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Schlachtfelder Die Invasoren der Bronzezeit kamen aus dem Süden

Um 1300 v. Chr. tobte am Fluss Tollense bei Demmin eine große Schlacht mit Tausenden Kriegern. Die Anwesenheit von Reitern und Schwertkämpfern führt Archäologen zu verblüffenden Schlüssen.

Im 13. Jahrhundert v. Chr. hatte Homo sapiens die erste Zivilisation geschaffen, die globale Züge trug. Vom Iran bis Kreta, vom Balkan bis in den Sudan waren Staaten entstanden, die im engen Austausch miteinander standen. Sie trieben Fernhandel, perfektionierten die Bronzeverarbeitung, verfügten über eine schriftgelehrte Beamtenschaft, die eine Wirtschaft steuerte, deren Zentren Paläste und Metropolen waren.

Großmächte wie Ägypten, Assyrien oder das Hethiterreich in Kleinasien begründeten eine Weltordnung, die allerdings von der Machtkonkurrenz regelmäßig in Frage gestellt wurde. Mit globalen Folgen, denn erstmals hatten die Bewohner des Fruchtbaren Halbmondes Machtmittel aufgebaut, mit denen das ganze komplizierte System zu Fall gebracht werden konnte.

Dass die Globalisierung weiter reichte, als in den Schriftquellen der Zeit widerscheint, beweist ein Fund, der zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahre gehört. Am Flüsschen Tollense unweit von Demmin in der Mecklenburgischen Seenplatte haben Ausgräber bislang 10.000 Menschen- und fast 1000 Tierknochen sowie Dutzende Bronzepfeilspitzen, Keulen und Teile von Schwertern freigelegt: Spuren einer Schlacht, an der vielleicht 4000 Kämpfer beteiligt waren, von denen 750 der von den Archäologen konstatierten "großen Brutalität" zum Opfer fielen.

Thomas Brock: "Archäologie des Krieges. Die Schlachtfelder der deutschen Geschichte". (Philipp von Zabern, Darmstadt. 240 S., 49,95 Euro). (Foto: Philipp von Zabern)

Zwölf Jahre, nachdem der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Hans-Dietrich Borgwardt 1996 bei einer Bootstour auf der Tollense einige menschliche Knochen entdeckt hatte, begann ein interdisziplinäres Team mit der systematischen Ausgrabung. Mittlerweile wurden auf gut zwei Kilometern Länge 14 größere Fundstellen lokalisiert. Doch 90 Prozent des Geländes sind noch unerforscht. Einen Werkstattbericht der laufenden Untersuchungen und ihrer Ergebnisse liefert der Prähistoriker und Museumspädagoge Thomas Brock in seinem neuen Buch "Archäologie des Krieges", das die rasanten Fortschritte dieser Spatendisziplin exemplarisch vor Augen führt.

Der Fundort Tollense bietet dazu ideale Bedingungen. Denn in dem ehemaligen Urstromtal lagerte sich meterdicker Torf ab, der Knochen und Holz konservierte. Das ermöglichte präzise forensische Untersuchungen. In manchen Knochen steckten noch die tödlichen Pfeilspitzen, die Form von Schädelverletzungen ließ Rückschlüsse auf den Einsatz von Keulen oder Äxten zu.

Und das ist erst der Anfang. Bis 2014 wurden die Überreste von mindestens 124 Individuen geborgen. Auf dem gesamten Areal rechnen die Wissenschaftler mit rund 750 Toten. Radiokarbonuntersuchungen der Hölzer ergaben eine Datierung um 1300 v. Chr.

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Brock begnügt sich nicht mit der griffigen Erklärung, an der Tollense habe ein Schlacht stattgefunden, sondern er spielt auch andere Theorien durch. So wurde auch vermutet, dass die sterblichen Überreste von Menschen stammen, die in heiligen Zeremonien geopfert wurden, oder dass Hochwasser die Gräber eines Friedhofs fortgespült haben könnte.

Gegen einen Friedhof sprechen zum einen die bekannten Bestattungsusancen der Gegend. Die bronzezeitlichen Bewohner pflegten ihre Toten auf trockenem Grund zu beerdigen. Auch sprechen Alters- und Geschlechterverhältnis gegen einen gewöhnlichen Friedhof. Die meisten der Toten an der Tollense waren männlich und verloren – soweit bestimmbar – im Alter zwischen 20 und 40 Jahren ihr Leben. Dass dies nicht nach einem bestimmten Ritual, sondern durch Einsatz unterschiedlicher Waffen geschah, spricht gegen eine Kulthandlung.

Zwei weitere Belege erhärten die Vorstellung von einer Schlacht. Schussversuche mit nachgebauten Bögen auf Tierkadaver haben gezeigt, dass die bronzezeitlichen Pfeile auf eine Distanz von zwölf Metern einen Menschen mühelos durchbohren konnten. Alle 50 Treffer führten zu schweren bis tödlichen Verletzungen. Aber nur 15 hinterließen Spuren am Skelett. Das erklärt, warum zahlreiche Knochen keine Anzeichen von Gewalt aufweisen.

Viele Schädel tragen deutliche Spuren der Schlacht. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Einige Knochenfrakturen erklären sich durch Stürze aus größerer Höhe oder Angriffe, die von unten geführt wurden. Das würde bedeuten, dass an der Tollense auch Krieger auf Reittieren kämpften, was durch die Funde von Pferdeknochen bestätigt wird. Die Anwesenheit von Reitern und Schwertträgern – was neue Funde und die Art mancher Verletzung belegt – wirft auch ein neues Licht auf die soziale Verfassung der Kämpfer: Hier lieferten sich nicht Horden von Bauern mit Knüppeln eine wilde Keilerei, sondern organisierte Heere, deren Hierarchie bereits auf entsprechend gegliederte Gesellschaften schließen lässt, zogen in einen regelrechten Krieg.

Dafür sprechen schon die Zahlen. Brock rechnet vor, dass bei geschätzten vier Einwohnern pro Quadratkilometer es schon aller Männer im waffenfähigen Alter aus rund tausend Quadratkilometern Umkreis bedurft hätte, um auf 750 tote Krieger zu kommen. Hinzu kommt eine andere Beobachtung. Offenbar lebten zahlreiche Verwundete noch einige Tage oder Wochen mit ihren Verletzungen, was auf einen längeren Aufenthalt und Kampf an der Tollense schließen lässt. Beides passt nicht zu dem Bild eines Nachbarschaftsstreits zwischen Bauern oder der Abwehr umherziehender Räuberbanden, sondern lässt sich am besten durch die Anwesenheit hochspezialisierter Kriegerverbände erklären.

Die Hirse-Esser kamen aus dem Süden

Die Frage, welche Mächte solche Heere ins Feld schicken konnten, macht das sensationelle Potenzial des Tollense-Fundes deutlich. Denn Belege für einen Konflikt dieser Größenordnung im bronzezeitlichen Mitteleuropa sind einmalig. Schriftliche Zeugnisse gibt es nicht. Aber die moderne Archäologie weiß sich anderer Schlüssel zu bedienen.

Einige Knochen wurden an der Universität Aarhus einer Isotopenanalyse unterzogen. Diese ergab zum einen, dass sich hier Kämpfer aus zwei deutlich unterscheidbaren Regionen gegenüberstanden. Die eine Gruppe zeichnete sich durch Spuren eines Kohlenstoffisotops aus, das als charakteristisches Indiz für den Konsum von Hirse gilt. Da dieses Getreide aber in Mecklenburg zu jener Zeit unbekannt war, müssen die Esser mit den Angreifern identisch sein. Ihr Anbau von Hirse lässt eine südliche Heimat vermuten, etwa den Voralpenraum. Dazu würde auch die Machart einiger Bronzenadeln passen, die an der Tollense gefunden wurden.

Die Tollense und ihr See, wie sie Caspar David Friedrich um 1837 sah. (Foto: picture alliance / akg-images)

Im Wasser des Flusses stießen die Archäologen schließlich auf einen möglichen Grund, warum die Schlacht ausgerechnet hier stattfand. Es handelt sich um Reste einer Holzkonstruktion, deren dendrochronologische Untersuchung ein Alter von 3400 bis 3200 Jahren ergab, Spuren einer Brücke über die damals deutlich breitere Tollense. Zu ihr führte ein Damm aus Bohlen, der von Steinreihen eingefasst war. Die Radiokarbondatierung der Balkenreste ergab ein Alter von 3700 Jahren.

Bei Demmin muss also eine seit Jahrhunderten benutzte Straße die Tollense überquert haben. Brücke und Damm waren ein idealer Engpass, um den Verkehr zu kontrollieren, was wahrscheinlich von einer kleinen Besatzung geleistet wurde. Als sich ein Heer fremder Invasoren von Süden her näherte, konnten die lokalen Herrscher innerhalb kurzer Zeit eine stattliche Truppe zusammenziehen und an der Brücke in Stellung bringen, an der es dann zur Schlacht oder zu einer Reihe von schweren Gefechten kam. Größe, Ausrüstung, Organisation und Logistik sind laut Brock deutliche Zeichen dafür, dass "auch jenseits von Mittelmeer und Orient ein professionelles, zentral gelenktes Kriegertum" am Werk war.

Wie in den schriftlich dokumentierten Kriegen der Großmächte in der Levante ging es auch im Norden Europas bereits um die Kontrolle strategischer Plätze und wichtiger Handelswege und -güter. Die Zivilisation der Bronzezeit war wahrlich eine globalisierte Welt.

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