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Europa im Vergleich Wo Menschen richtig alt werden

In manchen Regionen Europas werden die Menschen besonders alt. Das zeigt eine aktuelle Studie. Aber es gibt noch andere Faktoren, die zu einem langen Leben führen.

Frauen könnte man zur Umgebung von Madrid raten, Männern auch zu Bergdörfern in den Cevennen oder den Pyrenäen. Zu Gemeinden, die verheißungsvolle Namen wie Sur Occidental, Guadarrama, Florac oder Encamp tragen und in Spanien, Frankreich oder Andorra liegen. In diesen Gemeinden haben Menschen in Europa die besten Chancen, nicht nur alt, sondern sehr alt zu werden.

Forscher sprechen von der Überlebensrate im Alter. Wo gelingt es Menschen, die zwischen 75 und 84 Jahren alt sind, noch einmal zehn Jahre älter zu werden? Ana Isabel Ribeiro hat das für ganz Europa berechnet, für 4404 Kommunen, und ist auf erhebliche Unterschiede gestoßen.

Die Chancen auf zehn zusätzliche Jahre im hohen Alter nahmen dabei nicht etwa vom reichen Norden in den armen Süden des Kontinents ab. Sehr alt werden Europäer der Studie von Ribeiro zufolge am ehesten im Norden von Spanien, im Nordosten von Italien und im Süden von Frankreich.

In Vororten von Madrid lebten mehr als 70 Prozent der Frauen, die 2001 zwischen 75 und 84 waren, im Jahr 2011 noch. In vielen Bezirken von London oder in Kopenhagen schaffte das nur etwa jede dritte Frau. Die Zehn-Jahres-Überlebensraten der alten Männer waren ohnehin schlechter. In einigen Orten Südfrankreichs oder Nordspaniens lagen sie bei 50, im belgisch-niederländischen Grenzgebiet unter 25 Prozent.

Schwierige Datenlage in Deutschland

Die Portugiesin Ribeiro ist 28 Jahre alt und forscht am Institut für Gesundheitswesen der Universität von Porto. Dort liegen die Überlebenschancen unter dem europäischen Durchschnitt, vielleicht ändert sich das, bis Ribeiro ins Rentenalter kommt. Zwischen 2001 und 2011 haben sich etwa die Überlebensraten der Senioren in Frankreich enorm verbessert, eine "herausragende Entwicklung", heißt es in der Studie.

Ribeiro und drei ihrer Kollegen haben die Daten aus 18 europäischen Ländern ausgewertet. Die neuen EU-Staaten aus Osteuropa fehlen, Irland, Griechenland – und Deutschland. Das sei bedauerlich, sagt Ribeiro, sie hätte nämlich gern herausgefunden, wie groß die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sind.

Schließlich hat sie das Überleben der Alten zwischen 1991 und 2001 und zwischen 2001 und 2011 analysiert. Das Statistische Bundesamt habe die entsprechenden Daten aber nicht liefern können. Ribeiro brauchte Angaben aus möglichst kleinen geografischen Einheiten, Kreisen oder Gemeinden.

"In Deutschland bekommt man die Kreisdaten nur in den Ländern", sagt Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Die Kollegen aus Portugal hätten noch einmal 16 deutsche Datensätze besorgen und verarbeiten müssen. Außerdem fanden zwischen 1981 in der alten BRD und 2011 in Deutschland keine Volkszählungen statt.

Scholz kennt die Studie von Ribeiro, er sagt, dass die Ergebnisse im Prinzip bestätigen, was die Forschung auch hierzulande über die "extreme Hochaltrigkeit" weiß.

Frische Bergluft für ein langes Leben

Die Forscher aus Portugal haben die Bevölkerungsdaten nicht systematisch mit Daten über die soziale und wirtschaftliche Lage der Kommunen oder die Gesundheitsversorgung vor Ort verknüpft. "Aber wir vermuten stark, dass die Unterschiede in den Überlebensraten im hohen Alter vor allem von Umweltfaktoren abhängen", sagt Ribeiro.

Die soziale Lage der Kommune und ihrer Bewohner hält sie für ebenso wichtig wie die Beschaffenheit der natürlichen Umwelt. Frische Bergluft, mildes Klima, die rund um das Mittelmeer übliche Ernährung spielten vermutlich ebenso eine Rolle für das gute Abschneiden des Nordens der südlichen Länder wie die Ausstattung der Gemeinden mit Krankenhäusern. Es sind keine armen Regionen.

Schließlich hängt das Überleben im Alter vom Leben vor dem Alter ab. "Die Gesundheit der Bevölkerung eines Gebiets formt sich mit den Jahren", sagt Ribeiro. Kann man sich im Grünen erholen? Rauchen die Menschen? Sind sie eingebunden?

Das belgisch-niederländische Grenzgebiet, wo wenige Männer älter als 84 werden, ist eine alte Bergbauregion. Teile Schottlands und Englands schneiden ebenfalls schlecht ab, die Gegenden sind von Deindustrialisierung geprägt. Für das Leben über 75-Jähriger heißt das: Es war erst vermutlich von harter körperlicher Arbeit bestimmt, dann womöglich von Arbeitslosigkeit.

Die deutsche Altenwanderung

"Wer ein gutes Leben führen konnte, hat bessere Chancen, sehr alt zu werden", sagt Rembrandt Scholz, der Demograf aus Rostock. Auch in Deutschland gebe es Regionen, in denen man vermutlich eine Anhäufung sehr alter Menschen finden könne. Die Bodenseeregion etwa, "da ziehen im Alter diejenigen hin, denen es gut geht". Man könne eine regelrechte "Altenwanderung" beobachten.

Auch in der Umgebung von Bonn werden die Leute sehr alt, Beamte und Regierungsmitarbeiter sind in der Nähe der früheren Hauptstadt geblieben. Kleinstädte oder Vororte – nicht ganz Stadt, nicht ganz Land – haben in der Studie der Portugiesen am besten abgeschnitten. "Gegenden, in die man gern zieht, wenn man es sich aussuchen kann", sagt Scholz. Überlebensfaktor: eine Auswahl haben.

Die Chancen, sehr alt zu werden, steigen, wenn Menschen ein eigenständiges Leben führen und sozial eingebunden sind, sagt Denis Gerstorf, Entwicklungspsychologe an der Humboldt-Universität zu Berlin und Sprecher der "Berliner Altersstudie II", die gemeinsam mit der Vorgängerstudie seit Jahrzehnten die Lebensumstände Hochaltriger untersucht.

Fördern und Fordern

Der Ort, an dem ein Mensch alt wird, bestimmt die Umstände seines Alterns mit. Ist ein Arzt zu erreichen, schmeckt das Essen auf Rädern? Kann man möglichst lange in der eigenen Wohnung leben? Ideal ist ein Umfeld, das Menschen im Alter "fordert und fördert", ihnen also weder alles abnimmt, noch sie allein lässt. In Nordspanien, Südfrankreich, oder Deutschland.

Ana Isabel Ribeiro will alten Leuten nicht zu Umzügen raten. Es gebe noch keine Studien dazu, sagt sie. Aber es könne schon sein, dass reiche Gemeinden mit sauberer Luft die Überlebenschancen erhöhen.

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