"Schädelkult" in Herne
Auf den Spuren von da Vinci und Indiana Jones
Kristallschädel, Symbole und mehr: Eine Ausstellung in Herne widmet sich dem weltweiten Schädelkult. Die Schau beleuchtet die vielen Facetten, die den Kult mit dem Totenkopf ausmacht - bis heute.
Es wirkt etwas gruselig im Archäologiemuseum in Herne. Der Gedanke an Halloween kommt auf. Mit Spuk und Spaß hat die Ausstellung "Schädelkult - Mythos und Kult um das Haupt des Menschen" aber nur auf den ersten Blick etwas zu tun. Hunderte Schädel und andere Ausstellungsstücke sind von 17. November an in schummeriger Atmosphäre zu sehen. Schrumpfköpfe, prähistorische Schädel, bemalte Schädel, Schädel aus Kristall, Schädel von Mordopfern, die am Hals getragen werden, oder operierte Schädel aus dem Jahr 3400 vor Christus - sie alle erzählen Geschichten aus fast 30 Ländern.
Kulte aus allen Teilen der Welt
Neben vielen ernsten Themen wie dem Arierkult der Nazis kommen auch spannende Mythen nicht zu kurz. Ganz populär sind seit dem 19. Jahrhundert die Kristallschädel, die angeblich auf die Maya- oder Aztekenkultur zurückgehen. Esoteriker und Weltuntergangsfans glauben, dass 13 dieser Schädel - in einer bestimmten Formation angeordnet - den im Maya-Kalender für den 21. Dezember 2012 vorhergesagten Untergang der Welt verhindern können.
Weltbekannte Museen sicherten sich solche Schädel. Hollywood gab dem Mythos mit dem Abenteurerfilm "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" weitere Nahrung. Ursprung des Spuks ist aber wohl ein bekannter französischer Antiquitätenhändler, der im 19. Jahrhundert aus Mexiko kam und sich die in der neueren Zeit aus großen Bergkristallen gefertigten Schädel in Mexiko oder Europa besorgt hatte. Ein Ursprungsort könnte Idar-Oberstein im Hunsrück sein. Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen ließen für die eigene Schädelkult-Ausstellung dort ein eigenes Exemplar anfertigen.
Realität und Kunst
Handfesten Ursprung haben dagegen Schrumpfköpfe aus dem südamerikanischen Regenwald. Ein zwölf Zentimeter großer Kopf kam von dort nach Europa. Ausgerechnet ein Europäer mit Schnäuzer und Bart hatte seinen Kopf dafür hergegeben. Bei den Jivaro-Indianern wurde er vor gut 100 Jahren hergestellt. Die Anden-Indianer schrumpften die abgezogene Kopfhaut von getöteten Feinden mit heißem Sand. Die rituelle Prozedur wurde mehrfach wiederholt. Als die Europäer die Schrumpfköpfe als Souvenir entdeckten, wurden sogar Friedhöfe geplündert, um die Nachfrage zu decken. Die Jivaros selbst trugen die Köpfe von Feinden am Körper, um den Geist der Ermordeten zu bändigen.
Leonardo da Vinci, Wissenschaftler und Künstler, hat vermutlich einen Schädel aus Alabaster modelliert. Einfallendes Licht fällt durch die Augenhöhlen und zwei Kanäle genau bis zur Kopfmitte, dort wo die Seele des Menschen sein sollte.
Der Kopf als Zentrum des Geistes
Recht fantasievoll erklärte vor rund 200 Jahren der Arzt und Anatom Franz Joseph Gall den Sitz von Charaktereigenschaften im Kopf. Mit seiner Lehre der Phrenonologie wollte Gall der Welt weismachen, das die Eigenschaften an der Schädeldecke ertastet werden können. Die rund 30 Gehirnorgane mit Eigenschaften wie Witz, Geiz, Schlauheit oder Ortssinn sind dieser Theorie nach bei den Menschen unterschiedlich groß ausgeprägt und formen die Schädeldecke aus. Kollegen waren davon weit weniger angetan als die breite Masse. "Sogar der Dichter Johann Wolfgang von Goethe ließ sich den Kopf von Gall abtasten und besaß einen eigenen Phrenologieschädel, auf dem die verschiedenen Charaktereigenschaften und deren Sitz geschrieben standen", sagt Ausstellungskuratorin Constanze Döhrer.
Als Symbol und Schmuck dient der Schädel auch in der modernen Welt. Die Fans des Fußballclubs St. Pauli tragen einen Totenkopf als Emblem auf Pullovern und Fahnen. Die Gothicszene trägt Schmuck mit Totenköpfen oder kauft Tische mit Beinen aus künstlichen Schädeln, wie die Ausstellung zeigt.