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Demografie-Falle "Alterungs-Tsunami" rast auf Deutschland zu

Deutschland altert rapide. Mittlerweile ist klar: Es handelt sich um einen historisch erstmaligen Vorgang. Der Ökonom Thomas Straubhaar beschreibt die dramatischen Folgen für die Gesellschaft.

Ein "Alterungs-Tsunami" rast auf Deutschland zu. Immer weniger Jüngere werden immer mehr Älteren gegenüberstehen. 1950 bildeten die Jugendlichen die stärkste Altersgruppe. 30 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen waren jünger als 20 Jahre und nur 15 Prozent älter als 60. Nur eine von hundert Personen war älter als 80 Jahre.

Zur Jahrtausendwende hatte sich das Schwergewicht bereits spürbar zu den Älteren hin verlagert. Nun waren noch etwas mehr als 20 Prozent jünger als 20 Jahre, jede vierte Person war älter als 60 Jahre, und der Anteil der über 80-Jährigen erreichte fast vier Prozent – viermal mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor.

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Im Jahr 2050 werden – je nach Annahme der jährlichen Zuwanderungsüberschüsse – die Jüngeren zur Minderheit und die Älteren zur Mehrheit werden. Der Anteil der unter 20-Jährigen an der Bevölkerung dürfte auf 16 Prozent sinken, jener der über 60-Jährigen auf fast 40 Prozent steigen. Gegen zehn Millionen Menschen werden 2050 älter als 80 Jahre sein – dreimal so viele wie zur Jahrtausendwende und fast 15-mal mehr als ein Jahrhundert früher.

Ein historisch erstmaliger Vorgang mit Folgewirkung

Am eindrücklichsten lässt sich der demografische Alterungsprozess der Bevölkerung anhand des Medianalters darstellen. Das Medianalter teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften. 50 Prozent der Bevölkerung sind jünger und 50 Prozent sind älter als das Medianalter.

1950 lag das Medianalter bei 35 Jahren, zur Jahrtausendwende bei 40 Jahren. 2050 wird das Medianalter – je nach Zuwanderungsüberschuss und Weiterentwicklung der Lebenserwartung – bei etwa 50 Jahren liegen.

Innerhalb eines Jahrhunderts wird somit in Deutschland das Medianalter um 15 Jahre angestiegen sein – ein historisch erstmaliger Vorgang ohne Präjudiz! Mit enormen Folgewirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Die offensichtlichste Herausforderung zeigt sich beim Rentensystem, das in Deutschland nach dem Umlageprinzip funktioniert. Im Gegensatz zum kapitalgedeckten Verfahren sorgen die Erwerbstätigen während ihrer Erwerbsphase nicht für ihre eigene Rente vor. Vielmehr finanzieren sie durch eine direkte Umlage die aktuellen Generationen von Rentnerinnen und Rentnern.

Sinken die Geburtenzahlen, gibt es immer weniger Erwerbstätige, um die Rentnerinnen und Rentner zu finanzieren. Gleichzeitig steigt der Finanzbedarf des Sozialstaates aufgrund der längeren Rentenbezugszeiten, verursacht durch die gestiegenen Lebenserwartungen.

Höhere Lebensarbeitszeit befördert lebenslanges Lernen

Die Last, die Alten und Älteren zu unterstützen, wird von zahlenmäßig schwächer werdenden jüngeren Schultern zu tragen sein. Für kommende Generationen wird es somit immer schwieriger werden, die Erwartungen der Vorfahren erfüllen zu können.

Das einfachste Argument, wie der Alterung der Bevölkerung wirtschaftspolitisch begegnet werden kann, liegt auf der Hand. Eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit wäre in doppelter Hinsicht wirkungsvoll: Einerseits würde die Zahl der Rentnerinnen und Rentner langsamer steigen, andererseits würde die Zahl der Erwerbsfähigen höher bleiben.

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Eine verlängerte Lebensarbeitszeit ergibt sich nicht zuletzt aus den Gegebenheiten einer Wissensgesellschaft. Noch nie waren so viele Deutsche so gut gebildet wie heute.

Jugendliche beanspruchen immer mehr Zeit für ihre Ausbildung. Sie kommen deshalb erst in fortgeschrittenem Alter auf den Arbeitsmarkt. Zudem wird von ihnen eine stetige Weiterqualifizierung erwartet, um den Erfordernissen neuer Technologien entsprechen zu können. Auch in dieser Fortbildungsphase werden sie dem Arbeitsmarkt temporär entzogen.

Die Erhöhung der Lebensarbeitszeit erlaubt, das über ein ganzes Leben angeeignete Wissen und Können auch länger zu nutzen. Sie erhöht die Aus- und Weiterbildungsrendite und verstärkt damit Anreize zum lebenslangen Lernen.

Neue Rentenformel bringt mehr Altersfreizeit

Die konkrete Umsetzung der geforderten Verlängerung der Lebensarbeitszeit müsste in Form eines automatisch atmenden Systems erfolgen. Das Renteneintrittsalter sollte im Einklang mit der weiter steigenden Lebenserwartung angehoben werden. Dadurch würden die Alterssicherungssysteme in zweierlei Hinsicht entlastet: einerseits durch die verlängerte Erwerbstätigkeit und andererseits durch die verkürzte Rentenbezugszeit.

Wenn die Lebenserwartung bei Geburt pro Kalenderjahr um mehr als zwei Monate steigt, sollte die eine Hälfte dieser gewonnenen Lebenszeit als Erwerbszeit genutzt und die andere Hälfte als Freizeit genossen werden. Das würde bedeuten, dass das Renteneintrittsalter Jahr für Jahr um jeweils einen Monat ansteigen würde.

Dennoch dürften die Seniorinnen und Senioren immer länger eine Rente beziehen. Die neue Rentenformel müsste demgemäß lauten: durchschnittliche Lebenserwartung minus x gleich gesetzliches Renteneintrittsalter – wobei x der Lebenszeit im Alter ohne Erwerbstätigkeit entspricht.

Auf der Basis heutiger Verhältnisse ergeben sich folgende Zahlen für die neue Rentenformel: 81-16=65. In zehn Jahren (2026) würde daraus 83-17=66 und in zwanzig Jahren (2036) 85-18=67. Anders als heute müsste also nicht das Renteneintrittsalter erhöht, sondern die Altersfreizeit könnte von heute 16 zunächst auf 17 und schließlich auf 18 Jahre verlängert werden!

Frühverrentung widerspricht dem Zeitgeist

Heute liegt die durchschnittliche Lebensarbeitszeit bei 37,5 Jahren (nach 34,7 Jahren in der vergangenen Dekade). Mit einer automatischen Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung würde das Arbeitsleben pro Dekade gegenüber heute um ein Jahr verlängert – aber auch nach 2030 noch immer unter 40 Jahren bleiben, was wesentlich weniger ist als in früheren Zeiten.

Um die älteren Menschen wieder stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sind einige Korrekturen der bisherigen Politik notwendig. Ein Verständnis, das über 50-Jährige als nicht mehr oder nur erschwert vermittelbar einstuft, entspricht nicht der Realität. Ein frühzeitiges Ausscheiden zu fördern oder die Frührente attraktiv zu machen widerspricht dem Zeitgeist.

Klüger ist es, älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu ermöglichen, ihre sozialen Kompetenzen sowie ihre Berufs- und Lebenserfahrung einzubringen. Dazu gehören beispielsweise Stellen mit kürzeren und flexibleren Arbeitszeiten, die Teilzeitarbeit, Job Sharing und andere Formen der individuellen Arbeitszeitregelung ermöglichen. Dazu gehört aber auch eine altersspezifische Weiterbildung, die zu einer erhöhten Produktivität und verbesserten Mobilität älterer Arbeitskräfte beiträgt.

Soziale Kompetenzen werden immer wichtiger

Entgegen landläufigen Vorurteilen ist es nicht zwingend, dass der rasche technologische Fortschritt die über 50-Jährigen in besonderem Maße trifft. Gerade der Strukturwandel vom Industrie- zum Dienstleistungszeitalter bietet besonders gute Möglichkeiten, sich auch mit fortschreitendem Alter in die Arbeitswelt zu integrieren.

In Zukunft werden soziale Kompetenzen, Kommunikations- und Teamfähigkeiten, Erfahrung und Geduld, Kreativität und Neugier immer wichtiger werden. Dies sind Faktoren, die mit zunehmendem Alter nicht zwangsläufig schlechter werden müssen.

Wie viel aktiver als noch vor wenigen Jahren ältere Menschen heute bereits sind, zeigt sich nicht nur bei der Erwerbstätigkeit. "So nutzten im Jahr 2014 bereits 57 % der Seniorinnen und Senioren einen Computer. Seit 2010 ist dieser Anteil um acht Prozentpunkte gestiegen. Der Anteil der Internetnutzerinnen und -nutzer an den Personen ab 65 Jahren hat sich im selben Zeitraum von 35 % auf 45 % erhöht. Rund 42 % der Gasthörerinnen und Gasthörer an deutschen Hochschulen waren im Wintersemester 2014/2015 mindestens 65 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor hatte der Anteil noch 31 % betragen", heißt es in einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes.

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Eine andere, politökonomische und gesellschaftliche Frage bleibt es natürlich, ob eine Anhebung des Rentenalters politisch durchsetzbar ist. Denn damit werden ganz direkt die Interessen der Alten und Älteren tangiert. Selbst wenn viele durchaus bereit sind, länger zu arbeiten, bedeutet ein höheres Renteneintrittsalter den Abbau politisch über Jahrzehnte hart erkämpfter sozialer Rechte und Ansprüche.

Auf der anderen Seite werden die Jüngeren und Jungen entlastet. Was bei den Rentenauszahlungen eingespart wird, müssen sie nicht in die Rentenkassen einzahlen. Entsprechend geringer sind die Beiträge zur Rentenversicherung. Es stehen sich also die Interessen der Rentner (die gerne mehr Rente länger erhalten würden) und die Interessen der Erwerbstätigen (die lieber weniger Abzüge von ihren Bruttogehältern hätten) entgegen.

Gehässiger Protest der Grauhaarigen

Gerade die demografische Alterung verschiebt die politische Macht von den Jüngeren zu den Alten. Nicht erst in einer fernen Zukunft, sondern heute schon lässt sich in Deutschland gegen die Macht der Älteren keine Politik mehr machen. Wahlsiege und Mehrheiten gibt es nur noch mit und nicht mehr ohne Zustimmung der Senioren.

Wer das verkennt, hat in alternden Demokratien keine politische Überlebenschance. Er wird vom lauten, oft schrillen, manchmal gar gehässigen Protest der Grauhaarigen aus dem Amte gemobbt.

Wer es angesichts der demokratischen Mehrheiten riskiert, sich der Macht der Senioren entgegenzustellen, hat es bereits heute schwer. Er wird es künftig noch schwieriger haben. Noch für viele Jahre steigt jeden Tag das Medianalter weiter an, und die politischen Gewichte verschieben sich noch stärker zugunsten der älteren Bevölkerung.

Je länger gewartet wird, sich dem Diktat der Alten zu widersetzen, umso hoffnungsloser wird es für die junge Generation und ihre Kindeskinder werden, eine Herrschaft einer demografisch alternden Bevölkerungsmehrheit zu verhindern. Gegen die Interessen der Betroffenen und deren politische Übermacht wird sich keine Politik sinkender Renten durchsetzen lassen.

Eltern verwalten die Wahlstimme ihrer minderjährigen Kinder

Noch nicht geborene Kindeskinder oder Kleinkinder haben keine Lobby, weil sie kein politisches Gewicht haben. Sie können weder wählen noch abstimmen. Um die Jungen gegen eine Diktatur der Alten zu schützen, sollten Kinder das aktive Wahlrecht erhalten.

Für Kinder unter 18 Jahren müssten Eltern oder Sorgerechtsvertreter die politischen Interessen ihrer Zöglinge bis zu deren politischen Volljährigkeit treuhänderisch wahrnehmen können. Das tun sie als Erziehungsberechtigte ja ohnehin in allen anderen Bereichen. Wieso nicht auch bei politischen Entscheidungen?

Wenn Kinder von Geburt an das aktive Wahlrecht erhalten, werden sie für die heutige Politik interessant(er). Sie wären dann nicht mehr länger machtlos und müssten ohnmächtig zusehen, wie ungeniert die älter werdende Gesellschaft von heute zu oft und zu weitreichend die Handlungsspielräume kommender Generationen verengt.

Dann hätten auch Kinder wenigstens indirekte Macht und Mitsprache, über ihre eigene Zukunft selber zu entscheiden. Dann hätten auch sie eine Stimme, die gehört werden müsste.

Dieser Text ist ein Auszug aus Thomas Straubhaars Buch "Der Untergang ist abgesagt – Wider die Mythen des demografischen Wandels". Edition Koerber-Stiftung, 208 Seiten, erscheint am 7. März 2016, ISBN: 3896841742

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