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Keine Kasse, monatliche Abrechnung Der Provinz-Supermarkt der Zukunft steht in Schweden

Es könnte die Lösung für Tausende Dörfer sein: In Schweden hat ein 24-h-Geschäft in einem 4000-Seelen-Nest eröffnet, in dem der Verkauf ohne Personal abläuft. Es gibt nur ein paar Einschränkungen.

Die Situation muss höchst unangenehm gewesen sein. Spätabends in Südschweden, das Baby brüllt vor Hunger, und dann lässt der Papa auch noch das letzte Gläschen Brei zu Boden fallen, das er im Kühlschrank findet. Die 20-minütige Fahrt zum nächsten Supermarkt mit dem schreienden Söhnchen an Bord erzeugt einen gewissen Leidensdruck, aber sie bringt Robert Ilijason auch auf eine Idee: Warum nicht einen Laden in seinem kleinen Wohnort Viken eröffnen?

Personal kann sich der 39-Jährige zwar nicht leisten, aber er kann kreative technische Lösungen entwickeln. Schließlich ist der Mann erfahrener IT-Experte.

Seit Januar dieses Jahres ist das Geschäft in dem 4200-Seelen-Örtchen in Betrieb – und funktioniert fast komplett ohne Personal. Auch ohne Kasse. Kunden müssen sich lediglich registrieren lassen und eine App herunterladen. Über einen Fingerwisch und eine entsprechende Automatik öffnet sich dann die Tür. Die gekaufte Ware müssen die Kunden mit der Handykamera einscannen, gezahlt wird einmal im Monat.

Das Konzept profitiert davon, dass der Laden 24 Stunden am Tag geöffnet bleiben kann. Und davon, dass in Schweden ein einheitliches Programm zur Identifikation von Bankkunden besteht. Dies unterstützt das Onlinebanking, aber auch Behörden, Finanzämter und Einzelhändler nutzen es. Auch Ilijasons App arbeitet damit und kann Kunden so einwandfrei identifizieren.

Angebote für den Grundbedarf

Einwände liegen auf der Hand. Der naheliegendste: Wie schützt sich der Ladenbesitzer gegen unehrliche Kunden? Tatsächlich ist das offenbar ein schwieriges Thema. Die Antwort fängt beim Sortiment an. Das Geschäft führt keine besonders diebstahlgefährdeten Waren wie Zigaretten und Medikamente. Alkoholhaltige Getränke dürfen in Schweden ohnehin nicht in Lebensmittelläden verkauft werden.

Stattdessen warten Güter des Grundbedarfs auf Käufer: Käse und Klopapier, Brot, Milch, Tiefkühlprodukte und – selbstverständlich – Windeln. Um die Versuchung zu senken, wachen zudem sechs Videokameras in dem kleinen Geschäft mit nicht einmal 50 Quadratmetern Verkaufsfläche über die Kunden.

Sollte die Ladentür zudem einmal länger als acht Sekunden geöffnet bleiben, erscheint außerdem auf dem Smartphone des Ladenbesitzers ein Alarm. "Ich wohne in der Nähe und kann immer noch schnell mit der Brechstange rüberrennen", erzählte der IT-Experte augenzwinkernd lokalen Medien.

Ein Laden ohne Mitarbeiter – was für deutsche Ohren exotisch klingt, ist für den frischgebackenen Händler eine naheliegende Lösung. Er findet es geradezu unglaublich, dass niemand bisher auf die Idee gekommen ist. Der Einkauf gehe dort schnell, Ladenöffnungszeiten sind kein Thema.

Schließlich lasse sich das kostengünstige, weil ohne Lohnzahlung funktionierende Konzept in vielen kleineren Ansiedlungen umsetzen, aus denen sich, wie in Viken, die herkömmlichen Handelsketten längst zurückgezogen hätten. Ilijason spricht bereits vom "Provinzeinzelhandel 2.0".

Selbstbedienungskassen haben noch Seltenheitswert

Der IT-Spezialist hat mit seinem Geschäft eine Idee auf die Spitze getrieben, die ohnehin in der Luft liegt. Die technischen Lösungen für Geschäfte ohne Verkäufer sind vorhanden, angefangen bei Selbstbedienungskassen. Diese sind inzwischen so ausgereift, dass die Branche einen Einsatz auf breiter Basis auch in Deutschland zumindest nicht ausschließt.

Nach einer vom Kölner Handelsforschungsinstitut EHI in Auftrag gegebenen Umfrage freunden sich viele Deutsche allmählich mit Self-Check-out an. Gut die Hälfte der Bundesbürger gab im vergangenen Jahr bei einer Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der Kölner Handelsforscher an, Selbstbedienungskassen zumindest schon einmal zur Kenntnis genommen zu haben.

Rund 20 Prozent haben sie nach eigenen Angaben bereits benutzt – vielleicht bei der schwedischen Möbelkette Ikea, die das selbstständige Einscannen und bargeldlose Zahlen gekaufter Artikel schon seit acht Jahren an einer oder zwei Kassen je Markt anbietet. Zahlreiche andere Geschäfte, beispielsweise Baumärkte, experimentierten ebenfalls damit.

Auch die Metro-Tochter Real hat einige Kassen aufgebaut, ferner der zu Rewe gehörende Großhändler Fegro/Selgros. Freilich steht in den deutschen Geschäften in der Regel ein Mitarbeiter bereit, um im Bedarfsfall schnell zur Hilfe zu eilen.

Keine Kassen, keine Schlangen

Insgesamt haben Selbstbedienungskassen noch Seltenheitswert. Laut TNS fremdeln viele Bundesbürger mit der Technik, weil sie fürchten, den Kassiererinnen den Job wegzunehmen. Auf ganze 180 Verkaufsstellen in Deutschland kamen die EHI-Forscher im vergangenen Jahr beim Durchzählen – bei rund einer Million installierten Kassensystemen ein Anteil im Promillebereich. Doch er könnte wachsen.

Das Potenzial der Nutzer liege bei 14 Millionen Kunden, schätzen die Kölner Handelsexperten. Zeitersparnis sei das Hauptmotiv derjenigen, die an Selbstbedienungskassen zahlen oder es zumindest einmal versuchen wollen – genau wie bei Ilijasons Laden in Schweden.

"Es ist toll. Es gibt keine Schlangen an den Kassen mehr, weil es keine Kassen gibt", erzählte ein Einwohner von Viken der Lokalpresse. Auf der anderen Seite gibt es hier wie dort viele Menschen, die vor der Nutzung der Technik zurückschrecken.

Ganz ohne Menschen geht es freilich auch beim revolutionären Schweden-Konzept nicht. Ilijason überlegt, ob er eine Hilfskraft einstellen soll, die beim Einräumen der Ware hilft und Kunden, die mit Smartphones und Apps nicht so vertraut sind, die Technik vermittelt.

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