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Sexleben der Päpste Als die Pornokratie die Kirche ruinierte

Das zehnte Jahrhundert ist als ein "dunkles" in die Kirchengeschichte eingegangen. Päpste wurden reihenweise ermordet. Und skrupellose Frauen genossen im Vatikan die Ekstase der Macht.

Der italienische Kardinal und Kirchenhistoriker Cesare Baronio nannte das zehnte nachchristliche Jahrhundert "Saeculum obscurum" (dunkles Jahrhundert). In späteren Zeiten bekam diese Epoche einen drastischeren und wohl treffenderen Namen: "Pornokratie", die Herrschaft der Huren. Sie brachte es mit sich, dass im März 931 ein erst 19-jähriger Jüngling den Papstthron bestieg.

Verführerisch, ehrgeizig, gefährlich: So stellte sich die Nachwelt die toskanische Fürstin Marozia (um 892–nach 932) vor. (Foto: picture-alliance/akg-images)

Dieser Alexander von Tusculum, der als Johannes XI. in die Geschichte einging, war Sohn der Marozia. Und diese resolute Dame dominierte seit fast 20 Jahren die Politik Roms. Auch wenn Marozia keineswegs eine ordinäre Hure war, so zählt doch die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts zu den peinlichsten Episoden der Kirchengeschichte.

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Begonnen hatte die Misere im Jahre 903, als der Kardinalpriester Christophorus eine Revolte gegen Papst Leo V. anführte und ihn anschließend ermorden ließ. Dasselbe widerfuhr Christophorus ein Jahr später, als er in einem Kloster durch Mörderhand starb. Mit dem neuen Pontifex Sergius III., zuvor Bischof von Cerveteri, begann eine Ära, die von erstaunlicher Gottlosigkeit geprägt war. Dominiert wurde diese Epoche anfangs durch zwei Frauen – Theodora und Marozia. Theodora war die Gemahlin des Herzogs Theophylakt von Tusculum, dem mächtigen Beherrscher von Mittelitalien, Marozia war ihre um 892 geborene Tochter. Diese Tusculanerfamilie machte das Papsttum zum Spielball ihrer Privatinteressen.

Glaubt man dem zeitgenössischen Chronisten Luitprant von Cremona, einem intimen aber auch parteiischen Kenner der römischen Verhältnisse, dann führte Theodora ihre Tochter schon im zarten Alter von 15 Jahren dem Papst Sergius III. als Gespielin zu. "Als Sergius das erste Mal mit ihr schlief, war sie nicht mehr als ein hübsches Kind. Für die restliche Zeit seines Pontifikats verfolgte er mit außerordentlicher Freude, wie seine minderjährige Liebschaft zu einer Frau von atemberaubender Schönheit aufblühte. Marozia ihrerseits genoss in den Armen des Papstes nicht die romantische Leidenschaft der Jugend, sondern die Ekstase der Macht", behauptet Nigel Cawthorne in seinem Buch "Das Sexleben der Päpste".

Papst Sergius III. (reg. 904-11) war Marozias Geliebter. (Foto: picture-alliance / akg-images)

Nachdem im April 911 Sergius gestorben war, erreichte es Theodora, dass man nach zwei kurzfristigen Pontifikaten einen ihrer früheren Liebhaber, Giovanni di Tossignano, als Johannes X. zum Papst ausrief.

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Zu Ehren von Johannes muss gesagt werden, dass er ein tüchtiger Mann war. Als 915 ein Araberheer in Italien einfiel, stellte er sich an die Spitze seiner Truppen und besiegte die Sarazenen in der Schlacht am Garigliano. Weiterhin versuchte Johannes sich von der Bevormundung durch die Tusculaner zu befreien. Nachdem Theophylakt und Theodora zwischen 917 und 921 gestorben waren, schien die rechte Zeit gekommen. Gemeinsam mit seinem Bruder und engsten Ratgeber Petrus plante er eine Entmachtung der stolzen Familie.

Doch beide unterschätzten Ehrgeiz und Schlagkraft der Marozia. Die 30-Jährige kommandierte das toskanische Söldnerheer ihres Vaters, ernannte sich zur "Senatrix" (Senatorin) und war überdies "Vestaratrix" (weiblicher Kämmerer). Damit besaß sie die Kontrolle über sämtliche Finanzen des Vatikans. Auch wenn Luitprand von Cremona sie als "schamlose Dirne, von der Hitze der Venus entflammt" bezeichnete – sie legte eine staunenswerte politische Energie an den Tag.

In seinem Buch "The Birth of the West" (Die Geburt des Westens) erklärt Paul Collins: "Sie war eine außergewöhnliche Frau, die es verstand, das Sexuelle mit dem Politischen zu verbinden und dies zu ihrem Vorteil in einer patriarchalischen Welt zu nutzen. Verführerisch zu vielen Männern, war sie auch intelligent, willensstark und unabhängig, so wie ihre Mutter Theodora."

Papst Johannes X. (reg. 914–928) wurde von Marozia kontrolliert und gestürzt. (Foto: picture-alliance/Mary Evans Pi)

Ende 927 organisierte Marozia einen Aufstand. Ihre toskanischen Mörderbanden stürmten den Lateranpalast in Rom und erschlugen Petrus vor den Augen seines entsetzten päpstlichen Bruders. Johannes X. wurde im Mai 928 abgesetzt und in der Engelsburg eingekerkert. Wenig später starb er – die Mörder mit erdrosselten ihn mit einem Seil. "Ruhmsüchtige Messalinas, voller fleischlicher Begierden und geschickt in allen Formen der Schlechtigkeit, regierten Rom und prostituierten den Stuhl Petri für ihre Favoriten und Liebhaber", klagte rückblickend Cesare Baronio.

Bald plante Marozia, Alexander, ihren Sohn aus erster Ehe, zum Papst zu machen. Allerdings war der kaum 16 Jahre alt, und ein halbes Kind auf dem Heiligen Stuhl hätte das Papstamt wohl den letzten Rest Glaubwürdigkeit gekostet. Stattdessen wurde im Dezember 928 Stephan VII. als Platzhalter eingesetzt, ein würdiger, frommer Mann, der als willenloses Werkzeug von Marozia handelte.

Nachdem Alexander volljährig geworden war, ließ die Senatrix Stephan VII. Anfang 931 absetzen. Nachdem er seine Schuldigkeit getan hatte, wurde er im Gefängnis erdrosselt, und Marozias Sohn bestieg als Johannes XI. den Papstthron. "Nach seiner Wahl zum Pontifex umgab sich Johannes, noch jung und unerfahren, mit allerlei skrupellosen Leuten und machte sich bei den Römern höchst unbeliebt", schreibt Roberto Monge in "Das große Buch der Päpste".

Doch die Freude währte nicht lange. Alberich von Tuszien, ein Sohn aus Marozias zweiter Ehe, war erbost über die Karriere seines Halbbruders, der überdies einer nach kanonischem Recht ungültigen dritten Ehe seiner Mutter den päpstlichen Segen erteilt hatte. Alberich hielt vor versammelter Mannschaft eine wutentbrannte Rede: "Die Würde der Stadt Rom ist in solche Tiefen der Dummheit gesunken, dass sie den Kommandos einer Prostituierten gehorcht. Denn was ist grässlicher und entwürdigender, als wenn der Staat von der Unreinheit einer Frau beherrscht wird."

Papst Johannes XI. (reg. 931-935) war Marozias Sohn. (Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi)

Im Dezember 932 stürmte er mit einer bewaffneten Truppe die Papstresidenz, ließ Johannes und Marozia verhaften. Beide wanderten ins Gefängnis. Der Ex-Papst wurde 935 ermordet; seiner Mutter widerfuhr höchstwahrscheinlich dasselbe Schicksal, jedenfalls tauchte sie nie wieder auf. Gerüchte besagten, sie habe nahezu 50 Jahre in den Kerkern der Engelsburg zu Rom geschmort, bis man sie mit einem Kissen erstickte.

Damit war die Pornokratie vorbei, nicht aber die Gewaltherrschaft der Tusculaner. Alberich ließ zwischen 936 und 954 fünf verschiedene Päpste ein- und absetzen, bis sein Sohn Octavian 18 Jahre alt war und Ende 955 als Johannes XII. zum Papst ernannt wurde. Das Beispiel der Marozia wirkte also weiter.

Johannes XII. war ein würdiger Vertreter seiner Familie, er wurde wegen Mordes, Eidbruchs, Ämterkaufs und Unzucht angeklagt. 961 rief er den deutschen König Otto I., den Großen, zu Hilfe. Der zog nach Rom und stellte kurzfristig die Ordnung wieder her. Als Gegenleistung krönte der Papst ihn zum Kaiser. Johannes XII. starb im Mai 964. Langsam ging das "Dunkle Jahrhundert" zu Ende. In Gestalt der Reformbewegung von Cluny entstand ein moralisches Gegengewicht.

Die dominierende Rolle zweier so markanter Frauen wie Marozia und Theodora am Vatikan trug erheblich zur Legendenbildung um eine angebliche Päpstin Johanna bei. Für ihre Existenz gibt es keinerlei stichhaltige Beweise. Aber wie so oft ist auch hier die Legende mächtiger als die Realität.

Jan von Flocken ist Journalist und Historiker und hat zahlreiche Bücher, darunter "Geschichten zur Geschichte" sowie zur Militärgeschichte, veröffentlicht. Er lebt bei Berlin.

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