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Schweinefleisch-Konsum Bauern leiden unter der Schnitzel-Krise

Schweinefleisch hat in Deutschland einen ramponierten Ruf - aus unterschiedlichen Gründen. Der Konsum geht von Jahr zu Jahr zurück. Für die Bauern ist das eine Katastrophe.

Als alles vorbei ist, die Reden gehalten, der Applaus verklungen und auch der Ärger, da gibt es endlich: Schnitzel. Mit Kartoffelsalat. Und Hackfleisch mit viel Zwiebeln. Bier dazu. Alles ist jetzt so, wie man es sich so vorstellt, wenn man sich auf den Weg zum großen Jahrestreffen der deutschen Schweinehalter macht. Deutschlands wichtigsten, größten und zugleich umstrittensten Fleischproduzenten.

Die Branche hat schon bessere Zeiten erlebt, keine Frage. Rund 27.000 Betriebe, in denen Schweine gehalten werden, gibt es heutzutage noch in Deutschland, das sind halb so viele wie vor zehn Jahren. Die Marktpreise für Schweinefleisch sind am Boden. Davon kann man sich in jeder Aldi-Filiale überzeugen. Ein Kilo Nacken 3,99 Euro, davon kann eine Familie schon satt werden.

Beim Großschlachthof erzielen die Erzeuger derzeit einen Preis von circa 1,30 Euro pro Kilo, vor gut einem Jahr waren es noch 1,80 Euro. Auch die Exportmärkte, für Deutschlands Bauern überlebenswichtig, sind umkämpfter denn je. Russland fällt aufgrund der von der Politik in der Krim-Krise verhängten Sanktionen komplett aus.

Dazu kommt: Auch der Ruf des Fleisches hat in den vergangenen Jahren erheblich gelitten. Experten, Ärzte, Politiker aller Couleur raten Deutschlands Verbrauchern zu vermindertem Fleischgenuss. Von radikalen Tierschützern mit ihren moralisierenden Aktionen gegen die Massentierhaltung ganz zu schweigen. Die Grünen haben mit ihrem sogenannten Veggie Day zwar Schiffbruch erlitten – aber auch so nehmen viele Kantinen bundesweit Schweinefleisch inzwischen aus ihrem Angebot.

Auch, weil ein Teil der Kundschaft aus religiösen Gründen als Abnehmer erst gar nicht infrage kommt. Die von der Bundesregierung aufgelegte Ernährungskampagne "In Form" rät den Bürgern, ihren Fleischkonsum pro Kopf und Jahr glatt zu halbieren. 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche reichten aus. Darauf kommt man am Büfett so eines Schweinehalter-Kongresses locker an einem Abend.

Schweinefleisch – eigentlich seit Jahrzehnten in Form von Schnitzel, Bratwurst oder Metzgeraufschnitt eine Art Lieblingslebensmittel der Deutschen – ist in eine Negativspirale geraten. Der Absatz auf dem heimischen Markt ist rückläufig; die Konkurrenz durch ausländische Produzenten wird stetig größer; der Ruf zumindest in den bürgerlichen Großstadtvierteln der Republik ziemlich ramponiert.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Jedes dritte deutsche Schwein kommt aus Niedersachsen

Darüber aber wird – bemerkenswert in einer Branche, der gern unterstellt wird, dass sie zum Jammern neige – gar nicht lange debattiert in der Osnabrücker Stadthalle. Dort erklärt gerade Heinrich Dierkes, der Vorsitzenden der "Interessengemeinschaft Schweinehalter Deutschlands" (ISN), was seinem Verband und seinen Bauern in Wirklichkeit auf den Nägeln brennt. Nicht die sinkenden Preise, nicht der Alarmismus der Tierschützer, erst recht nicht der Schweinefleischverzicht in den Kantinen. Sondern der "drastisch gestiegene bürokratische Aufwand für Landwirte".

Mit dem "Schweinezyklus" – dem Fakt also, dass sein Produkt mal mehr und mal weniger im Trend liegt, mal höhere, mal niedrigere Preise erziele –, sagt ISN-Chef Dierkes, hätten die Bauern ja schon immer gelebt, leben müssen. Was die Branche dagegen "an den Rand der Existenz" bringe, was "das Fundament eines ganzen Wirtschaftszweiges bröckeln" lasse, sei der schiere Wust an papierenen Vorschriften, Kontrollen, Überprüfungen durch die Behörden. Sie zwängen die Schweinehalter mittlerweile, mehr Zeit am Schreibtisch zu verbringen als im Stall.

Die unternehmerische Freiheit, kritisiert Dierkes in seiner Ansprache an die 300 in Osnabrück versammelten Schweinehalter, werde immer stärker eingeschränkt, jegliche Innovation auf den Höfen im Keim erstickt. Dies und die mit dem bürokratischen Aufwand verbundenen höheren Kosten der heimischen Landwirte gegenüber ihren Konkurrenten im Ausland gefährde zigtausend Arbeitsplätze; vor allem in Niedersachsen und Westfalen, den Hochburgen der deutschen Veredlungsindustrie, wie sich die Fleischproduzenten gern selbst bezeichnen.

Jedes dritte Schwein, stellt wenig später der Gastredner dieses Tages, Ministerpräsident Stephan Weil, fest, "ist ein Niedersachse beziehungsweise eine Niedersächsin". Weil, Sozialdemokrat, steht einer rot-grünen Landesregierung vor; ein Umstand, der die Tendenz zu bürokratischer Kontrolle zunächst einmal nicht gerade gebremst hat.

(Foto: Infografik Die Welt)

Landesregierung und Schweinezüchter nähern sich aneinander an

Dennoch betont Bauer Dierkes – und das ist überraschend nach den überhitzten Debatten, die zwischen den häufig grün geführten Agrarministerien der Länder und den Bauernverbänden lange Zeit geführt wurden – "dass wir inzwischen wieder Zugang zur Politik" gefunden haben. Gerade in Niedersachsen. Aus Konfrontation, so Dierkes, insbesondere mit dem als "grünem Bauernschreck" ins Amt gelangten Landwirtschaftsminister Christian Meyer, sei mittlerweile Dialog geworden.

Man sei inzwischen wieder im Gespräch miteinander, ein gemeinsamer "Masterplan für die nachhaltige Nutztierhaltung" soll in den kommenden Monaten gemeinsam mit der Landesregierung erarbeitet werden. Auch beim Tierwohl, bei der "Ringelschwanzprämie", ist man sich nähergekommen, bei der Raumordnung, die auf dem Lande für Aufregung gesorgt hatte, auch; selbst bei der umstrittenen Düngeverordnung macht man sich inzwischen gemeinsam auf den Weg. Abrüstung, keine Frage, ist Stall-Devise in den Zeiten der Krise. Das gilt für beide Seiten. Für die Schweinehalter. Wie für die Landesregierung.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident ist ja in diesen Zeiten dankbar für jeden Verbündeten. Zwar sind es noch fast zwei Jahre hin bis zur nächsten Landtagswahl. Aber zum einen ist der dauerhaft negative Bundestrend, dem die Sozialdemokraten unterliegen, auch Stephan Weil nicht entgangen. Also versichert der "gelernte Großstädter" Weil, nach einer Phase "wechselseitiger Skepsis", wie er selbst es ausdrückt, die versammelten Schweinehalter in Osnabrück nicht nur seines "zunehmenden Interesses an der Landwirtschaft".

Der Ministerpräsident verspricht den Landwirten auch, dass seine Regierung sich dem dringenden Wunsch der Branche nach einem Bürokratieabbau nicht weiter entziehen werde. Im Gegenteil: "Es gibt sicher eine Menge Sachen, die man schlanker machen kann." Gerade in Zeiten, in denen die gesellschaftlichen Erwartungen an die Bauern immer höher und die Herausforderungen der Märkte immer komplexer würden. "Man kann von einem Ochsen", so Weil mit nicht ganz zum Anlass passender Metapher, "nicht mehr als Rindfleisch erwarten."

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