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Augenzeugen berichten "Die Höllenmusik" von Stalingrad

Die Schlacht von Stalingrad liegt fast 70 Jahre zurück, Zeitzeugen gibt es nur noch wenige. Erstmals vereint nun ein Buch die Berichte russischer Historiker, die noch vor Ort mit Soldaten sprachen.

Das Ende der Schlacht um Stalingrad erlebte Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, Befehlshaber der eingekesselten 6. Armee, am 31. Januar 1943 teilnahmslos und verdreckt in einem vor Unrat stinkenden Raum im Keller des Kaufhauses Univermag. "Unbeschreiblicher Schmutz", erzählt der russische Oberstleutnant Leonid Winokur, der als erster den Raum betrat. "Er hatte zwei Wochen alte Bartstoppeln, wirkte verzagt." Generalmajor Iwan Burmakow berichtet: "Er machte auf mich den Eindruck eines in die Enge getriebenen Tieres."

"Hüfthoch stand da der Schmutz und der menschliche Kot und was nicht noch alles", erzählt Major Anatoli Soldatow über den Keller. Dass es diese unmittelbaren Augenzeugenberichte überhaupt gibt, ist einer sowjetischen Kommission unter dem Historiker Isaak Minz zu verdanken. Deren Mitglieder fuhren Ende Dezember 1942 nach Stalingrad, wo über 300.000 Wehrmachtssoldaten und ihre Verbündeten von der Roten Armee eingekesselt waren. Die Minz-Kommission dokumentierte den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs auf vielen tausend Seiten.

Nach dem Krieg verschwanden die Protokolle mit 215 Interviews in sowjetischen Archiven, bis der deutsche Historiker Jochen Hellbeck sie aufspürte und zu dem Buch "Die Stalingrad-Protokolle" zusammenführte. Damit liegt er im Trend. Für Aufsehen sorgten jüngst etwa die Abhörprotokolle aus US-Kriegsgefangenenlagern, in denen Wehrmachtssoldaten ungefiltert vom Töten erzählen.

Augenzeugen berichten

Erstmals wird nun die Perspektive von Rotarmisten im "Großen Vaterländischen Krieg" den deutschen Lesern vermittelt. Hellbeck will damit auch der Versuchung entgegenwirken, in der Stalingrad-Schlacht die deutschen Soldaten "primär als Opfer" zu sehen.

Zu einem "soldatischen Chor" hat Hellbeck Auszüge aus den Interviews vom einfachen Soldaten über Politkommissare bis zu Generälen arrangiert. Vom Elend der Kinder ist da die Rede, vom Hungerkampf um wenige Weizenkörner und die Eingeweide von Pferden. Die Schrecken des Granathagels, die Bombardements, der Häuserkampf werden ganz nah an den erschütterten Leser herangezoomt.

Angst und Verzweiflung scheinen dagegen kaum hervor. Selten geben die Redner in der offiziellen Interviewsituation Einblick in ihr Seelenleben. Allein Konstantin Subanow, Chefingenieur in einem Energiekombinat, traut sich distanziert zu sagen: "Jedes Bombardement und jeder Artilleriebeschuss ist meiner Meinung nach für alle Menschen nur schwer und unter Qualen zu ertragen." Hellbeck räumt ein: "Natürlich ist davon auszugehen, dass Soldaten im vertraulichen Gespräch miteinander anders über den Krieg sprachen als ... mit den Historikern aus Moskau."

Antrieb der Sowjetsoldaten war weniger Stalins berüchtigter Befehl Nr. 227 - "Keinen Schritt zurück" - als der Heldenkult, weist Hellbeck nach. Heldentaten wurden auf Flugblättern an der Front verbreitet, der "Held des Tages" gekürt, Scharfschützen führten wie in einem sozialistischen Arbeiterwettbewerb Konto über die getöteten Feinde. Die Interviews zeigen auch die wichtige mobilisierende Rolle der Kommunistischen Partei.

Bis in die Schützengräben kamen Agitatoren und Kommissare. In Momenten größter Krisen öffneten sie schon mal ihre eiserne Reserve an Schokolade oder Mandarinen. Von Stalin sprechen die Soldaten indes kaum. Im Gegenteil, sie üben auch Kritik an den Kommandeuren. Die fehlende Glorifizierung Stalins dürfte einer der Gründe sein, warum die Protokolle zu Lebzeiten des Diktators nie veröffentlicht werden durften.

Insgesamt kostete die Schlacht um Stalingrad 295.000 Wehrmachtssoldaten das Leben, davon starben 105.000 in Gefangenschaft, nur etwa 6000 kehrten aus den Lagern zurück. Auf sowjetischer Seite fielen 479.000 Rotarmisten, manche Historiker gehen von über einer Million Toten aus.

Am Ende des Buches kommen gefangene Deutschen zu Wort - in den Verhörprotokollen der Sowjets von Februar 1943. Ein von der Minz-Kommission aufbewahrter Tagebuchauszug eines gefallenen deutschen Soldaten birgt die ganze menschliche Tragödie des von Hitler befohlenen Krieges: Die Zehen sind erfroren, Kälte, furchtbarer Hunger, Ohnmachten, Todesahnungen, tiefe Verzweiflung. "Die Höllenmusik des todbringenden Kampfes hört einfach nicht auf", schreibt der Gefreite. "Kann man das überleben?"

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