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Neue Therapie Wie sich nach dem Trauma die Sucht einschleicht

Wer als Kind Gewalt und Vernachlässigung erlebt, kompensiert das Trauma nicht selten mit einer Sucht. Herkömmliche Therapien helfen in diesem Fall wenig. Eine neue Traumatherapie soll das ändern.

Die Panik schleicht sich an. Wie eine Schlange. Sie überfällt Lora König (Name geändert) in Situationen, in denen sie sich im Stich gelassen oder verlassen fühlt, manchmal aber auch einfach so im Alltag. Etwa wenn sie mit dem Auto im Stau steckt und es kein Entrinnen zu geben scheint.

"Lange Zeit konnte ich meine Ängste nicht mit dem sexuellen Missbrauch in meiner Kindheit in Verbindung bringen", sagt sie. "Und lange Zeit habe ich meine Panikattacken mit Alkohol und Psychopharmaka kompensiert."

Heute hat sie die Sucht überwunden, dank eines neuen Therapieangebotes. Lora König litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und entwickelte eine Alkoholsucht als Folge ihrer Gewalterfahrungen. Irgendwann wurde ihr zwar klar, dass sie Hilfe braucht. Doch die Suche nach dem passenden Angebot bezeichnet sie rückblickend als "Odyssee".

Bewältigungsstrategien für den Alltag

Ingo Schäfer, Privatdozent an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), kennt das Problem: "Wenn diese Konstellation vorliegt, fallen die Menschen innerhalb des herkömmlichen Hilfesystems durch die Maschen. Sie merken, dass sich ihre Beschwerden nicht bessern."

Denn wenn die Sucht sich aus dem Versuch heraus, ein Trauma zu verarbeiten, entwickelt hat, dann muss das Trauma mit behandelt werden. In dem Programm "Sicherheit finden" wird genau das getan.

Das 1999 in Boston entwickelte Angebot bearbeitet Sucht und Traumafolgen gemeinsam – Betroffene sollen lernen, die Folgen ihrer Traumata besser zu verstehen, und sie lernen Bewältigungsstrategien für den Alltag.

Die Wissenschaftler am UKE haben das Programm 2009 ins Deutsche übersetzt. Bisher wird es hierzulande aber nur selten angewendet. Dabei gehen Schäfer und seine Kollegen davon aus, dass "Sicherheit finden" wirksamer ist als bisherige Behandlungen. Um das in einer Studie zu überprüfen, bieten sie "Sicherheit finden" seit 2012 in Hamburg, Essen, Köln, Bielefeld und Hannover an.

Abstinenz wird nicht verlangt

Die Untersuchung ist eingebettet in ein bundesweites Forschungsprojekt zum Thema "Substanzmissbrauch als Ursache und Folge früher Gewalt" (Cansas). In der Studie durchlaufen bis zu sechs Frauen in einer Gruppe 14 Sitzungen. Es geht nicht darum, traumatische Erfahrungen im Detail zu besprechen. Auch Abstinenz wird dabei nicht verlangt.

Stattdessen stehen Themen auf dem Programm, die bei den Betroffenen besonders problematisch sind wie etwa "Sich vor Gewalt schützen", "Gute Selbstfürsorge" oder "Um Hilfe bitten". Letzteres spielt zwar auch in der regulären Suchtbehandlung eine Rolle. Der Unterschied ist: "Wir betrachten alles durch die Traumabrille", erläutert Schäfer.

Auch interessant: So gefährlich sind die beliebtesten Medikamente

Das eröffne den Patienten einen anderen Zugang zu ihren Problemen und schaffe Motivation. Ein weiterer Aspekt sei das Eingehen auf positive Werte: Warum ist es wichtig, ehrlich zu mir und anderen zu sein? Was bedeutet das für meinen Alltag?

Schäfer: "Traumatisierung und Suchterkrankung führen oft dazu, dass Betroffene im Alltag diese Werte verlieren. Die Rückbesinnung darauf ist aber ein wichtiger Schritt zur Genesung."

"Als suchtgefährdeter Mensch ist man nie sicher"

Bisher haben 296 Süchtige an der Studie teilgenommen. Die endgültigen Befunde sind erst im Frühjahr 2016 zu erwarten. Die Rückmeldungen der Teilnehmer sind bislang sehr positiv: "So was habe ich schon immer gesucht" oder "Ich wusste doch schon immer, dass meine Probleme ganz andere Ursachen haben – hier wird das endlich berücksichtigt", sagen die Frauen und Männer.

Lora König kann das bestätigen: "Am Anfang meiner Therapie wusste ich der Panik nichts entgegenzusetzen. Heute kann ich damit ganz anders umgehen." Noch ein Mal wurde sie rückfällig. Seither schafft sie es jedoch in brenzligen Momenten, nicht zur Flasche zu greifen.

"Als suchtgefährdeter Mensch ist man nie sicher", sagt sie und streicht mit der Hand über einen blauen Schnellhefter, der gefüllt ist mit Unterlagen aus den zurückliegenden Therapiesitzungen. "Aber ich weiß: In Situationen, in denen mir der Boden unter den Füßen wegzukippen droht, habe ich das hier griffbereit. Und vieles davon habe ich wirklich verinnerlicht."

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