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Ärzte warnen Die Legende vom Wundermittel Vitamin D

Viele Menschen nehmen Vitamin D ein. Sie hoffen, dass es vor Knochenleiden, Depressionen und Krebs schützt. Nun aber warnen Ärzte und Wissenschaftler davor, dass der Stoff schädlich sein kann.

Der Test im Internet ist kurz, das Ergebnis vernichtend. Man soll angeben, wie oft man zuletzt in der Sonne war und wann man Fisch gegessen hat. Das Resultat ist untermalt von roten Pfeilen: "Der Vitamin-D-Wert von 16,3 Nanogramm pro Milliliter ist belastend für Ihre Gesundheit." Es folgt der Bestellhinweis. Auf vitamindservice.de kann man sich eindecken mit dem Stoff, der einem angeblich dringend fehlt.

Das "Sonnenvitamin" soll ein Allheilmittel gegen Knochenleiden, Krebs, Herzerkrankungen, Diabetes sein. Sogar gegen Schizophrenie soll es helfen. Die Versprechen finden sich auf etlichen Internetseiten. Mindestens jeder dritte Deutsche habe einen gefährlichen Mangel, der sich in Muskelkrämpfen, Müdigkeit und schlechter Stimmung äußern könne.

Die Warnungen zeigen Wirkung. Jahrelang rührten sich die Deutschen saures Vitamin-C-Pulver in den Saft. Nun schlucken sie Vitamin D. Ärzte und Forscher sind beunruhigt, denn das "Sonnenvitamin" kann gefährliche Nebenwirkungen haben. Kritische Studien mehren sich. Der Stoff bewirkt demzufolge nicht nur keine Wunder. Zu viel Vitamin D kann gerade für ältere Menschen Risiken bergen.

Die Deutschen geben viel Geld für Vitamin D aus, im vergangenen Jahr zahlten sie 124 Millionen Euro in Apotheken und bei Versandhändlern für Vitamin-D-Präparate. Die Apotheker allein verkauften 10,6 Millionen Packungen, fast zwei Millionen mehr als 2013. Längst bekommt man es auch beim Discounter.

Längst nicht ausreichend erforscht

Vitamin D wird im Körper gespeichert. Der Körper stellt die eigene Produktion ein, wenn er genug gebildet hat. Wer den Stoff künstlich einnimmt, kann ihn überdosieren, was Übelkeit und Herzrasen auslösen, im schlimmsten Fall zu Nierenleiden führen kann.

"Die Mechanismen von Vitamin D sind noch nicht vollständig erforscht", sagt Helmut Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Ingrid Mühlhauser, Endokrinologin und Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Hamburg, warnt: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für den Nutzen. Man behandelt gesunde, beschwerdefreie Menschen mit Pillen."

Vitamin D ist eigentlich gar kein Vitamin, sondern die Vorstufe eines Hormons. Wenn Sonne auf die Haut trifft, bilden Leber und Niere aktives Vitamin D. So entstehen 90 Prozent des körpereigenen Stoffs. Der Restbedarf wird gedeckt, wenn man etwa fettreichen Fisch isst. Vitamin D reguliert den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel und stärkt die Muskeln. Wenn es fehlt, sinkt vor allem der Kalziumspiegel. Ein schwerer Vitamin-D-Mangel kann bei Rachitis und bei Erwachsenen zu Knochenerweichung führen.

Umstrittene Obergrenze

Ein Mangel lässt sich im Blut feststellen. Doch schon die Grenzwerte sind umstritten. Wer braucht wie viel?

Heike Bischoff-Ferrari untersucht seit Langem, wie sich die Gabe von Vitamin D auf die Knochen und Muskeln älterer Menschen auswirkt. Die Professorin für Geriatrie und Altersforschung am Universitätsspital Zürich hat gerade eine Studie vorgelegt, deren Ergebnis sie zum Teil selbst überrascht hat. "Wir haben gedacht, dass viel auch viel hilft", sagt sie.

Ihre Forschergruppe untersuchte 200 Männer und Frauen, die älter als 70 waren, noch zu Hause lebten und im Jahr vor Studienbeginn mindestens einmal gestürzt waren. Mehr als die Hälfte hatte anfangs weniger als 20 Nanogramm Vitamin D pro Milliliter Blut im Körper. Das ist ein Wert, der in Deutschland als Mangel gilt. Die Probanden bekamen in drei zufällig zusammengestellten Gruppen unterschiedlich hohe Vitamin-D-Monatsdosen.

Überraschendes Studienergebnis

Die erste Gruppe erhielt ein Jahr lang jeden Monat die in Deutschland empfohlene Menge an Vitamin D, nämlich 24.000 sogenannte Internationale Einheiten. Eine Internationale Einheit entspricht 0,025 Mikrogramm. Die zweite Gruppe bekam 60.000 Einheiten pro Monat. Die dritte Gruppe erhielt die in Deutschland empfohlene Menge zusammen mit Calcifediol, einem Stoffwechselprodukt von Vitamin D.

Die Überraschung kam nach einem Jahr, als Bischoff-Ferrari und ihr Team den Gesundheitszustand aller Teilnehmer überprüften. Die alten Menschen, die hoch dosierte Spritzen bekommen hatten, zeigten nun einen Vitamin-D-Spiegel von 45 Nanogramm pro Milliliter im Blut. Das ist die Menge, die viele Ärzte zur Vorbeugung von Knochenleiden empfehlen. Aber ausgerechnet diese Teilnehmer konnten ihre Beine bei Tests nicht besser bewegen als vorher. Und zwei Drittel waren wieder gestürzt.

Besser erging es den Männern und Frauen, die nur die normale Dosis erhalten hatten. Sie konnten in den Übungen ihre Beine besser bewegen als vorher. Nur knapp jeder Zweite von ihnen war hingefallen. Ihr Vitamin-D-Wert stieg auf die in Deutschland empfohlenen 20 bis 30 Nanogramm pro Milliliter Blut. Für die Altersforscherin Bischoff-Ferrari folgt daraus, dass zu viel Vitamin D im Alter eher schadet: "24.000 Einheiten sind sicher und effektiv", sagt sie.

Stärkt Vitamin D wirklich die Knochen?

Jetzt will sie herausfinden, warum große Mengen schädlich sind. Eine Erklärung könnte sein, dass die Monatsspritze mit sehr viel Vitamin D die Muskulatur der alten Menschen zu stark stimuliert haben könnte. Die Forscherin plant Studien, die zeigen sollen, ob eine tägliche Ration Vitamin D besser verträglich als eine Monatsdosis ist.

Andere Untersuchungen wecken Zweifel daran, dass Vitamin D überhaupt die Knochen stärkt. Zwei Studien in Finnland und den USA ergaben, dass sich die Knochenstruktur bei älteren Frauen nicht verbesserte, wenn sie täglich die in Deutschland empfohlene Tagesdosis nahmen. Auch zur Vorbeugung von Osteoporose bei jungen, aktiven Erwachsenen ist der Stoff nicht geeignet, denn er beeinflusst die Knochendichte kaum, stellten Wissenschaftler in einer Übersichtsstudie fest. Auch ist bisher nicht nachgewiesen, ob die Einnahme von Vitamin D bei Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schizophrenie oder Depressionen wirkt.

In den USA werden Lebensmittel angereichert

Dennoch empfehlen viele Ärzte und Fachgesellschaften auch gesunden Menschen, Vitamin D zu nehmen. Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts fehlt 60 Prozent der Deutschen im Winter Vitamin D. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält einen Wert von mehr als 30 Nanogramm pro Milliliter Blut für ideal. Weil sie zu wenig Sonne bekommen, sollten alle Menschen ab einem Jahr täglich 800 Einheiten einnehmen. Noch viel höher ist die Empfehlung etwa in den USA. Dort werden Milch, Orangensaft oder Müsli häufig mit Vitamin D angereichert.

Die Kritik an diesen Richtwerten wächst. Es soll ein Mangel bekämpft werden, der keiner ist, sagen Experten wie Helmut Schatz. Der ehemalige Professor für Innere Medizin an der Ruhr-Universität Bochum beobachtet seit vielen Jahren den "Hype" um Vitamin D. Von einem gravierenden Mangel in der gesamten deutschen Bevölkerung könne kaum die Rede sein, sagt er.

Selbst ein Spiegel von unter 20 Nanogramm pro Millilitern sei bei einem gesunden Menschen kein Grund für eine Therapie. "Die Wirksamkeit von Vitamin D wird überschätzt", warnt er. Die Einnahme von 800 Einheiten täglich schade zwar nach aktuellem Forschungsstand nicht. Die Frage sei aber, ob sie etwas bringt.

Im Sommer häufiger an die Sonne gehen

Die Endokrinologin Ingrid Mühlhauser mahnt zu Sachlichkeit. Die Hoffnung auf Vitamin D könnte sich ähnlich schnell zerschlagen wie die auf Vitamin A, Beta-Carotin oder Vitamin E. Auch davon hatte man sich viel versprochen – bis sich schädliche Folgen zeigten. Die Ergebnisse von zwei großen Vitamin-D-Studien in Europa und den USA stehen noch aus.

Bis dahin sieht Mühlhauser keinen Grund, im Körper "herumzupfuschen". Es bleibe ohnehin die Frage, ob ein Vitamin-D-Mangel nicht eher die Folge vieler Erkrankungen als deren Ursache ist, sagt sie. Depressive etwa ziehen sich oft zurück, ihr Körper bekommt zu wenig Sonne – die Depression könnte den Mangel nach sich ziehen.

Babys brauchen Vitamin D

Wer kaum Sonne an die Haut lässt, riskiert tatsächlich einen Mangel. Dann können Vitamin-D-Pillen helfen. Babys im ersten Lebensjahr brauchen den Stoff. Älteren, gebrechlichen Menschen hilft er oft in Kombination mit Kalzium – aber wie die neuen Studien zeigen, nicht in zu hoher Dosis. Bei bestimmten Knochenleiden kann eine vorbeugende Einnahme sinnvoll sein. Wer glaubt, zu einer Risikogruppe zu gehören, sollte seinen Arzt fragen und nicht einfach Vitamin D im Internet ordern.

Für gesunde Menschen reicht es völlig aus, im Frühjahr und Sommer öfter mit nackten Armen und Beinen in die Sonne zu gehen. Der Körper hat eine Methode entwickelt, seinen Vitamin-D-Spiegel auch in der dunklen Jahreshälfte zu regulieren. Er speichert den Stoff in Fett und Muskeln. Die Sonne des Sommers bringt ihn durch den Winter.

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