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Europa So teuer wäre die Abschaffung des Schengenraums

Die Kosten neuer Grenzen in Europa wären sehr hoch, so eine neue Studie. Das gilt für Deutschland, aber vor allem auch für jene Länder, die am lautesten nach Kontrollen an den Grenzen rufen.

In einem Punkt sind sich Jean-Claude Juncker und Angela Merkel einig: Ohne Schengen ist der Euro sinnlos. Bei ihrem Auftritt in der Sendung "Anne Will" machte die Bundeskanzlerin jüngst klar, dass die Wiedereinführung von Grenzkontrollen die europäische Währung negativ berühren würde. Und der Kommissionspräsident hat sich ähnlich geäußert.

Freier Grenzverkehr zahlt sich aus. Ein Ende des Schengen-Abkommens dagegen würde das Bruttoinlandsprodukt der europäischen Staaten drastisch senken. (Foto: Infografik Die Welt)

Zwar würde das Ende von Schengen, also des freien Personen- und Güterverkehrs in der Europäischen Union, nicht das sofortige Ende des Euro herbeiführen. Verschiedene hochrangige Ökonomen haben aber gute Argumente dafür, dass es die Zentrifugalkräfte in Europa verstärkt. Vor allem eine dauerhafte Schließung der Grenzen hätte negative Folgen für die europäische Wirtschaft.

Vor dem Krisengipfel mit der Türkei Anfang nächster Woche, der eine deutliche Reduzierung der Flüchtlingszahlen bringen soll, ist die Anspannung groß. Gelingt es nicht, den Strom der Migranten einzuschränken, dürfte das Prinzip der offenen Grenzen so vehement wie noch nie infrage gestellt sein.

Politisch wie ökonomisch sind die Einsätze hoch. "Für Europa steht es Spitz auf Knopf", sagt Martin Moryson, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim. "Sollte eine gemeinsame Flüchtlingspolitik scheitern, droht eine Schließung der Grenzen."

Entweder man riegle Europa dann an den Außengrenzen hermetisch ab, oder man gebe Schengen auf. "Beides wäre das Ende der EU in ihrer jetzigen Form", warnt der Ökonom.

Handel und Logistik wären besonders betroffen

Die Einschätzungen über die Folgekosten eines Schengen-Aus gehen weit auseinander. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und andere große Wirtschaftsverbände warnten in einer gemeinsamen Erklärung: "Eine Beschädigung oder gar ein Scheitern des Schengenraums wäre ein schwerwiegender Rückschlag für die EU und ihre Bürger." DIHK-Präsident Eric Schweitzer sprach von einem "sehr hohen Wohlstandsverlust" für die Deutschen.

Dagegen erklärte der scheidende Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, wieso die EU scheitern sollte, wenn man die Grenzen kontrolliert, sei ihm schleierhaft. Lasse man nur genügend Zöllner parallel arbeiten, werde es wohl nicht mal Staus geben.

Noch richten sich 26 Länder in Europa nach den Bestimmungen im Schengen-Abkommen. (Foto: Infografik Die Welt)

Bestätigung für die Pessimisten kommt jetzt von einer Studie, die die Ökonomin Elga Bartsch und ihre Kollegen für die US-Investmentbank Morgan Stanley erstellt haben. Demnach liegt die Sprengkraft von neuen innereuropäischen Grenzkontrollen vor allem in dem potenziellen Rückschlag für das europäische Investitionsklima. Im negativen Fall könnten neue Schlagbäume den gesamten Kontinent wirtschaftlich um Jahre zurückwerfen.

"Das Aussetzen von Schengen würde das Funktionieren des Binnenmarkts infrage stellen, es würde den grenzüberschreitenden Handel, die Logistikbranche und den Tourismus beeinträchtigen", sagt Bartsch. Unter den EU-Mitgliedsländern sind die größten Verlierer nicht die, die man vermuten würde.

Der bilaterale Handel könnte um 20 Prozent einbrechen

Am stärksten betroffen wären ironischerweise die osteuropäischen Länder und das Baltikum, obwohl sich in der Flüchtlingskrise ausgerechnet dort viele Befürworter von Grenzkontrollen finden. In Westeuropa müssten wohl die Benelux-Länder mit dem dicksten Minus rechnen.

Diese relativ offenen Volkswirtschaften haben zuvor am meisten von dem freien Austausch von Gütern und Dienstleistungen, aber auch dem freien Personenverkehr in der EU profitiert. Die neuen Schlagbäume würden die historischen Wohlstandsgewinne teilweise aufzehren.

Den größten Rückschlag könnte es für den Handel geben, aber auch der Tourismus müsste wohl Federn lassen. "Das größte Risiko, das mit einer Aussetzung von Schengen einhergeht, wäre die Verminderung des innereuropäischen Handels", sagt Bartsch.

Die Vorteile des Binnenmarkts, zum Beispiel Spezialisierung und Skaleneffekte, aber auch grenzüberschreitender Wettbewerb, würden damit zurückgedreht. Nach ihren Berechnungen könnte der bilaterale Handel zwischen einzelnen EU-Ländern um bis zu 20 Prozent einbrechen.

Transportkosten steigen um fünf Prozent

Theoretisch könnte es zwar zu Grenzkontrollen kommen, die Firmen möglichst schonen, doch in der Praxis wird es wohl zu stundenlangen Wartezeiten und nervtötender Bürokratie kommen. Auch von Just-in-time-Produktion – bei der die benötigten Teile so pünktlich in der Fabrik ankommen, dass keine Lagerkosten entstehen – dürften Firmen dann in vielen Fällen abrücken, zumindest wenn ein Zulieferbetrieb jenseits der Grenzen sitzt.

Die Folge sind höhere Ausgaben für die Produzenten, ohne dass ein einziges Auto oder eine einzige Maschine mehr produziert wird. "Wir gehen allein von einer Erhöhung der Transportkosten um fünf Prozent aus", sagt Ökonomin Bartsch.

Abgesehen von der Logistikbranche, ist nach ihrer Prognose vor allem der Maschinenbau am meisten betroffen. Deutschland als Handelsnation würde unter einer Grenzschließung eindeutig leiden.

"Die deutschen Exporteure nehmen die Risiken eines Endes von Schengen zunehmend wahr", sagt Andreas Rees, Chefökonom von UniCredit. Strengere Grenzkontrollen würden seiner Meinung nach zu Lieferverzögerungen und höheren Kosten führen, was angesichts des hohen Maßes an internationaler Arbeitsteilung ein Problem ist. Immerhin gehen 58 Prozent der deutschen Ausfuhren in andere EU-Länder, und 57 Prozent der deutschen Einfuhren stammen aus der EU, rechnet Rees vor.

Nach einer Schätzung der Bertelsmann-Stiftung würde das Aus von Schengen die Deutschen bis 2025 im günstigsten Fall 77 Milliarden Euro Wohlstand kosten, im negativen Fall wären 235 Milliarden Euro futsch. Für Frankreich und das Vereinigte Königreich wären die Verluste sogar noch höher.

Probleme für den Maschinenbau

Die neuen Schlagbäume würden auch Anleger treffen. Nach Einschätzung von Morgan Stanleys werden die meisten Unternehmen kaum eine Chance haben, die höheren Transportkosten an ihre Kunden weiterzugeben. Dafür ist die Konkurrenz zu groß.

Die Margen der Firmen könnten unter Druck kommen. Für Maschinenbauer veranschlagen die Ökonomen zum Beispiel ein um zwei Prozent niedrigeres Bruttobetriebsergebnis.

Seit einigen Jahren verliert der europäische Index den Anschluss. (Foto: Infografik Die Welt)

Zwar ist nur ein Teil der betroffenen Unternehmen börsennotiert. Doch schon jetzt sind die europäischen Aktiengesellschaften gegenüber ihren Konkurrenten aus den USA und Asien im Hintertreffen. Das belegt ein Blick auf die Börsenentwicklung: So ist der europäische MSCI Europe in den vergangenen Jahren deutlich hinter dem globalen Aktienmarkt zurückgeblieben.

Seit 2006 ist der Rückstand auf 30 Prozentpunkte angewachsen: Wer nur in Europa investierte, fuhr also deutlich schlechter als internationale Anleger.

Grenzkontrollen sind teurer als ein Brexit

Das deckt sich mit der Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Situation in der EU. Eine Zuspitzung der Flüchtlingskrise dürfte Europa noch mehr zurückfallen lassen. Die gestiegene Unsicherheit über die Zukunft der EU werde die ohnehin schwache Investitionsneigung in Europa weiter dämpfen, fürchtet Bartsch.

"Die realwirtschaftlichen Effekte durch Grenzkontrollen, etwa Verzögerungen in der Logistik, sind unbestreitbar", sagt Carsten Brzeski, Chefökonom bei der ING DiBa. Ein Wachstumsschwund von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten sei durchaus realistisch. "Das ist deutlich mehr, als uns ein Brexit kosten würde", sagt Brzeski.

Durch die Verschlechterung der Gewinnaussichten könnten indirekt auch Kapitalmärkte negativ beeinflusst werden. Allerdings gilt: Die Einführung von Grenzkontrollen ist nicht mit dem Ende des Binnenmarkts gleichzusetzen. Zu größeren Verwerfungen an den Börsen wird es nach Einschätzung von Brezski nur dann kommen, wenn die Europäer mit Schengen gleich die ganze Idee eines gemeinsamen Markts entsorgen.

Michael Wohlgemuth von der EU-kritischen Denkfabrik OpenEurope merkt an: "Schengen ist ja schon jetzt faktisch ausgesetzt." Nun gehe es darum, die Voraussetzungen zu schaffen, dass bald wieder ein reibungsloser Binnenmarkt möglich sei. Wohlgemuth betont die Bedeutung von offenen Märkten und einem freiem Austausch von Gütern und Dienstleistungen.

"Die grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten und grenznahen Pendler haben sich auf das Versprechen von Schengen verlassen." Ohne Schengen nehme der Binnenmarkt Schaden, sagt er.

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