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Iden des März Der unbekannte Strippenzieher bei Cäsars Ermordung

Der gewaltsame Tod des römischen Diktators Cäsar 44 v. Chr. gilt als berühmtestes Attentat der Geschichte. Doch wer zog unter den Verschwörern die Fäden? Ein Historiker gibt verblüffende Antworten.

Decius: "Heil, Cäsar! Guten Morgen, würd'ger Cäsar! Ich komm' Euch abzuholen zum Senat." (aus William Shakespeare: "Julius Cäsar")

Die Iden des März stehen für das berühmteste politische Attentat der Geschichte. Am Morgen des 15. März des Jahres 44 v. Chr. wurde Gaius Julius Cäsar, Diktator auf Lebenszeit und allmächtiger Herr über Rom, von etwa 20 Mitgliedern des Senats erstochen. Kurz darauf brach ein Bürgerkrieg aus, der 14 Jahre lang dauerte, das Gros der römischen Aristokratie hinwegraffte und dem Weltreich eine neue Ordnung bescherte: eine Militärmonarchie, die sich als Kaisertum in republikanischen Formen verstellte.

Einer der führenden Attentäter war Decimus Junius Brutus Albinus (um 81-43 v. Chr.). Im Gegensatz zu seinen Mitverschwörern Brutus und Cassius, die als Vorbilder für den – legitimen – Tyrannenmord in die Geschichte eingegangen sind, wurde Decimus bald verspottet und schließlich vergessen. In seiner Tragödie "Julius Cäsar" verfälscht Shakespeare seinen Namen zu Decius und weist ihm nur eine dienende Nebenrolle zu.

Dabei müssen wir uns Decimus als "Schlüsselfigur" der Verschwörung vorstellen, in doppeltem Sinn: Ohne ihn hätte das Attentat keine Chance gehabt. Und seine Karriere als Offizier und Protegé Cäsars liefert die Antwort darauf, warum es ausgerechnet enge Freunde Cäsars waren, die an den Iden des März zum Dolch griffen (die Iden waren dem Gott Jupiter geweihte Tage im römischen Kalender).

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Indem er sich Decimus zum Führer wählt, liefert der Amerikaner Barry Strauss eine erfrischend andere Perspektive auf den Tod Cäsars. In seinem neuen Buch "Die Iden des März. Protokoll eines Mordes" rekonstruiert der Professor für Alte Geschichte und Klassische Archäologie an der Cornell University nicht nur den Tag, der die Welt veränderte, sondern er spürt auch den Tätern und ihren Motiven nach. Dass Strauss aus einer verwirrenden quellenkritischen Analyse – allein über das Attentat selbst gibt es ein halbes Dutzend Schilderungen, die zum Teil nur aus zweiter oder dritter Hand auf uns gekommen sind – eine furios geschriebene Erzählung macht, ist nicht die kleinste Leistung seines Buches.

Den Rang, den Decimus im Herrschaftssystem Cäsars einnahm, verdeutlicht eine Szene, die sich sieben Monate vor den Iden des März ereignete. An der Spitze eines Festzuges fuhren vier Männer auf zwei Streitwagen in die Stadt Mailand ein. Auf dem ersten standen Cäsar und sein General Marcus Antonius. Dahinter folgten Cäsars Großneffe und Erbe Octavian, der sich den Wagen mit Decimus teilte. Den sollte der Diktator kurz darauf zum Statthalter der wichtigen Provinz Gallia cisalpina ernennen. Damit verbunden war das Kommando über zwei Legionen. Anschließend sollte Decimus, der 45 bereits das Amt des Prätors bekleidet hatte, das Konsulat übernehmen. Und als wäre das nicht Auszeichnung genug gewesen, bestimmte Cäsar ihn in seinem Testament auch noch als Erben zweiten Grades für den Fall, dass Octavian verhindert sein sollte.

Decimus hatte sich so viel Wohlwollen und Vertrauen redlich verdient. Er stammte aus einer hochadligen Familie, die ihren Stammbaum auf den Gründer der Römischen Republik, Lucius Junius Brutus, zurückführte. Seine Mutter soll zu den zahlreichen Geliebten Cäsars gehört haben, sodass sogar das Gerücht umging, Decimus sei in Wahrheit sein Sohn gewesen.

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Auf jeden Fall nahm Cäsar den etwa 23-Jährigen in seinem Stab auf, als er sich anschickte, das riesige Gallien zu unterwerfen. Dort soll Decimus im Jahr 56 einen Sieg in einem Seegefecht errungen haben. In der Entscheidungsschlacht bei Alesia 52 v. Chr. führte er einen Gegenangriff an, den Cäsar in seinem "Gallischen Krieg" lobend erwähnte. Im Bürgerkrieg zeichnete sich Decimus bei der Belagerung von Marseille aus.

Im Jahr 44 war Decimus 37 Jahre alt. Alles, was er war und was er sein würde, verdankte er Cäsar. Warum nur wurde er zum Motor der Verschwörung gegen ihn?

Das Motiv, das viele Attentäter zusammenführte, passt auf Decimus nur bedingt. Roms Aristokraten einte die Mentalität, in Konkurrenz gegeneinander Ruhm und Ehre des Staates zu mehren. In dem Maße, wie das Weltreich wuchs, sprengte dieser Wettstreit den institutionellen Rahmen der alten Republik. Ehrgeizige Generäle griffen lieber an der Spitze ihrer Legionen nach der Macht, als ihre politische Karriere von den Unwägbarkeiten wie Wahlen oder den Fraktionen im Senat abhängig zu machen.

Der erfolgreichste dieser Generäle war Cäsar. Er hatte alle Konkurrenten besiegt und schickte sich an, dem Staat als allmächtiger Diktator seinen Willen aufzuzwingen. In welchem Rahmen das geschehen würde, war offen. Mehrfach hatten seine Anhänger – wohl mit seiner Billigung – versucht, Cäsar das Diadem der hellenistischen Gottkönige aufzusetzen. Aber die Reaktion von Volk und Senat war derart reserviert gewesen, dass der Diktator davon zunächst Abstand genommen hatte.

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Für das Jahr 44 war zunächst ein Krieg gegen die Parther angesetzt. Ein riesiges Heer sammelte sich im Osten. Die Aussicht, dass Cäsar als Sieger eine verhasste Monarchie nach dem Vorbild Alexanders des Großen etablieren würde, führte die meisten Verschwörer zusammen. Ihnen ging es um den Erhalt der Republik, nicht als edlen Selbstzweck, sondern als Forum, auf dem sie ihre Machtspiele ohne lästigen Schiedsrichter weiter würden austragen können.

Decimus passt jedoch nur bedingt in dieses Spiel. In dem Dutzend Briefe, die von ihm erhalten sind, tritt uns kein Politiker entgegen, sondern ein Mann des Feldlagers. Für Barry Strauss war er alles andere als ein Philosoph, der für die Freiheit der Republik kämpfte. Ihm ging es wohl vor allem um sich selbst: "Decimus war ehrgeizig, wettbewerbsorientiert, stolz und gewalttätig ... Decimus' kaltblütiger Verrat an Cäsar ist leichter zu verstehen, wenn man Gefühle wie Angst, Abscheu und Missgunst mit einberechnet." Ähnliche Motive darf man dem Gros der Verschwörer unterstellen, so sie Günstlinge des Diktators waren.

Subjekt des Neids war vor allem der damals 18-jährige Octavian. In den Augen des erfolgreichen Generals handelte es sich um ein Jüngelchen, das noch nichts Wesentliches zustande gebracht hatte. Dennoch war klar, dass er Decimus in der Gunst Cäsars überflügeln würde und auch das Zeug dazu hatte, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Um seiner dignitas (Würde) willen, wurde Decimus zum Attentäter, schreibt Strauss. Als Vertrauter an der Seite Cäsars war er "das Ass im Ärmel der Verschwörer", das sie mit Informationen versorgte und – mit Schutz. Denn Decimus gehörte eine stattliche Gladiatorentruppe, mit der er sich beim Volk beliebt machen wollte. Die trainierten Schläger stellten die Truppe, unter deren Schutz das Attentat überhaupt erst möglich war.

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Wie wichtig Decimus für die Verschwörer war, zeigte sich am Morgen der Iden des März. An diesem 15. des Monats beschloss Cäsar unvermittelt, nicht in den Senat zu gehen und dessen Sitzung abzusagen. Gerüchte nannten böse Vorahnungen als Grund. Da erschien Decimus. Er wusste um die Tragweite des Plans, die Gefahr, dass er jederzeit verraten werden konnte und dass der Diktator, wenn er erst einmal bei den Legionen sein würde, den Attentätern entzogen sein würde. "Richtet sich jemand wie du nach den Vorzeichen törichter Menschen?", soll der General seinen Feldherrn bei dessen Stolz gepackt haben. Das saß, und Cäsar ließ sich kurz vor elf Uhr zur Sitzung des Senats im Portikus des Pompejus tragen.

Im Gebäude waren etwa 200 Senatoren versammelt, dazu einige Volkstribunen, Sekretäre, Sklaven – insgesamt zwischen 225 und 300 Personen. Als Cäsar den Raum betrat, erhoben sich die Anwesenden. Umgehend ging der Mitverschwörer Tillius Cimber auf den Diktator zu, um ihm eine Petition zu überreichen. Während Cimber ihn packte, traf Cäsar der erste Stoß mit einem Militärdolch. 22 weitere Streiche folgten, einen davon führte Decimus. Dass Cäsar seine Verteidigung aufgab, als er unter den Angreifern auch Brutus erkannte, ist eine spätere Erfindung. Gedeckt von den Gladiatoren des Decimus, suchten die Täter anschließend das Weite.

Nach dem Attentat flohen die Mörder aus dem Sitzungssaal des Senats. (Foto: picture alliance / Heritage-Imag)

Im folgenden Krieg zwischen Cäsar-Anhängern und Cäsar-Mördern hatte Decimus als Statthalter einer norditalienischen Provinz und Kommandeur einiger Legionen eine Schlüsselstellung inne. Bei Modena konnte er (im Bund mit Octavian) Marcus Antonius schlagen. Aber schließlich wechselten seine unerfahrenen Legionen die Seiten. Nur von seiner keltischen Leibwache begleitet, floh Decimus nach Gallien. Ein Häuptling verriet ihn und sandte seinen Kopf an Antonius.

Anders als die Mitverschwörer Brutus und Cassius, die von wortmächtigen Freunden zu Märtyrern des Vaterlandes stilisiert wurden, fiel Decimus bald dem Spott und dann dem Vergessen anheim. Hundert Jahre später wurde sein Schicksal zum Paradebeispiel für einen "schlechten", weil unehrenhaften Tod. Denn anders als jene, die nach der Schlacht bei Philippi Selbstmord begingen, soll Decimus laut dem Philosophen Seneca um sein Leben gebettelt haben. Damit, so Strauss, tat er doch zumindest das Seine, um zumindest den Republikanismus zu retten.

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