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Wahl in Baden-Württemberg Wie sich das Land der Autobauer in die Grünen verliebte

Es war eine politische Zäsur: 2011 kamen die Grünen in Stuttgart an die Macht. Die Wirtschaft zitterte. Mittlerweile haben viele Manager das Lager gewechselt. Das liegt vor allem an einem Mann.

Angela Merkel schaltet auf Angriff. Baden-Württemberg sei ein "schönes Land, ein starkes Land", lobte die Bundeskanzlerin kürzlich bei einem Wahlkampfauftritt in der Nähe von Karlsruhe – um dann spöttisch hinzuzufügen: "Fünf Jahre haben ganz offensichtlich nicht gereicht, um dieses Land zu ruinieren." Die Anmerkung sollte ein Giftpfeil sein in Richtung der grün-roten Landesregierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, weil sie "die Substanz von Jahrzehnten verzehrt" habe, statt den Wohlstand des Landes zu mehren.

Doch Merkels Spitze trifft nicht richtig. Denn die eigentliche Botschaft war, auch wenn die CDU-Frontfrau das am wenigsten beabsichtigt hatte: Baden-Württemberg geht es nach fünf Jahren Grün-Rot gut – richtig gut sogar. Das zeigen auch die Zahlen: Seit Kretschmann und sein Minister-Team regieren, sind sowohl das Bruttoinlandsprodukt als auch die Beschäftigung kontinuierlich angestiegen. Und das deutlich über dem Bundesschnitt.

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Dabei waren in der Wirtschaft 2011 noch Horrorszenarien an die Wand gemalt worden, was dem Ländle unter einem grünen Ministerpräsidenten alles blühen werde: nichts weniger als der totale Absturz. Ein Automobilstandort mit einem Regierungschef, der glaubt, dass "weniger Autos besser sind als mehr Autos"?

Das Land von Daimler, Porsche, Bosch & Co, plötzlich in Händen eines Verkehrsministers, der demonstrativ Fahrrad fährt und Radwege statt neuer Straßen bauen lässt? Fünf Jahre später allerdings hat sich der Wind im Industrieland Baden-Württemberg gedreht. "Die haben nicht immer einen schlechten Job gemacht", sagt ein Unternehmer in typisch schwäbischer Manier, nach der nicht gemeckert schon genug gelobt ist.

Politische Farbenlehre im Ländle außer Kraft gesetzt

Selbst vom Arbeitgeberverband Baden-Württemberg gab es ein einigermaßen gutes Zeugnis. Präsident Rainer Dulger verteilte nach eingehender Analyse die Note "Drei plus" für die zurückliegenden fünf Jahre – was Kretschmann regelrecht strahlen ließ. "Für eine grüne Partei ist das wie eine Eins", sagte er bei einem Wahlkampfauftritt. Dulger moniert zwar noch einige Versäumnisse oder Fehlentscheidungen, etwa in der Schulpolitik oder beim Thema Flexibilität am Arbeitsmarkt. "Objektiv geht der Daumen aber ganz leicht nach oben."

Die Bestätigung kommt auch von der Basis. "Die fünf Jahre der grün-roten Regierung in Baden-Württemberg zeugen von erfreulicher Substanz und inhaltlicher Berechenbarkeit", sagt zum Beispiel Mark Bezner (52), der Geschäftsführende Gesellschafter des Hemdenherstellers Olymp aus Bietigheim-Bissingen. "Die Wirtschaft konnte sich unter stabilen Rahmenbedingungen entwickeln und ein solides Wachstum generieren." Olymp selbst ist am Heimatstandort kräftig expandiert und hat seinen Umsatz von 180 auf fast 240 Millionen Euro gesteigert.

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Zufrieden ist auch Rainer Hundsdörfer: "Die anfänglichen Sorgen, dass die Grünen die Wirtschaft behindern würden, sind nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil: Für mich ist Grün etwas Erzkonservatives", sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung des Ventilatoren- und Elektromotorenherstellers ebm-Papst aus Mulfingen. "Wir bekommen aktuell sogar eine für unsere Unternehmensentwicklung notwendige Verbindungsstraße, die es unter 20 Jahren CDU nicht gegeben hat."

Volker Steinmaier, der Geschäftsführer Kommunikation beim Arbeitgeberverband Südwestmetall, hält angesichts solcher Stimmen und der vorgenommenen Arbeitsbilanz die "klassische" politische Farbenlehre im Ländle derzeit für außer Kraft gesetzt. "Wir haben bei unserer Bewertung streng auf die Themen und die Regierungsarbeit geachtet und ohne Scheuklappen Bilanz gezogen." Und die Regierung habe tatsächlich in der Sache vielfach überzeugt. Innerhalb der Mitgliedschaft gebe es aber natürlich ein heterogenes Bild.

"Unnötige Fehler in der Schulpolitik wiederholt"

Und tatsächlich gibt es auch Kritiker. "Ich ziehe eine nüchterne Bilanz", sagt zum Beispiel Nicola Leibinger-Kammüller, die Vorsitzende der Geschäftsführung beim Laserspezialisten Trumpf. "Die Landesregierung hat ohne Not die Fehler anderer Bundesländer in der Schulpolitik wiederholt durch die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems", schimpft die Unternehmerin.

Die Folgen dieser symbolischen Abwertung der Realschule seien bereits jetzt zur spüren: "Obwohl die Wirtschaft gut ausgebildete Facharbeiter sucht, gehen immer weniger Schüler diesen Weg." Noch dazu bleiben Fachkräfte aus anderen Regionen fern, weil sie ihre Kinder nicht mehr gut untergebracht sehen im Schulsystem von Baden-Württemberg, ist aus den Unternehmen vielfach zu hören.

Leibinger-Kammüller sieht zudem noch andere Nachlässigkeiten. "Auch in der Verkehrspolitik und bei der digitalen Infrastruktur sehe ich gemessen an dem, was möglich gewesen wäre, große Versäumnisse." Für sie war die Regierung Kretschmann nicht offensiv genug in punkto Zukunftssicherung.

"Die echte Begeisterung für Innovationen, das Rütteln an den Zäunen des wissenschaftlich und technisch Denkbaren: Sie gehörten nicht zum inneren Kompass der Regierung", kritisiert die Unternehmerin. Unter dem Strich stehe ein fast konservatives "Weiter so" mit immerhin einer Annäherung an die Wirtschaft.

Offene Bekenntnisse für Landesvater – mit neuem Koalitionspartner

Als Treiber dieser Annäherung sehen die Unternehmer im Land insbesondere Ministerpräsident Kretschmann. "Er macht als besonnener Landesvater den Erfolg der Regierung aus", glaubt ebm-Papst-Manager Hundsdörfer. Zumal der mittlerweile 67-jährige Regierungschef seinen "Parteirest" offenbar gut im Griff hat. Viele Sympathie- und Anerkennungspunkte konnte er dabei in der zunächst größtenteils skeptischen Wirtschaft vor allem durch Präsenz und den richtigen Ton machen.

Nicht zuletzt, in dem er früh das Thema Digitalisierung und "Industrie 2.0" aufgriff, in TTIP Chancen sieht, stets die "Hidden Champions in jedem Schwarzwaldtal" lobt und sich mit sichtlichem Vergnügen bei innovativen Mittelständlern umtut. Selbst die Autoindustrie ist zufrieden mit Kretschmann'schen Sätzen wie: "Es kommt darauf an, welche Autos wir bauen, wie umweltfreundlich und intelligent unsere Mobilität ist."

Aus der Unternehmerschaft im Ländle kommen daher offene Bekenntnisse für den Landesvater, am liebsten aber mit einem neuen Koalitionspartner. "Mir wäre eine Koalition von Grün-Schwarz bzw. Schwarz-Grün recht", sagt zum Beispiel Hundsdörfer. Zudem wünsche er sich, dass die FDP wieder ins Parlament kommt. "Eine Ampel jedoch würde womöglich zu viele unterschiedliche Interessen abbilden, das würde das Land lähmen."

Auch Olymp-Eigentümer Bezner ist beim Gedanken an weitere fünf Jahre Kretschmann nicht unwohl. "Sein Pragmatismus und seine konstruktive Art kommen bei den Menschen gut an. Er verfügt auch über eine bemerkenswerte Rhetorik und ein Gespür für aktuelle politische Fragestellungen", lobt der 52-Jährige. Allerdings denkt er auch schon einen Schritt weiter. "Problematisch ist die anstehende Nachfolgefrage, da die Grünen im Land und im Bund kaum vergleichbare Persönlichkeiten aufzubieten haben."

Eine Wahlempfehlung gibt der Trigema-Chef ab

Wobei es dennoch Lob gibt für die Abgeordneten der Partei im Stuttgarter Landesparlament. "Bei ihnen war die Ansprechbarkeit am höchsten und am besten", heißt es aus der Unternehmerschaft. "Und der Dialog war immer fair."

Kritik wird hingegen an der CDU laut. Die FDP mit ihren gerade mal sieben Abgeordneten sei die bessere Opposition gewesen. "Mehr Profil, ein besseres Konzept und mehr Kompetenz", attestiert ein Unternehmer die Liberalen. "Die CDU-Leute sind bei alten Themen und in alten Denkmustern verharrt."

Die Präferenzen scheinen also klar verteilt. Eine Wahlempfehlung geben Unternehmervertretungen wie Südwestmetall dennoch nicht ab. Das macht dafür Wolfgang Grupp, der Chef der Bekleidungsfirma Trigema aus Burladingen. Er, der traditionelle CDU-Wähler, stimme zum ersten Mal für die Grünen, sagte er zuletzt diversen Medien. Kretschmann habe seine Sache im Land "sehr gut gemacht" und müsse im Amt bleiben.

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