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Brennpunkt Deutschland Die Wilhelminische Ära 1890-1914

Am 20. März 1890 entlässt Wilhelm II. seinen "Eisernen Kanzler". Der Verlust Bismarcks wirkt sich auf die Außenpolitik katastrophal aus - binnen kurzer Zeit zerbricht sein Bündnissystem.

Als Bismarcks Nachfolger ernennt Wilhelm II. General Leo von Caprivi, der vom Kaiser als "Mann der rettenden Tat" gefeiert wird. Mit Caprivi glaubt Wilhelm II. eine anerkannte Persönlichkeit gefunden zu haben, mit der er seine geplante Politik der inneren Versöhnung, sowie das Arbeitsschutzgesetz durchzusetzen hofft.

Wirtschaftspolitik und rüstungspolitische Prioritäten

Caprivi setzt einen von Bismarck verwehrten Wunsch Wilhelms durch: die Miquelsche Einkommensteuerreform von 1891. Durch die industriefreundliche und exportorientierte Eindämmung des Protektionismus zieht sich Caprivi die Feindschaft der im Bund der Landwirte organisierten Grundbesitzer („Junker“) zu, die sehr eng mit der Konservativen Partei verbunden sind. Die nach Abschaffung der Schutzzölle wachsenden Agrarexporte der USA verursachen einen Preisverfall.

1893 löst Wilhelm II. den 1890er Reichstag auf, weil er die von ihm gewünschte Aufrüstung des Heeres ablehnt. Im darauf folgenden Wahlkampf siegen die Befürworter der wilhelminischen Politik aus der Konservativen und Nationalliberalen Partei. Auch die gegen Caprivis Widerstand von Alfred von Tirpitz propagierte Aufrüstung der Kaiserlichen Marine, im Volk durchaus populär, wird in der Folgezeit von Wilhelm gefördert.

Wende in den Reichskanzlerberufungen und außenpolitische Dauerprobleme

1894 wird Caprivi entlassen. Wilhelm beruft als seinen Nachfolger erstmals einen Nichtpreußen, den bayrischen Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

Der anhaltende deutsche Kolonialismus – gegen den Bismarck und Caprivi sich noch gewehrt hatten – wird von ihm nicht als riskant gegenüber den Großmächten England, Frankreich und Japan gesehen und gebilligt: 1899 erwarb das Reich die Karolinen, Marianen, Palau und 1900 Westsamoa.

1900 ersetzt Wilhelm Hohenlohe durch Graf Bernhard von Bülow, der als Reichskanzler weder die anstehenden innenpolitischen Reformen betreibt noch die sich neu gruppierenden außenpolitischen Konstellationen, in Deutschland als Einkreisungspolitik empfunden, zu meistern vermochte. Das Verhältnis zu Frankreich wird nicht verbessert, England nun auch durch die Flottenpolitik herausgefordert und Russland auf dem Balkan nicht gegen die Österreichisch-Ungarische Monarchie unterstützt.

Friedenspolitisch ergreift Wilhelm II. erst 1905 eine Initiative: Im Sinne einer Wiederannäherung an Russland, das gerade seinen Krieg gegen Japan zu verlieren droht, schließt er mit Nikolaus II. den Freundschaftsvertrag von Björkö - Frankreich soll einbezogen werden. Er wird allerdings schon 1907 von Russland für gegenstandslos erklärt, weil er mit der französisch-russischen Annäherung, die inzwischen stattgefunden hatte, nicht vereinbar ist.

Hunnenrede

1908 wird Wilhelms Hilflosigkeit durch die Daily-Telegraph-Affäre deutlich: Er beschwert sich in einem Interview mit der Zeitung über seine eigene Regierung – sie sei nicht englandfreundlich genug. Bismarck war ein Meister darin, seine Politik medial zu flankieren. Bei Wilhelm II. dagegen soll das Interview und markige Reden die Politik ersetzen.

Ein besonders eklatantes Beispiel hat der Kaiser mit der bereits am 27. Juli 1900 in Bremerhaven gehaltenen Hunnenrede gegeben. Mit dem Daily Telegraph-Interview fällt er nunmehr der Reichspolitik in den Rücken, indem er erklärt, er würde ein guter „Beschützer Englands“ sein, würde er doch die anderen europäischen Mächte immer zurückhalten, England zu provozieren. Dies wird in England als Ärgernis empfunden. Es ließe sich von niemandem beschützen und empfindet das Interview als Anmaßung. Wilhelm beugt sich dem öffentlichen Druck und verspricht, sich künftig außen-, wie auch innenpolitisch zurückzuhalten.

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