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ACRA-Agentur Wladimir Putins gefährlicher Finanzcoup

Russland leidet unter den westlichen Sanktionen. Kremlchef Wladimir Putin wird als Führer einer "hohlen Supermacht" verspottet. Nun holt Putin zum Gegenschlag aus - mit einem neuen Finanzsystem.

Wer es auf die Titelseite des "Economist" schafft, ist entweder einer der großen Gewinner dieser Welt oder er ist extrem angezählt. Wladimir Putin gehört ganz offenbar der zweiten Kategorie an – daran lässt das aktuelle Cover des renommierten Wirtschaftsmagazins keinen Zweifel. Dort wird der Kreml-Chef als Führer einer "hohlen Supermacht" verspottet, der mit Stellvertreterkriegen und Propagandamaschinerie verzweifelt den Eindruck einer starken Nation zu vermitteln versucht.

Doch Putin lässt nichts unversucht, sich vom Westen autark zu machen und seinen dortigen Kritikern das Gegenteil zu beweisen. Das gilt umso mehr, da sein Land immer stärker unter den westlichen Sanktionen leidet. Ein wichtiger Schauplatz für seinen Feldzug sind die internationalen Finanzmärkte. Russlands Präsident muss sich von ihnen emanzipieren, will er sich von der globalen Dominanz der westlichen Mächte lossagen.

Mit einem geschickten Schachzug hat er sich jetzt der dominierenden Ratingagenturen entledigt. Analog zum Rausschmiss der westlichen Medien änderte er kurzerhand die Regeln. Daraufhin machten Moody's und Fitch deutlich, demnächst ihre Arbeit in Russland einzustellen.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Da es aber ohne Bonitätsprüfer auch nicht geht, gründete er eine eigene Agentur. Die soll unter dem Namen ACRA, was für Analytical Credit Rating Agency steht, im Juli dieses Jahres operativ an den Start gehen. Russlands Notenbank kündigte jetzt an, eine Ratingagentur zu schaffen, die frei von "geopolitischen Risiken" die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen analysiert. Moskaus oberste Währungshüter werden die Ratings von S&P, Moody's und Fitch nicht mehr länger für ihre geldpolitischen Entscheidungen nutzen, sagte Elena Tschaikowsaja, die für Finanzmärkte bei der russischen Zentralbank von Russland zuständig ist. ACRA sei vorerst die einzige Agentur, die unter den neuen Regeln operiere.

"Der Rauswurf der internationalen Spieler ist clever"

Der Kreml hatte immer wieder seinen Unmut über die westlichen Ratingprüfer artikuliert. S&P, Moody's und Fitch hatten unmittelbar nach Einführung der Sanktionen ihre Ratings für die Firmen zurückgezogen, die auf der schwarzen Liste standen. Ein Dreivierteljahr stuften S&P sowie Moody's die Bonität Russlands mit Blick auf den niedrigen Ölpreis und die westlichen Sanktionen auf Schrottstatus zurück. Moskau kritisierte den Schritt als politisch motiviert und verwies dabei auf die Schuldenquote von 19 Prozent, die zu den niedrigsten der Welt gehört.

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Als alles nichts nützte, verabschiedete der Kreml neue Regeln und verpflichtete die westlichen Agenturen dazu, sich unter Moskaus Regulierung zu begeben. Da die Agenturen hierfür gegebenenfalls gegen die Sanktionen verstoßen hätten müssen, zogen Moody's und Fitch die Notbremse. Letztere stellte nach Informationen des Finanzdienstes Bloomberg am Freitag sämtliche lokalen Ratings für Russland ein, Fitch plant einen ähnlichen Schritt. Allein der Branchenprimus S&P verhandelt noch mit der russischen Zentralbank.

"Der Rauswurf der internationalen Spieler ist clever. Denn dadurch wird der eigenen neuen Agentur gleich ein guter Start beschert", sagte Iwan Guminow, Fondsmanager bei Ronin Trust in Moskau der Agentur Bloomberg. "Einen neuen Anbieter neben den angestammten neu zu etablieren, hätte nicht funktioniert."

Putin baut mit der Agentur ACRA Schritt für Schritt sein eigenes Finanzregime aus. In den vergangenen Jahren hat er bereits einen Teil der Devisenreserven von Dollar in Gold umgeschichtet. Zusammen mit China, Indien, Brasilien und Südafrika baute er eine eigene Entwicklungsbank als Konkurrenz zur US-dominierten Weltbank auf.

Auch China hat eigene Ratingagentur gegründet

Russland befindet sich in guter Gesellschaft mit China. Auch das Reich der Mitte hat seine Goldreserven aufgestockt und eine eigene Ratingagentur gegründet. Und die Bonitätsnoten von Dagong geben bereits einen ersten Einblick, wie die Ratings von ACRA aussehen könnten: die aufstrebenden Mächte wie China, Indien oder Brasilien bekommen allesamt bessere Noten als von der westlichen Konkurrenz.

Das Dagong-Heimatland China erhält die Bestnote AAA, das berühmte Triple A, auch Russland genießt hier ein solides A, was fünf Stufen über Schrottstatus liegt. Westliche Industrieländer kommen bei Dagong schlechter weg. Deutschland hält kein Triple A wie bei den angestammten Bonitätsprüfern, sondern lediglich die zweitbeste Note AA+. Noch stärker ist die Diskrepanz für die USA. Die kommen bei Dagong mit A- schlechter weg als Russland.

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27 Anteilseigner werden jeweils knapp vier Prozent an der neuen russischen Agentur ACRA halten, darunter Banken wie Sberbank, Raiffeisenbank aber auch Industriekonzerne wie Severstal. Zum Vorsitzenden der Verwaltungsrates wurde Karl Johansson ernannt. Der Amerikaner arbeitete 20 Jahre lang für das Beratungsunternehmen EY (früher: Ernst & Young) und war dort zuletzt auch als Berater der russischen Regierung tätig. Die operative Führung hat Jekaterina Trofimowa inne, die bis dato Vizepräsidentin der Gazprom-Bank war. Früher arbeitete sie für Standard & Poor's.

Idee der Eurasischen Union könnte gestärkt werden

Viele westliche Experten halten Moskaus neue Ratingagentur für ein weiteres Propagandaorgan des Kreml. "Der neue Anbieter wird genauso ignoriert werden wie Dagong", meint Timothy Ash, Chefstratege für Kreditanalyse bei Nomura. Allerdings hätten auch die westlichen Agenturen ihren Ruf ramponiert.

Doch nicht alle Marktstrategen halten Putins Plan für aussichtslos. Sollte die Agentur in den kommenden Jahren beweisen, dass sie nicht nur politisch motiviert und gesteuert ist, könnte sie schneller als gedacht an Akzeptanz gewinnen und als internationales Gegengewicht fungieren.

"Die russische Agentur hätte dann einen Vorteil, den viele andere Versuche eine solche zu gründen nicht hatten: einen riesigen chinesischen Wirtschaftsraum der die Agentur direkt anerkennen könnte und als Standard ins Spiel bringen könnte", erklärt Björn Marquardt, Anlagestratege für Firmenkunden in der Sparkassen-Gruppe. An eine führende globale Rolle denkt er dabei vorerst nicht.

Dennoch könne vor allem die Idee der Eurasischen Union gestärkt werden. Im vergangenen Jahr schlossen Weißrussland, Armenien, Kirgistan, Kasachstan und Russland ein politisches und ökonomisches Bündnis. Ziel ist eine neue Wirtschaftsmacht im Osten, die es mit anderen Blöcken wie der Europäischen Union oder Amerikas Nafta aufnehmen kann.

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