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Nach dem EZB-Entscheid Was die neue Nullzins-Welt für Sparer bedeutet

Die EZB hat den Zins quasi abgeschafft. Das hat fundamentale Folgen für die Welt des Geldes. Und damit für alle Deutsche – egal, ob Sparer, Bauherr oder Besitzer einer Lebensversicherung.

Für die einen ist er "Super-Mario", für die anderen der Totengräber der deutschen Sparkultur. Fest steht, dass Mario Draghi wieder einmal alle verblüfft hat.

Die EZB weitet ihre umstrittenen Anleihenkäufe aus, und zwar von 60 auf 80 Milliarden Euro im Monat. Darüber hinaus verschärft sie den Strafzins auf Bankeinlagen und drückt den Leitzins erstmals in der Geschichte auf null.

Kreditinstitute, die ihr Geld bei der EZB deponieren, müssen künftig eine Strafgebühr von 0,4 Prozent entrichten. Bisher waren es 0,3 Prozent. Die EZB will damit die Deflation bekämpfen und Finanzinstitute dazu bringen, mehr Kredite zu vergeben und damit die europäische Konjunktur anzuschieben.

Video: "Das hat die Märkte komplett verunsichert"

 

"Die Zentralbank befindet sich im Endspiel", sagt der bekannte Investor Max Otte. Mit der Einführung von Negativzinsen hätten die Währungshüter das Terrain der Geldvernichtung betreten.

Für die Anleger und Verbraucher bedeutet das eine riesige Umstellung. Die "Welt" benennt die Auswirkungen des Geldtsunamis: Sparer, Bauherren, Arbeitnehmer und Investoren sind auf unterschiedliche Weise betroffen.

Tagesgeld-Zinsen sacken ab

Die Brachialpolitik der EZB macht jede Hoffnung zunichte, dass die Guthabenzinsen in den nächsten Jahren wieder steigen. Allein das nun auf 1,74 Billionen Euro aufgestockte Anleihenkaufprogramm wird dafür sorgen, dass im Finanzsektor extrem viel Geld vorhanden ist. Zumal QE – so der Fachterminus für die Käufe – nun auch gute Unternehmensanleihen umfasst. Die Banken haben also gar keinen Anreiz, weitere Kundengelder anzulocken.

Schon jetzt sind die Konditionen für Sparer sehr schlecht. Das Finanzportal Biallo weist einen durchschnittlichen Tagesgeldzins von 0,29 Prozent aus: 10.000 Euro bringen also ganze 29 Euro Zinsen im Jahr. In diesen Mittelwert fließen aber attraktive Sonderaktionen von Onlinebanken ein, die meisten Filialbanken bieten deutlich weniger, manche sind schon bei null Prozent. "Die Zinsen auf Sparprodukte werden tendenziell weiter sinken", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING DiBa.

Gebühren auf Girokonten steigen

Auf schlechtere Bedingungen müssen sich auch Inhaber von Girokonten einstellen. Zwar dürften die meisten Banken davor zurückschrecken, die Minuszinsen der EZB eins zu eins an ihre Kunden weiterzugeben, Kontoinhaber sollten dafür mit steigenden Kontoführungsgebühren und anderen Kosten für Finanzdienstleistungen rechnen. "Negativen Zinsen werden Sparer wohl nicht fürchten müssen", erklärt Brzeski.

Bei einer direkten Weitergabe der negativen Zinsen würden die Kunden in Massen davonlaufen. Schon jetzt ist die Neigung zur Bargeldhaltung in der Bundesrepublik groß. "Man sollte gleichwohl versteckte Kostenerhöhungen im Auge behalten", rät der Ökonom.

Bauherren verschulden sich billig wie nie

Während Sparer leiden, kann sich der Hausbauer freuen. Die Kosten für Immobilienkredite sind so niedrig wie nie. Auf zehnjährige Darlehen fallen im Mittel nur 1,35 Prozent Zinsen an, wie aus Biallo-Daten hervorgeht. Wer jetzt bauen oder kaufen will, kommt allerdings recht spät. Billiges Geld gibt es in Deutschland schon eine Weile, und das hat die Immobilienpreise vor allem in den Städten kräftig anziehen lassen.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Gerade in den Metropolen sind Übertreibungen nicht zu übersehen. Der Anteil des verfügbaren Einkommens, den Normalverdiener für Wohnen aufwenden müssen, ist nach oben geschnellt. Das deutet auf die steigende Gefahr von Blasen hin. Die Erfahrung aus anderen Ländern lehrt, dass ein Immobilienboom länger dauern kann, als dies am Anfang für möglich gehalten wurde.

Gold profitiert

Die Geldflut macht steigende Preise auch bei anderen Sachwerten wahrscheinlich. Der bekannteste mobile Sachwert – Gold – notierte am Donnerstag bei 1145 Euro pro Feinunze und damit in der Nähe eines Zwölfmonatshochs. Allein seit Jahresanfang hat sich das Edelmetall um 17 Prozent verteuert. An den Rohstoffmärkten, wo der Dollar als Handelswährung maßgeblich ist, wurde Gold bei 1263 Dollar notiert. "Ein Unzenpreis von 2000 Dollar ist in diesem Umfeld nicht unwahrscheinlich", sagt der Investor Otte.

Video: So erklärt Mario Draghi den aktuellen Kurs

 

Goldinvestoren müssen aber beachten, dass die EZB nicht die einzige Notenbank ist, die den Preis beeinflusst. Der Gorilla auf internationaler Ebene ist die US-Zentralbank Federal Reserve. Sollte die Fed entgegen der EZB die Zinsen erhöhen, könnte das den Unzenpreis zumindest zeitweise unter Druck bringen. Gold und auch Bargeld sollten aus Sicht von Otte schon deshalb einen Stellenwert bei der Geldanlage haben, weil die Zentralbanken mit dem Minuszins immer mehr in das Vermögen des Einzelnen eingreifen. Allerdings sollten Sparer auch Verstärkt in Produktivwerte investieren, nämlich Aktien.

Aktien enttäuschen Hoffnungen

Die Auswirkungen der Billiggeldpolitik auf die Börse sind weniger eindeutig als vielfach angenommen. Die Idee, dass die Banken das billige Geld nehmen, um am Aktienmarkt zu spekulieren und so die Kurse treiben, greift zu kurz. Denn das Verhalten der Finanzinstitute wird nicht nur durch das Auf und Ab von Liquidität, sondern vor allem durch die umfangreiche Regulierung bestimmt – also durch die Vorschriften, wie Banken ihr Geld tatsächlich anlegen dürfen. Ob die Börsenpapiere steigen oder fallen, hängt in erster Linie davon ab, wie sich die Unternehmensgewinne entwickeln und die folgen der Konjunktur.

Dieses Jahr steht der Deutsche Aktienindex zehn Prozent im Minus, auch weil sich die Ertragserwartungen der Unternehmen verdüstert haben. Wer jedoch 2009 einstieg, kann sich immer noch auf zweieinhalbmal so hohe Kurse freuen. Eine solide Dividendenrendite von drei Prozent legt nahe, dass Dax-Papiere allen Bedenken zum Trotz noch übertrieben hoch notieren. Mit oder ohne Anleihenkäufe – wenn die Weltwirtschaft ihren Wachstumskurs fortsetzt, werden Aktien auch künftig ein gutes Investment sein.

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, rät: "Die jetzt eingeläutete Nullzinsphase sollte für Privatanleger Anlass sein, ihre Vermögensaufteilung zu überdenken und zum Beispiel mehr in Aktien zu investieren, trotz zuletzt höherer Schwankungen an den Märkten." Kurzfristig sind allerdings keine großen Sprünge zu erwarten. "Investoren werden erst einmal abwarten und sehen, ob die Maßnahmen der EZB wirklich einen positiven Effekt auf die Konjunktur in Europa haben", sagt Mitul Patel, Zinsstratege bei der britischen Fondsgesellschaft Henderson. In der Vergangenheit sei das oft nicht der Fall gewesen.

Lebenspolicen verlieren an Attraktivität

Die größten Verzerrungen hat die EZB-Geldpolitik an den Bondmärkten hervorgerufen. Rund drei Viertel aller Bundesanleihen und -obligationen bringen rechnerisch bereits einen negativen Ertrag. Investoren, die diese Papiere halten, verlieren folglich Geld. Dennoch gibt es zahlreiche Institutionen, die diese Zinspapiere weiter kaufen und teilweise kaufen müssen. Selbst solide Unternehmensanleihen werfen inzwischen kaum noch etwas ab.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Das schlägt auf die Rendite von Lebensversicherungen durch, die vorwiegend in derartige sichere Papiere investieren. Unter der Ägide von Draghi deutet nichts darauf hin, dass sich die Verzinsung von Lebenspolicen in den nächsten Jahren bessern könnte. Vergangenes Jahr ist die Verzinsung auf den Sparanteil bereits auf unter drei Prozent gefallen. Tendenz weiter sinkend.

Krankenversicherungen werden teurer

Auch privat Krankenversicherte dürfen sich darauf einstellen, dass sich ihre Tarife verschlechtern. Wie andere große Institutionen müssen die Versicherungen Minuszinsen entrichten. Diese Kosten geben sie an ihre Kunden weiter.

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