Einig Vaterland
Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871
Die Gründung des ersten deutschen Nationalstaates erfolgt 1871 mit der Kaiserproklamation Wilhelms I. im Spiegelsaal von Versailles - der Preußenkönig nimmt den Titel jedoch nur widerwillig an.
Die Kaiserproklamation erfolgt am 18. Januar 1871 in Versailles keineswegs reibungslos. Der Ernennung geht ein erbitterter Streit über die Titelfrage zwischen Bismarck und Wilhelm I. voraus. Wilhelm ist von Grund auf der deutschen Kaiserwürde abgeneigt, da er den Titel des preußischen Königs höher erachtet. Damit vertritt er dieselbe Meinung wie sein verstorbener Bruder Friedrich IV., der 1849 die Kaiserkrone abgelehnt hatte. Für Bismarck bot sich jedoch hier und jetzt die Chance den Norddeutschen Bund und seine süddeutschen Verbündeten Bayern, Württemberg und Baden zu einem Reich zu vereinen.
"Deutscher Kaiser" oder "Kaiser von Deutschland"?
Nachdem Bismarck sich die Zustimmung der Fürsten zur Reichsgründung mithilfe der "Reservatrechte" sichert, ist die Titelfrage bis zum letzten Augenblick der Ausrufung ungeklärt. Wilhelm I. will als "Kaiser von Deutschland" proklamiert werden, aber Bismarck weiß, dass die süddeutschen Fürsten diesen Titel nicht akzeptieren würden. Er hätte den Eindruck erweckt, dass die Monarchen ihre volle Souveränität an Preußen abgeben müssten und sie dadurch in ihrer Funktion überflüssig werden würden. Bismarck bevorzugte den Titel "Deutscher Kaiser". Diesen Titel ist allerdings Wilhelm I. nicht bereit zu tragen, da er sich mehr Preuße als Deutscher fühlt.
Auf dem Weg zum Spiegelsaal, wo bereits sämtliche Fürsten und Wilhelm I. versammelt sind, debattiert Bismarck mit dem badischen Großherzog Friedrich I. über eine Lösung der Titelfrage. Letzterem gebührt die Ehre die Proklamation Wilhelms I. vorzunehmen. Er umgeht das Problem, indem er sagt: "Hoch lebe Kaiser Wilhelm". Der gerade gekrönte Kaiser ist darüber so verbittert, dass er Bismarck nach der Proklamation den Handschlag verweigert. Letztlich setzt sich der Wunsch Bismarcks durch. Fortan wird der preußische König zusätzlich den Titel "Deutscher Kaiser" tragen.
"Kleindeutsche" versus "großdeutsche" Lösung
Das deutsche Kaiserreich umfasst alle deutschsprachigen Territorien mit Ausnahme von Österreich und knüpft somit an die Idee der kleindeutschen Lösung von 1848 an. Sie stand im Gegensatz zu der großdeutschen Lösung, die das Habsburger Reich mit einschloss. Die Beweggrund, der Bismarck dazu veranlasst die "Deutsche Frage" im kleindeutschen Sinn zu lösen, beruht auf folgender Überlegung: Das katholische Österreich hätte aufgrund seiner Größe und Macht die Hegemonie des protestantischen Preußens im Kaiserreich beendet. Wie der SPD-Politiker August Bebel später treffend formulierte war die "kleindeutsche Lösung eine großpreußische Lösung".
Gründerjahre und Gründerkrach
Kurz nach der Reichsgründung setzt ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Hervorgerufen und begünstigt wird er durch den Wegfall von Zöllen, der Verbesserung der Infrastruktur und der französischen Reparationszahlungen. Die Zeit zwischen 1871 und 1873 sind geprägt durch zahlreiche Gründungen von Firmen und Aktiengesellschaften.
Der Gründerboom verursacht Überkapazitäten in der Produktion, die durch den Export nicht abgebaut werden können. Ausgelöst von dem Berliner Börsenkrach 1873 beginnt die deutsche Wirtschaft zu stagnieren und sich im weiteren Verlauf zur Gründerkrise zuzuspitzen. Im Zuge der fehlenden Nachfrage von Produkten kommt es bis 1879 zu zahlreichen Insolvenzen, die zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führt. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf die Parteienlandschaft im Reich.