamerika. Dort, in den USA, ist ja die Anzahl der Bohrtürme bereits um zwei Drittel zurückgegangen.

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Nicht nur in den USA. Alle führenden internationalen Ölkonzerne haben ihre Investitionsprogramme im Vorjahr um zehn bis 35 Prozent gekürzt. Welche Kürzungen sind für 2016 zu erwarten?

Unter Berücksichtigung der Preiskonjunktur im Jahr 2016 erwarten wir weitere Kürzungen um 15 bis 40 Prozent. Folglich könnten die Investitionen der 30 größten Unternehmen im Jahr 2016 um 200 Milliarden Dollar niedriger ausfallen, als in der Vorkrisenzeit geplant war. Gleichzeitig beobachten wir eine Verteuerung von Krediten für Erdölproduzenten in den USA, was den Zugang zu Finanzen erschwert.

Was sind die absehbaren Folgen der Investitionskürzungen?

Auf die weltweite Förderung an Erdöl in der nächsten Zeit sind keine wesentlichen Auswirkungen zu erwarten. Mittel- und langfristig aber sehr wohl, weil wichtige Förderprojekte verschoben oder "eingefroren" werden, die die Stabilität und Sicherheit bei der Bedienung der globalen Nachfrage gewährleisten sollten. So kann man durchaus sagen, dass die stabile Erdölversorgung nach 2020 gefährdet ist. In diesem Zusammenhang stellt sich Russland der Aufgabe, ein zuverlässiger und stabiler Öllieferant weltweit und auf lange Zeit zu bleiben.

Könnte sich Russland im Interesse einer Preisstabilisierung überhaupt zu Förderkürzungen durchringen?

Wir haben das nicht genau durchkalkuliert. Für Russland ist das eine schwierige Frage angesichts der Technologie, des Zustands der Projekte und der klimatischen Bedingungen. Bedenken Sie: Russland hat mehr als 170.000 Förderlöcher. Ihre Zahl zu verringern ist sehr schwer. Im Nahen Osten sind weitaus weniger Bohrlöcher in Betrieb, Saudi-Arabien etwa fördert die gleiche Menge wie wir aus 3500 Bohrlöchern. Und außerdem sind unsere Ölkonzerne selbstständige Aktionärsgesellschaften, die über ihre Produktionspläne selber entscheiden.

Der Chef des zweitgrößten russischen Ölkonzerns Lukoil, Vagit Alekperov, sagte kürzlich, der russische Ölsektor fürchte vor allem, dass der Staat die Besteuerung des Sektors ändert.

Ich teile die Meinung der Ölkonzern-Chefs, dass es ein stabiles Steuersystem geben muss. Es ist ohnehin der Ölpreis gefallen und der Rubel mit ihm, dazu kommen Finanzierungsprobleme: Wenn man da noch die Besteuerung ändern würde, ist jegliche Kalkulierbarkeit im Eimer, und der Planungshorizont der Ölfirmen würde sich auf ein Jahr beschränken. Wir haben gerade in den vergangenen paar Jahren wichtige Weichenstellungen bei der Besteuerung vorgenommen, die die Förderung aus neuen Lagerstätten in Ostsibirien und im Fernen Osten stimulieren sollen. Der Effekt ist schon da: 2015 förderten wir da 60 Millionen Tonnen.

Und im arktischen Gebiet?

Unsere Produktion dort wird geschoben, weil sie teuer ist. Dafür werden im Ochotskischen Meer und im Kaspischen Meer die Investitionen erhöht, weil es steuerlich attraktiv ist. Längerfristig gesehen werden wir unabhängig von der Ölpreisdynamik das Steuersystem ändern müssen. Wir bereiten gemeinsam mit dem Finanzministerium im Laufe des Jahres entsprechende Vorschläge vor.

Russland kämpft bekanntlich damit, dass die Produktion aus den bestehenden Lagerstätten abnimmt. Wenn nun noch Investitionskürzungen kommen, wird man dann nicht spätestens 2017 hinter dem Ziel, das jetzige Förderniveau zu halten, zurückbleiben?

Viel wird von der Situation beim Ölpreis und beim Rubelkurs abhängen. Alle unsere Konzerne bestätigen, an den Bohrungen zur Unterstützung der Förderung aus den bestehenden Lagerstätten festzuhalten. In neue Projekte wird bei einem solchen Ölpreis aber kaum investiert werden. Die Investitionen werden also nicht um 100 Prozent, sondern um 20 bis 30 Prozent gekürzt.

"Russland ist ein zuverlässiger Lieferant", sagt zumindest Energieminister Alexander Nowak. (Foto: DPA)

Mittel- und langfristig kommen zusätzlich die westlichen Sanktionen auf Förderanlagen für unkonventionelle und teure Lagerstätten zum Tragen. Wie sehr ist der Effekt schon spürbar?

Der Einfluss auf das gesamte Fördervolumen ist sehr gering. In den vergangenen beiden Jahren haben wir gerade mal je 18 Millionen Tonnen aus solchen schwierigen Feldern gepumpt – das sind drei Prozent der Gesamtförderung. Die Erhöhung dieses Anteils ist eine Frage der Zukunft.

Ohne westliche Technologie ist die aber gefährdet.

Nun, es gibt auch einen gegenteiligen Effekt. Weil unsere Unternehmen in diesem Bereich nicht mit westlichen Firmen zusammenarbeiten können, begannen sie die Arbeit eben selbstständig. Und sie begannen die nötige Technologie dafür in Russland herzustellen.

Mal ehrlich, in einigen Jahren holt man das nicht auf.

Wir erreichen zumindest unsere Ziele. In drei Jahren haben wir unsere bestehende Technologie ausreichend modernisiert. Die Spezialisten, die wissenschaftliche und praktische Grundlage dafür sind ja vorhanden. Viele Konzerne arbeiten daran.

Zum Gassektor: Die EU-Kommission will Zugang zu allen Gaslieferverträgen erhalten. Wovon zeugt das Ihres Erachtens?

Das kann ich schwer kommentieren. Wir gehen davon aus, dass kommerzielle Verträge eine Sache zwischen zwei Unternehmen sind.

Beunruhigt Sie das Verhalten der EU?

Einige Vertreter der EU wollen, dass Lieferverträge von der EU-Kommission koordiniert werden. Aber viele Länder sind damit nicht einverstanden. Es wird vieles von ihnen abhängen.

Reibungen zwischen der EU und Gazprom haben mittlerweile lange Tradition. Gazprom hat sich lange aggressiv und despektierlich über die EU geäußert. Nun ist der Ton leiser geworden. Wie würden Sie das Verhältnis zum gegenwärtigen Zeitpunkt definieren?

Wir gehen davon aus, dass Russland ein zuverlässiger Lieferant und die Beziehung für beide Seiten vorteilhaft ist. Deshalb hat man ja die Infrastruktur errichtet. Und jetzt steht ihr Ausbau bevor – im Bewusstsein, dass Europas eigene Förderung sinkt, die Nachfrage aber wächst.

Aber die Reibungen sind nicht ohne. Ist Europas Politik konstruktiv?

Die Politik überwiegt über dem wirtschaftlichen Moment der Lieferung von Gas und Öl. Aus politischen Motiven wurde die Pipeline South Stream blockiert. Aus politischen Motiven wird auch versucht, den Ausbau der Ostseepipeline Nord Stream zu behindern. Es fällt doch auf, dass die ersten beiden Stränge von Nord Stream nicht behindert wurden und offenbar EU-Recht entsprachen.

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Die beiden neuen Stränge werden jetzt aber anders beurteilt. Auch sehen wir, dass in der EU-Energiestrategie das Verhältnis zu Russland gar nicht erwähnt wird. Wie das, wo doch Russland der größte Lieferant von Energieträgern ist? Wir hoffen, dass die pragmatische Seite der Frage obsiegt. Wir müssen das Verhältnis auf Grundlage gegenseitiger Interessen, Garantien und Langfristigkeit gestalten.

Ich nehme an, Sie bauen auf Deutschland als Befürworter des Nord-Stream-Ausbaus.

Wir bauen darauf, dass dieses Projekt vor allem ein wirtschaftliches ist. Die größten Energiekonzerne Europas sind daran interessiert. Denn es ist ein langfristiges Projekt. Und als solches kann es mit anderen Gas- und Flüssiggaslieferanten, auf die jetzt gesetzt wird, konkurrieren.

Also Nord Stream oder weiterhin Gastransit durch die Ukraine?

Wir schließen nicht aus, dass ein Teil der Lieferungen auch weiterhin über die Ukraine läuft. Die Frage ist eine andere, und zwar, wie wirtschaftlich zweckmäßig die Lieferung ausschließlich über das bestehende Pipelinesystem ist. Alternativpipelines schaffen Konkurrenz und verbilligen den Transport auch für die europäischen Kunden. Wenn ein Land ein Transitmonopol hat, wirkt sich das auf den Transportpreis aus und schafft Risiken. Die Ukraine hat schon eine vielfache Erhöhung des Transitpreises angekündigt.

Wir stehen also am Scheideweg?

Es wird in jedem Fall bestehende und neue Routen geben. Wir gehen davon aus, dass man Konkurrenz bei den Gaslieferrouten schaffen muss. Auch Europa spricht ja von Diversifizierung bei der Lieferung und unterstützt andere – nicht russische – Pipelines wie TAP oder TANAP. Wenn man aber sagt, diese Route ist vorteilhaft, die andere aber solle man nicht bauen, so ist das ein rein politischer Zugang.

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