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Doping in der Bundesliga? Das Heil liegt im Blut

Im deutschen Profifußball wird ein umstrittenes Eigenblut-Verfahren großflächig angewendet. Die Wirkung ist umstritten, dennoch stand es eine Zeitlang auf der Dopingliste.

Der Arzt stößt die Kanüle in das Blutgefäß. Er entnimmt zehn Milliliter, wovon er kurz darauf dem Spieler wieder fünf Milliliter des inzwischen feinsäuberlich separierten Blutplasmas injiziert. Dieses Verfahren ist Usus in der Fußball-Bundesliga, und es klingt nicht nur ein wenig nach Eigenblutdoping: Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA setzte die Methode, bei der das thrombozytenreiche Plasma bzw. das sogenannte Platelet Rich Plasma (PRP) gewonnen wird, vorübergehend auf die Dopingliste. Erst 2011 wurde es wieder freigegeben. Dennoch oder paradoxerweise gerade weil es ein verbotenes Verfahren war, ist PRP das große Ding im deutschen Profifußball. Kaum eine medizinische Abteilung möchte auf die vermeintlich Heil bringenden Blutplättchen verzichten.

"Der Umstand, dass das Verfahren von der WADA seinerzeit auf die Dopingliste gesetzt wurde, spricht dafür, dass eine Wirksamkeit erwartet worden war, die im Sinne einer nicht erlaubten Leistungssteigerung  zu  werten  wäre“, bestätigt Tankred Haase, Mannschaftsarzt des Zweitligisten 1. FC Union Berlin.

Hoher Anteil an Wachstumsfaktoren

PRP wird zu Therapiezwecken bei Sehnen-, Kapsel- oder Muskelverletzungen angewendet. Mittels eines Doppelspritzensystems wird das Blut zentrifugiert und in thrombozytenarmes sowie thrombozytenreiches Blutplasma geteilt. Letzteres wird dem verletzten Spieler intramuskulär gespritzt. Das thrombozytenreiche Blutplasma enthält einen hohen Anteil an Wachstumsfaktoren, welche die Wundheilung beschleunigen. "Solange die Wachstumsfaktoren keine leistungssteigernde Wirkung neben den therapeutischen Effekten haben, ist PRP nicht mehr verboten", heißt es in einer Mitteilung der WADA. Doch gibt es acht bis zehn verschiedene Wachstumsfaktoren und jeder Hersteller verwendet ein anderes Mischverhältnis. Da die Forschung zu PRP im Leistungssport noch in den Kinderschuhen steckt, ist der genaue Wirkungsgrad des Verfahrens nicht feststellbar. Trotzdem ließ die WADA PRP zu. "Letztlich ist die WADA zu der Einsicht gelangt, dass die Konzentration zu niedrig ist, um eine leistungsfördernde Wirkung zu erzielen", sagt Raymond Best, Mannschaftsarzt vom VfB Stuttgart.

Thema Doping im Fußball Nebensache

Die Argumentation der WADA steht aber auf wackligen Beinen. Selbst wenn PRP nicht zur Leistungssteigerung beitragen sollte, stellt sich die Frage, ob dies im Endeffekt nicht eine beschleunigte Wundheilung mittels einer künstlich erhöhten Konzentration von Blutplättchen tut. Die Sportmedizin agiert in Graubereichen - weil es die Welt-Anti-Doping-Agentur zulässt.  Vermutlich ist die Anwendung von PRP nicht das einzige fragwürdige Therapieverfahren.

Seit Jahren und Jahrzehnten fristet das Thema Doping im Fußball ein Schattendasein. Es wird vorwiegend mit Radsport, Schwimmen oder Leichtathletik in Verbindung gebracht. Im Fußball scheint es sich nur um ein kleines Problem zu handeln. Dabei müsste die Verlockung groß sein, leistungssteigernde Mittel bei der Sportart einzusetzen, bei der mit Abstand das meiste Geld im Umlauf ist. Und schließlich veranschaulichen die Datenbanken, die jeden Schritt der Spieler dokumentieren, dass die physischen Anforderungen an die Akteure immer größer werden. Noch nie waren die Profis so schnell und so viel unterwegs wie heute. Teilweise erreichen sie eine Laufleistung von um die 13 Kilometer pro Begegnung, dazu kommen mitunter über 40 Sprints.

Experten streiten über Wirksamkeit

Fußball ist schon lange nicht mehr ein Spiel der Künstler, es ist zu einem Spiel der Athleten geworden. Die lauffaulen Wunderkinder von früher gibt es nicht mehr. Die besten Akteure sind meist auch die fittesten wie etwa Cristiano Ronaldo von Real Madrid, dessen Physis mindestens genauso beeindruckend ist wie dessen technische Fertigkeiten. Es geht es darum, die Spieler auf den besten Stand zu bringen. Die medizinischen Abteilungen nehmen deshalb eine immer größere Bedeutung in den Klubs ein. Neue Behandlungsmethoden sind daher für alle interessant - selbst wenn diese nicht auf verlässlichem Datenmaterial gründen.

Im Falle von PRP streiten sich die Experten ob der Wirksamkeit.  Die einen sehen darin das Therapieverfahren der Zukunft. Die anderen halten PRP schlicht für Quacksalberei und eine Erfindung der Pharmaindustrie, die ein ertragreiches Geschäft wittert. Was den Befürwortern wie den Skeptikern von PRP fehlt, ist eine wissenschaftliche Grundlage, auf die man sich stützen kann. "Das Hauptproblem war und ist das noch nicht eindeutig überzeugende Datenmaterial", sagt VfB-Arzt Best. "Es gibt gerade im Leistungssport keine Kontrollgruppen und daher keine wissenschaftlich gestützten Befunde, die die Wirksamkeit des Verfahrens im Hochleistungssport eindeutig nachweisen." Sein Kollege Haase von Union Berlin sieht bei PRP "noch viele ungeklärte Fragen", man habe aber "das Gefühl", dass gewisse Heilungsprozesse beschleunigt ablaufen würden. "Unklar ist aber", ergänzt Haase, "ob diese Beschleunigung nur die erste Phase der Heilung betrifft, die Gesamtregenerationszeit bei einer strukturellen Verletzung aber gleich bleibt." Die Gefahren des Verfahrens liegen auf der Hand: Ein Sportler könnte zu früh mit dem Training beginnen und eine erneute Verletzung riskieren.

Dennoch sind die meisten Mannschaftsärzte von der Wirksamkeit von PRP überzeugt. Von "Erfolg versprechenden  Behandlungsansätzen" spricht Haase, Best ist der Ansicht, dass PRP sich „weiter verbreiten wird“. Derzeit spricht einiges dafür. Zumindest von der WADA jedenfalls ist kein Gegenwind zu erwarten.

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