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Faktencheck zum Ritter-Mythos "Sie mähten Häupter wie bei der Ernte"

Ritterlichkeit ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der Ehrenkodex der adeligen Panzerreiter des Mittelalters galt höchstens untereinander. Bauern, Andersgläubige oder Häretiker waren Freiwild.

Der edle Ritter auf dem stolzen Ross, der die Jungfrauen beschützt und für das Gute streitet – so sehen die Geschichten aus, die über Ritter erzählt werden. Im 19. Jahrhundert hatten sie Hochkonjunktur, und ein schwärmerisches Mittelalterbild setzte sich durch. Die Realität sah hingegen banaler aus: Ritter zogen in blutige Schlachten, raubten, mordeten, vergewaltigten und widersprachen in vielen Punkten dem romantischen Bild, das sich viele bis heute von ihnen machen. Das beschreibt die Historikerin und Wissenschaftsjournalistin Karin Schneider-Ferber in ihrem neuen Buch "Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Ritter".

Der Ritter war die Leitfigur der höfischen Gesellschaft an Fürsten- und Königshöfen. Obwohl sich für Ritter ein strenger Ehrenkodex herausbildete, klafften Realität und Ideal in vielen Fällen jedoch stark auseinander. Bei den verbindlichen Regeln stand die Loyalität des Ritters gegenüber seinem Lehnsherrn an erster Stelle. Für ihn zu kämpfen war oberste Priorität.

Solange nur diese Treue bestand, wurden andere Punkte des Tugendkataloges weniger konsequent eingefordert. So gehörte dazu, ein "gottgefälliges Lebe" zu führen, wehrlose, arme und schwache Menschen zu schützen, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen und das Leben eines im Kampf besiegten Gegners zu schonen.

"Sie schlachteten Menschen ab wie Vieh"

Insbesondere in der Schlacht ging es recht handfest zu. "Mit dem Schwert mähten sie die Häupter, wie bei der Ernte – ein schrecklicher Anblick –, und mit dem Schwert bahnten sie sich überall einen Weg mitten durch die Feinde." Derartige Gewaltexzesse finden sich in zahlreichen Schlachtberichten.

"Gegen das gemeine Fußvolk wütete die feindliche Unmenschlichkeit so über alles Maß und alle Schranken hinaus, dass sie, alle christliche Ehrfurcht vergessend, Menschen abschlachteten wie Vieh", berichtet der zeitgenössische Geschichtsschreiber Lampert von Hersfeld über die Niederschlagung der aufständischen Sachsen im Jahr 1075 durch König Heinrich IV. (1050-1106). Besondere Grausamkeit ließen Ritter im Kampf gegen standesniedere Gegner walten, die den größten Teil der damaligen Heere ausmachten – denn sie wurden vom ritterlichen Ehrenkodex ausgespart.

Archäologische Funde auf den mittelalterlichen Schlachtfeldern und in Massengräbern bestätigen die Brutalität der Kämpfe. Mit Schwertern, Äxten, Spießen oder Dolchen wurden Menschen zerfetzt, selbst wenn sie längst zu Boden gegangen waren. Skelettreste weisen zahlreiche abgetrennte Gliedmaßen sowie Verletzungen am Hinterkopf auf. Mit ritterlichen Zweikämpfen hatte die Schlacht wenig zu tun. Vielmehr handelte es sich um wüste Keilereien, wie dumpfe Hiebverletzungen an den Skeletten zeigen.

Der Normannenführer Robert Guiscard (1015-1085), der sich in Süditalien ein eigenes Reich eroberte, ging in der Schlacht von Civitate 1053 erbarmungslos gegen seine Gegner vor. Der Geschichtsschreiber Wilhelm von Apulien berichtet: "Einige verstümmelte er an den Füßen, einige an ihren Händen; dem einen schlug er den Kopf vom Körper ab, dem anderen schnitt er den Bauch mitsamt der Brust auf, dem einen durchbohrte er die Rippenpartie, nachdem er zuerst den Kopf abgeschlagen hatte."

Kein Kodex bei Häretiker, Heiden und Muslime 

So wie Robert Guiscard werden auch seine Ritter gekämpft haben. Und nicht nur die. Denn den größten Teil der mittelalterlichen Heere machten Fußkämpfer aus. Sie rekrutierten sich aus den niederen Gesellschaftsschichten, waren entweder Söldner oder wurden von ihren Herren zwangsverpflichtet. Da sie nicht als ebenbürtige Gegner galten, wurde sie gnadenlos behandelt. Gefangene wurden nicht gemacht.

Bei Rittern war das anders. Sie versprachen im Fall einer Gefangennahme ein hohes Lösegeld. Das führte bisweilen zum Ruin ganzer Adelsfamilien. Andererseits gab es Fälle, dass militärische Führer das Töten aller Gefangenen befahlen, um ihre Leute in der Schlachtordnung zu halten. Die Versuchung, statt dem Kriegsplan zu folgen Jagd auf hochrangige Gegner zu machen, war groß.

Auch für Häretiker, Heiden und Muslime galt der ritterliche Ehrenkodex nicht. Deshalb sind von Religionskriegen und Kreuzzügen besonders grausame Szenarien überliefert, die nur noch von der Belagerung ganzer Städte und den Blutbädern nach ihrer Eroberung übertroffen wurden. Man wartete nicht, bis der Hunger die Belagerten zur Aufgabe zwang, sondern katapultierte Tierkadaver und Leichname von Seuchenopfern über die Mauern, um Krankheiten zu fördern.

Von den Kreuzfahrern des ersten Kreuzzugs (1096-1099) weiß man, dass sie die Köpfe toter Muslime hinter die Stadtmauern belagerter Städte schleuderten. Auch die reiche Kaiserstadt Konstantinopel erholte sich nie mehr von ihrer Eroberung im Vierten Kreuzzug 1204. Drei Tage lang wurde zügellos gemordet, vergewaltigt, geraubt; verheerende Brände zerstörten weite Teile des Stadtgebietes.

Die grausamen Szenen, die Karin Schneider-Ferber in ihrem Buch beschreibt, haben das Bild des Ritters verändert. Der edle Held des 19. Jahrhunderts hat ausgedient. In den Filmen und Mittelalterfesten der Popkultur schwingt heute auch die dunkle Seite des Rittertums mit. Neben höfischer Etikette und exquisitem Kunstgeschmack standen unvermittelt Gewalt und brutale Menschenverachtung. Der von dem Kulturwissenschaftler Norbert Elias propagierte "Prozess der Zivilisation" war keineswegs gradlinig und endete oft genug in Sackgassen.

Karin Schneider-Ferber: "Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Ritter". (Theiss, Darmstadt. 208 S., 16,95 Euro).

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