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Kürzester Krieg aller Zeiten Nach 38 Minuten war der Kampf entschieden

Im Sommer 1896 putschte sich ein Sultan-Neffe mit deutscher Rückendeckung auf den Thron von Sansibar. Bald erschien die Royal Navy vor der Stadt und entschied den Kolonialstreit auf ihre Weise.

Der Palast des Sultans von Sansibar wurde zu Recht als Beit al-Ajaib (Haus der Wunder) bezeichnet. Zusammen mit dem angebauten Harem Beit al-Hukum war er das erste Gebäude Ostafrikas, das sowohl über elektrisches Licht als auch einen Fahrstuhl verfügte. Doch 1896 wurde dieser Prachtbau am Forodhani-Park Schauplatz eines militärischen Kuriosums. Hier fand der kürzeste Krieg der Weltgeschichte statt. Er dauerte kaum 40 Minuten.

Die 1600 Quadratkilometer große ostafrikanische Insel Sansibar vor der Somaliküste im Indischen Ozean wurde Anfang des 10. Jahrhunderts n. Chr. von arabischen Stämmen besiedelt. Sie unterstand lange Zeit dem Imam von Masqat (heute Oman). 1837 fiel sie an den örtlichen Statthalter Sayyed Said, der sich zum Sultan ernannte und eine neue Dynastie gründete.

In den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts bildete Sansibar einen Zankapfel zwischen den rivalisierenden Kolonialmächten Großbritannien und Deutschland. Die Briten hatten sich im Gebiet von Kenia festgesetzt, während die Deutschen seit 1884 Stützpunkte in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania und Uganda) besaßen.

Im Küstenbereich dieser beiden Einflusszonen lagen Sansibar und die kleinere Nachbarinsel Pemba. 1884/85 schlossen einige sansibarische Häuptlinge Schutzabkommen mit dem Deutschen Reich, denen der regierende Sultan schließlich zustimmte und Ende 1885 einen Handelsvertrag mit Berlin unterzeichnete.

Großbritanniens Politiker zeigten sich nun bereit, für den Herrschaftswechsel in Sansibar einen hohen Preis zu zahlen. Sie boten Reichskanzler Otto von Bismarck die Rückgabe der seit 1807 besetzten Nordsee-Insel Helgoland an, wenn Deutschland im Gegenzug die britische Kolonialherrschaft auf Sansibar anerkennen würde. Ein dementsprechender Vertrag wurde 1890 geschlossen, und am 4. November übernahm Großbritannien offiziell die Schutzherrschaft über Sansibar und Pemba.

Allerdings waren damit die kolonialpolitischen Differenzen nur aufgeschoben. Als am 25. August 1896 der regierende Sultan Sayyed Hamed Ben Thuwain starb, brach der Streit offen aus. Sayyid Khalid ibn Barghash Sayyed, ein 22-jähriger Neffe des verstorbenen Herrschers, ergriff mit deutscher Rückendeckung durch einen Staatsstreich die Macht und ernannte sich sofort zum Nachfolger. Stattdessen favorisierten die Briten Hamed ibn Thuwaini, einen jüngeren Sohn Thuwains, als Regenten, der aber noch am 25. August wahrscheinlich durch Giftmord starb.

Sultan Khalid mobilisierte ein etwa 2800 Mann starkes Heer

Der britische Konsul in Sansibar, Sir Basil Shillito Cave, warnte Sayyid Khalid, dass man seine Machtergreifung niemals dulden und notfalls gewaltsam dagegen vorgehen werde. Doch der neue Sultan ließ sich davon nicht beeindrucken. Cave fragte daraufhin in London an, was zu unternehmen sei, und erhielt vom Premierminister Robert Cecil of Salisbury die Antwort: "Sie sind berechtigt, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, und werden in jeder Weise von Ihrer Majestät Regierung unterstützt werden." Damit war dem Kriegsausbruch freie Hand gegeben.

Sultan für drei Tage: Sayyid Khalid ibn Barghash (1874-1927). (Foto: Bundesarchiv Bild 105-DOA0205; CC BY-SA 3.0 de)

Sultan Khalid mobilisierte in den nächsten zwei Tagen ein etwa 2800 Mann zählendes Heer, das in die Festung der Hauptstadt einrückte, allerdings nur über vier Geschütze und eine schwache Küstenbatterie verfügte. Befehligt wurde die Truppe von Brigadegeneral Lloyd Mathews, einem Waliser, der einige Jahre in der britischen Kriegsmarine gedient hatte. Seit 1891 Erster Minister des Landes, galt Mathews als "starker Mann von Sansibar".

Schon am 26. August kreuzte ein britisches Geschwader drohend vor der Hafeneinfahrt von Sansibar. Es bestand aus drei Kreuzern ("St. George", "Philomel" und "Racoon") sowie zwei Kanonenbooten ("Sparrow" und "Thrush"). Kommandiert wurde der Verband von Konteradmiral Sir Harry Rawson an Bord des Kreuzers "St. George". Ihm standen 150 Mann Marineinfanterie sowie 900 Askaris, einheimische Hilfstruppen, zur Verfügung.

Die britischen Verluste beliefen sich auf einen Verwundeten

Ein amerikanischer Augenzeuge berichtete über die Stimmung jener Tage in der Stadt: "Die Stille, welche über Sansibar hing, war erschreckend. Normalerweise hört man hier die ganze Nacht über Trommelklänge und Babygeschrei, aber in dieser Nacht gab es keinerlei Geräusche."

Konteradmiral Sir Harry Rawson (1843-1910) kommandierte das britische Geschwader. (Foto: Wikipedia/public domain)

Am Morgen des 27. August 1896 stellte Admiral Rawson ein Ultimatum: Sollte Khalid nicht bis neun Uhr die Flagge streichen und seinen usurpierten Thron räumen, so betrachte sich Großbritannien als im Krieg mit Sansibar befindlich.

Der Sultan versuchte noch, unter Vermittlung des US-Konsuls Richard Mohun einen Kompromiss zu erlangen, doch um 8.55 Uhr gab Admiral Rawson den Befehl "Klar zum Gefecht!", und zwei Minuten nach 9 Uhr eröffneten seine Panzerschiffe ein verheerendes Feuer auf Festung und Palast des Sultans.

Es dauerte genau 38 Minuten, dann strichen Palast und Festung die Flagge. Bis dahin waren etwa 500 Soldaten und Zivilisten Sansibars getötet, die meisten kamen beim Brand des Palastes Beit al-Ajaib ums Leben. Die britischen Verluste beliefen sich auf einen verwundeten Marine-Unteroffizier an Bord der "Thrush".

Um Plünderungen zu verhindern, wurden 150 indische Sikh-Soldaten aus Mombasa angelandet, die auf den Straßen patrouillierten. Seeleute der "St. George" und der "Philomel" bildeten eine improvisierte Feuerwehr, weil der Brand des Palastes sich auf das nahe gelegene Zollgebäude auszubreiten drohte; dort lagerten beträchtliche Mengen an Sprengstoff.

Zeitgenössisches Panorama von Sansibar. In der Bildmitte das "Haus der Wunder", der Sultanspalast. (Foto: picture alliance / CPA Media Co.)

Sultan Khalid hatte noch kurz vor zehn Uhr mit einigen Anhängern Zuflucht im deutschen Konsulat gesucht. Seine von den Briten geforderte Auslieferung wurde verweigert. Am 8. Oktober 1896 nahm das deutsche Kriegsschiff "Seeadler" den Dreitageherrscher an Bord und brachte ihn nach Daressalam in Deutsch-Ostafrika. Die folgenden Jahre verbrachte er bis zu seinem Tod 1927 im Exil.

Admiral Rawson, ausgezeichnet mit einem hohen Orden für seine Kriegstat, setzte als britischen Strohmann Hammud Ben Mohammed auf den Sultansthron von Sansibar. 1902 folgte ihm sein Sohn Ali Ben Hammud, ein Oxford-Absolvent. Sansibar blieb noch bis 1963 britische Kolonie.

Jan von Flocken ist Journalist und Historiker und hat zahlreiche Bücher, darunter "Geschichten zur Geschichte" sowie zur Militärgeschichte, veröffentlicht. Er lebt bei Berlin.

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