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Ansichten um 1900 So sah Deutschland vor "Heil Hitler" aus

Kein schöner Land in Photochrom: Als es noch keine Farbfotografie gab, kolorierte ein Farbdruckverfahren die Bilder. So könnte Deutschland noch heute aussehen. Wenn nichts geschehen wäre.

Zuallererst eine Warnung – und eine Empfehlung: Ihr sogenannter Coffeetable sollte stabil genug sein, denn dieses opulente Deutschlandbuch ist tatsächlich schwer. Um genau zu sein, wiegt es mehr als sechs Kilo und ist über 600 Seiten stark. Sein Lesebändchen ragt aus dem Buchkörper heraus wie ein protestantisches Beffchen. Und vielleicht ist der Habitus eines dickleibigen Pastors ja genau die richtige Assoziation für dieses buchgewordene Übergepäck namens "Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe".

Die optische Wucht beruht auf Photochrom (zur Technik später mehr), die territoriale Wucht des wilhelminischen Kaiserreichs (mit dem 1871 annektierten Elsass-Lothringen) zeigt sich nirgends deutlicher als auf der im Buch abgedruckten Landkarte von 1899, die mit ihren Koordinaten zwischen Kiel, Königsberg, Kattowitz, Colmar und Konstanz umso mehr Schauwert hat, als man weiß, wie die Großmannssucht im 20. Jahrhundert ausging.

Einmal "Faserland" dazulegen

Und damit zur Empfehlung: Als Kompensation zum Groß- und Schwerkaliber "Deutschland um 1900" aus dem Taschen-Verlag könnten Sie sich das schlanke "Faserland" von Christian Kracht dazulegen, am besten in der federleichten Billigtaschenbuchausgabe von Goldmann. Und dann lesen Sie darin auf Seite 81 nach: "Die Amerikaner wollten Heidelberg nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Hauptquartier machen, deswegen ist es nie zerbombt worden, und deswegen stehen die alten Gebäude noch, so als ob nichts geschehen wäre."

Der Ich-Erzähler von "Faserland", der sich scheinbar ziellos durch ein Fatherland-Vaterland treiben lässt, das nurmehr als westdeutsche Rumpfversion existiert, malt sich in den grünen, idyllischen Heidelberger Neckarauen aus: "So könnte Deutschland sein, wenn es keinen Krieg gegeben hätte und wenn die Juden nicht vergast worden wären."

Als ob nichts geschehen wäre

So könnte Deutschland sein. Man ertappt sich beim Durchblättern des opulenten Taschen-Bandes gleich zweifach bei dieser Denkfigur.

Der erste Konjunktiv betrifft ein Deutschland, das noch Städte wie Breslau, Stettin und Danzig sein eigen nennt. Man fühlt sich bei ihren Ansichten an eine Ästhetik erinnert, wie man sie von den Vertriebenenverbänden kennt, die ihre verlorene Heimat auf Büchertischen in Bahnhofsbuchhandlungen oder Internetseiten wie liegnitz.info (heute Legnica, Polen) oder reichenberg.de (heute Liberec, Tschechien) konservieren. Ihre Motivik hat oft genau den gleichen Kolorit und die Anmutung, die auch den vorliegenden Bildband auszeichnet. Man sieht ein heiles Deutschland, das noch nicht "Heil Hitler" gerufen hat.

Noch weitgehend erhalten: Freiburg im Breisgau mit dem Zähringertor. (Foto: Collection Marc Walter/ TASCHEN)

Der zweite Konjunktiv zeigt – ganz unabhängig von aller Gebietsnostalgie – einen städtebaulichen Verlust. Historische Stadtbilder wie die von Hildesheim, Braunschweig oder Halberstadt (Letzteres weiß niemand besser als Alexander Kluge!) sind weggebombt und nicht wiederaufgebaut worden. Wobei: Auch kriegsunversehrte Mittelalterpuppenstuben wie Konstanz wollten während der Brutalismusmoderne der Sechziger- und Siebzigerjahre lieber mehr Beton statt Denkmalschutz wagen und setzten sich zeitgemäße Kaufhausmonolithe ins zierliche Stadtbild. Insofern ist das Deutschland von 1900 nicht nur verschwunden, weil es Kriege gab.

Ohnehin war auch das Deutschland von 1900 nicht nur Puppenstube, wenngleich photochromatische Ansichten wie die des gotischen Rathauses von Wernigerode dies suggerieren oder waldschneisige Blickachsen wie die auf die Wartburg den Anschein erwecken, ein Caspar David Friedrich himself hätte seine Wandererstaffage eingepackt und als Rückenfiguren ans Photochromzeitalter weiterverkauft.

Was ist Photochrom?

Und damit zum Photochromverfahren an sich. Auch wenn seine Farben teilweise fahl und anachronistisch milchig wirken – die berühmte DDR-Zeile "Du hast den Farbfilm vergessen" von Nina Hagen brauchen wir hier erst gar nicht bemühen. Denn es wurde mit keinem Farbfilm fotografiert. Photochrom ist anders als Autochrom (vgl. unsere Besprechung des Bandes "Der Erste Weltkrieg in Farbe" in der "Literarischen Welt" vom 26. 07. 2014) kein frühes Farbfotografie-, sondern ein Flachdruckverfahren.

Es wurde 1888 von der Firma Photoglob aus Zürich erfunden. Genauer gesagt vom Lithografen Hans Jakob Schmid von der Firma Orell Füssli. Deren Tochterunternehmen Photoglob war die logische Konsequenz aus dem wirtschaftlichen Erfolg einer Methode, mit der man Originale jeglicher Art mittels eines Negativs auf einen Lithografiestein bzw. eine Metallplatte übertragen und abziehen konnte.

Der Mond ist aufgegangen: Köln mit einer provisorischen Rheinbrücke. (Foto: Collection Marc Walter/ TASCHEN)

Dank der Verwendung von bis zu 14 Steinplatten – jeweils eine Platte pro Farbe – und der Überlagerung von transparenten Farben war mit der Chromatik nicht nur ein ganzes Spektrum an Farben geboren, sondern die Reproduzierbarkeit subtiler und nuancierter Farbpaletten.

Die Nachfrage nach solchen gedruckten Bildern ließ die Photoglob AG – die bis heute existiert – zu einem richtiger Player auf dem Markt der Ansichtskarten werden. Dieser Markt definiert auch, was wir im vorliegenden Prachtband sehen: keine Sozial- oder Dokumentarfotografie, sondern Tourismuspropaganda. Optische Souvenirs eines immer noch jungen Kaiserreichs, das sich per Fremdenverkehr entdeckt.

In den deutschen Provinzen

Ob in den Seebädern an den Küsten und auf den Inseln, ob entlang der Flüsse Elbe, Rhein und Donau, ob auf den Höhen von Riesengebirge, Harz und Schwarzwald oder ob in den Bayerischen Alpen: Überall sehen wir ein Postkartendeutschland, kein von den Folgen der Industrialisierung und Urbanisierung entstelltes – obwohl man das um 1900 durchaus auch hätte fotografieren können.

Das gotische Rathaus von Wernigerode. Der Taschen-Band zeigt, dass noch viel mehr Städte ein gotisches Gewand besaßen. (Foto: Taschen 2016)

Dass das Photochrombuch dennoch Potenzial hat, nicht nur Touristikern zu gefallen, liegt an seiner Fülle, die über sterile Ansichtskartenmotive hinausgeht: Wenn die wilhelminische Gesellschaft, in der die Damen noch keine Lebensreformkleider, sondern Reifröcke tragen, barfuß durchs Watt watet, ist das genauso ein Hingucker wie die Tatsache, dass die heute ach so denkmalschutzwürdigen Gründerzeitfassaden seinerzeit durch jede Menge Geschäftswerbung, etwa Schriftzeilen in fast geschosshohen Versalien, verunziert waren.

Photochrommotive wie der Denkmalsbauboom (Kyffhäuser) und die Ingenieursleistungen (Nord-Ostsee-Kanal) dokumentieren deutlich, wie sehr sich der Wilhelminismus über Prestigeprojekte definierte. Die Kreuzfahrtbranche florierte als "Vierschornsteinschnelldampfer"-Industrie! Nur die schmalen Bürgersteine der Friedrichstraße in Berlin waren für die vielen Menschen wohl schon um 1900 zu eng. Und Pferde, die Straßenbahnen auf Schienen ziehen, wären heute keine ethisch vertretbare Postkartenidylle mehr. Auf Photochrom sind sie offenbar noch, nun ja, ein echter Renner.

"Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe." Herausgegeben von Marc Walter und Sabine Arqué, mit Texten von Karin Lelonek. Taschen, Köln. 612 Seiten, 150 €

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