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Versorger sind alarmiert So viele Chemikalien landen im Trinkwasser

Sogar modernste Kläranlagen bekommen die Chemikalien nicht mehr aus dem Trinkwasser. Schuld sind Waschmittel, Kosmetik – und vor allem Medikamente.

Die deutschen Wasserversorger warnen angesichts der wachsenden Menge von Chemikalien im Trinkwasser vor einer Überforderung der Kläranlagen. Das Problem mit Mikro-Verunreinigungen sei von den Wasserbetrieben allein nicht mehr zu lösen, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU), Katherina Reiche, in Berlin.

Künftig sollten Verbraucher und die Industrie deutlich mehr dazu beitragen, den Eintrag von Spurenstoffen in die Gewässer zu verringern. "Wir müssen verstärkt auf das Vorsorgeprinzip setzen", sagte Reiche: "Beim Wasser hört der Spaß auf."

Die VKU-Chefin kritisierte, das Problem der Verunreinigungen werde von der Politik bislang ausschließlich bei den Wasserverbänden abgeladen. Die Verursacher seien jedoch andere. Die Maßnahmen zur Wasserreinhaltung müssten daher "zuerst beim Verursacher der Emission ansetzen", nötig sei "auch eine verursachergerechte Beteiligung an den Kosten der Trinkwasseraufbereitung".

Kosmetik- und Medizin-Rückstände im Grundwasser

Der Kommunalverband verwies auf Zahlen des Umweltbundesamtes: Demnach werden jährlich 630.000 Tonnen Chemikalien aus Wasch- und Reinigungsmitteln von privaten Haushalten mit dem Abwasser entsorgt sowie zusätzlich rund 10.500 Tonnen aus Kosmetikprodukten und Körperpflegemitteln.

Hier brauche es mehr Aufklärung, sagte Reiche: "Nicht jedem Verbraucher ist bewusst, dass das, was er sich auf die Haut tut, dann auch irgendwann im Grundwasser landet."

(Foto: Infografik Die Welt)

Noch bedenklicher für Umwelt- und Gesundheitsschutz sei allerdings der Eintrag von rund 8100 Tonnen Arzneimittelresten in die Gewässer. Diese Stoffe seien zumeist mit Absicht so gestaltet, dass sie sich im Körper nicht sofort zersetzen, wie zum Beispiel Röntgenkontrastmittel. Entsprechend langlebig erwiesen sich die Substanzen dann später auch in der Natur, warnte Reiche. Das in der Tier- und Humanmedizin eingesetzte Rheumamittel Diclofenac belaste etwa weltweit bereits viele Ökosysteme.

Reiche forderte, die Zulassungsverfahren für Medikamente zu erweitern. Künftig müsse auch berücksichtigt werden, wie sich der Wirkstoff später in der Natur verhalte und wie hoch die Gefahr der Gewässerverunreinigung sei.

Reinigungskosten gehen in die Milliarden

Ein Großteil der pharmazeutischen Spurenelemente gelangt über die natürliche Harnausscheidung ins Grundwasser. Noch immer entsorgten allerdings 47 Prozent der Verbraucher abgelaufene Arzneimittel "durch die Toilette". Über die Folgen für das Grund- und Trinkwasser müssten die Verbraucher besser informiert werden.

Georg Wulf, Vorstand des Wupperverbandes in Nordrhein-Westfalen, forderte die Bundesregierung dazu auf, das Gespräch mit der Industrie zu suchen. Zum Beispiel könne man mit der Pharmaindustrie mal über die oft zu groß dimensionierten Packungsgrößen sprechen. Auch die Agrarindustrie müsste schon wegen der Nitratbelastung des Grundwassers mehr Verantwortung übernehmen.

Wulf warb für die vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) entwickelte Smartphone-App "Toxfox", mit der Verbraucher durch einfaches Scannen des Strichcodes auf der Verpackung erkennen können, ob das Kosmetikprodukt hormonell wirksame Chemikalien enthält.

Auch durch die Nachrüstung vieler Kläranlagen mit einer "vierten Reinigungsstufe" ließen sich nicht alle Spurenelemente mehr aus dem Wasser filtern, sagte Wulf. Laut einer VKU-Umfrage erwarten fast 90 Prozent aller Wasserbetriebe höhere Kosten in der Abwasserbehandlung: Deutschlandweit müssten dafür voraussichtlich rund eine Milliarde Euro aufgebracht werden.

Der VKU forderte, auch die Eintragspfade von "diffusen Quellen" künftig stärker zu überwachen. Dazu gehöre insbesondere die Landwirtschaft. Auch der Reifenabrieb von Autos im Straßenverkehr sei für den Wasserschutz inzwischen "ein ziemlich großes Thema", sagte Wulf. Es sei die Frage, ob und in welchem Umfang künftig auch Niederschlagswasser gereinigt werden solle, bevor es zurück in die natürlichen Gewässer gespeist wird.

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