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Russische Raumfahrt in der Krise Raketen-Explosion erschüttert Vertrauen in die Technik

Mit drei Satelliten an Bord explodierte die russische Trägerrakete Proton-M im Weltraumbahnhof Baikonur. Experten sehen weitreichende Konsequenzen des Fiaskos für die Zukunft der Raumfahrt.

Eine Proton-Rakete liegt verkohlt und verglüht in der Steppe Kasachstans. Nach 17 Sekunden war der Flug vorbei. Mit Hydrazin-Treibstoff vollbetankt, kracht die Rakete zurück auf die Erde anstatt russische Glonass-Navigations-Satelliten in der Umlaufbahn auszusetzen.

Niemand hatte mit dem Fiasko gerechnet, obwohl es bereits die fünfte Proton-Rakete mit Anomalien seit 2010 ist. Live gingen die Startbilder über die TV-Bildschirme und vergiften das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Kasachstan und Russland weiter. Denn das Gelände hat Moskau nur gepachtet, zahlt 200 Millionen Euro jährlich für einen der größten Weltraumbahnhöfe überhaupt. Die Weltraumbehörden ESA und die DLR halten sich mit Einschätzungen bedeckt, auch wenn der letzte Zwischenfall mit einer Proton erst sieben Monate her ist.

Russlands Raumfahrt tut sich schwer mit Nachwuchs

Moskau ist für die Bundesrepublik ein wichtiger Partner im All. Thomas Reiter, Direktor für bemannte Raumfahrt der ESA, hat sogar die Lizenz, eine Sojus-Rakete als Kommandant zu fliegen. Immerhin war es die damalige Sowjetunion, die den ersten Deutschen - Siegfried Jähn - in die Umlaufbahn trug. Das jüngste Proton-Fiasko zeigt auf, wie schwer sich Russlands Raumfahrtindustrie damit tut, adäquaten Nachwuchs zu finden.

Baikonur liegt am Ende der Welt, die Stadt ist trist, die Steppe unendlich. Es ist nicht unbedingt reizvoll, dort als junger Ingenieur in einem der riesigen Raketen-Komplexe zu arbeiten.

Harro Zimmer, Raumfahrt-Korrespondent und renommierter Weltraum-Buchautor aus Berlin, sagte im Interview mit N24:

"Einmal verlieren die kommerziellen Kunden möglicherweise das Vertrauen in die Proton-Rakete, doch das ist ganz wichtig, denn davon lebt die russische Raumfahrt. So sollte im Juli jetzt ein ASTRA-Satellit der Europäer damit starten. Zum Anderen aber: die Russen bauen ja gerade verzweifelt ein eigenes Navigations-Satellitennetz auf, wollen mit Galileo, wollen mit GPS Konkurrenz machen. Das kriegen sie offensichtlich nicht in den Griff, aus verschiedenen Gründen. Und nun sind wieder drei der neuen Navigations-Satelliten verlorengegangen.“

Wird das Konsequenzen haben?

"Ich glaube, es werden diesmal wirklich Köpfe rollen. Putin hat das bei mehreren Fehlstarts der letzten Wochen und Monate bereits angekündigt, aber diesmal ist das wirklich ein Desaster. Die Proton ist ja generell eine sehr zuverlässige Rakete mit über 300 erfolgreichen Starts - fünf sind danebengegangen - aber das hier ist ein Versagen der ersten Antriebsstufe und das ist eine große Katastrophe, denn das deutet auf Pannen in der Qualitätskontrolle hin."

Ist das riesige Areal bei Baikonur jetzt vergiftet?

"Es ist eine ganze Menge von diesem Treibstoffgemisch in die Gegend gekommen, das sind viele viele Tonnen. Die Kasachen sind da sehr auf der Hut, sehr misstrauisch, sie haben Warnungen gegeben für die umliegenden Ortschaften: Gefahr besteht. Die Giftwolke war ja doch so, dass man eine großflächige Evakuierung eingeleitet hat."

Hat der Absturz Auswirkungen auf europäische Weltraumpläne?

"Es wird sicherlich auch Konsequenzen für die Europäer haben, die sich sehr intensiv darauf verlassen, 2016 mit den Russen zum Mars zu fliegen. ExoMars ist das große Stichwort. Wir haben schon einmal eine Mission, Mars 96, mit einer großen Proton-Trägerrakete verloren. Und jetzt wird man natürlich den Russen genau auf die Finger gucken, und ich glaube, das ist auch bitter notwendig."

Bei den Top-Playern der Raumfahrtbranche werden die Karten neu gemischt

Die NASA der USA hat zurzeit kein bemanntes Trägersystem um Menschen ins All zu bringen, Russland hat Probleme mit dem unbemannten Proton-Trägersystem - und China? Will vorerst unbemannt zum Mond, plant eine ISS made in China, hat gerade erfolgreich drei Taikonauten gut zwei Wochen in die Umlaufbahn geschickt. Und nun mischt Indien ernsthaft mit im All: Das südasiatische Land hat jetzt den ersten von sieben Navigationssatelliten in die Umlaufbahn gebracht, will noch in diesem Jahr eine Sonde zum Mars schicken.

Selbst Europa braucht sich nicht zu verstecken: mit den Vega- und Ariane-Raketen in Kourou in der französischen Überseeprovinz Französisch-Guyana gibt es ein zuverlässiges Arsenal an Lastenschleppern Richtung Weltraum.

Russland wird nach dem Proton-Crash einiges tun müssen, um seinen guten Ruf als Weltraum-Supermacht wieder aufzupolieren.

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