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DAK-Gesundheitsreport Massendoping am Arbeitsplatz

Nur Topmanager "dopen" sich für mehr Leistung am Arbeitsplatz? Weit gefehlt, sagt eine neue Studie der DAK. Ritalin oder Citalopram putschen den kleinen Mann auf - mit unerwünschten Nebenwirkungen.

Konkurrenz am Arbeitsplatz, ständige Erreichbarkeit und Arbeiten an der Leistungsgrenze – die Deutschen greifen immer häufiger zu leistungssteigernden Pillen, um mit den Herausforderungen ihres Berufs fertigzuwerden. Knapp drei Millionen Deutsche haben bereits verschreibungspflichtige Medikamente genommen, um im Beruf mehr Leistung zu bringen, Ängste abzubauen und Stress zu bewältigen.

Diese Zahlen stammen aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK, die dafür die Verschreibungsdaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten analysiert hat. Zusätzlich wurden für den Report mehr als 5000 Berufstätige befragt.

Dabei stellten die Autoren des Reports auch fest, dass der Missbrauch von Medikamenten, um im Job fit zu sein, stark zugenommen hat. In den vergangenen sechs Jahren stieg der Anteil der Berufstätigen, die entsprechende Mittel einnahmen, um die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern, von 4,7 Prozent auf 6,7 Prozent – eine Steigerung von mehr als 40 Prozent. Im Jahr 2009 hatte die DAK bereits für einen ähnlichen Report den Medikamentenmissbrauch unter Erwerbstätigen untersucht, sodass vergleichbare Daten von damals vorliegen.

Abgesehen von diesen beiden Untersuchungen gibt es bislang nur wenige Daten zum Missbrauch von Medikamenten und Drogen im Beruf in Deutschland. Die AOK hatte im Jahr 2013 eine Statistik präsentiert, wonach die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage, die durch Suchtkrankheiten verursacht wurden, zuletzt rapide gestiegen sind. Die Zahl der durch Süchte verursachten Fehltage habe zwischen den Jahren 2002 und 2012 um 17 Prozent auf 2,42 Millionen Ausfalltage zugenommen.

Auch wenn die suchtbedingten Krankschreibungen nur 1,3 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle ausmachten, sei der starke Anstieg der Arbeitsausfälle wegen Alkohol und Drogen besorgniserregend. Zumal Suchtkranke oft nicht ausdrücklich wegen ihrer Suchtprobleme, sondern unter anderen Diagnosen krankgeschrieben würden.

Fünf Millionen Arbeitnehmer betroffen

Auch die Autoren des aktuellen DAK-Gesundheitsreports gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Nach ihren Schätzungen könnten sich bis zu zwölf Prozent der Arbeitnehmer hierzulande mit Medikamenten für den Arbeitsplatz dopen. Das wären hochgerechnet auf die Bevölkerung fünf Millionen Arbeitnehmer.

Hinzu kommt, dass die Bereitschaft zum Medikamentenmissbrauch offenbar weiter verbreitet ist als bisher gedacht. Von den Erwerbstätigen, die noch nie Medikamente eingesetzt haben, um ihre Leistung zu steigern oder die Stimmung zu verbessern, gab in der Untersuchung jeder Zehnte an, grundsätzlich dieser Form von Selbstoptimierung gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Pausen? Nur 21 Prozent der Befragten halten sie (fast) immer ein. (Foto: Infografik Die Welt)

Diese erschreckend hohe Bereitschaft dürfte mit dem gewachsenen Druck im Arbeitsleben zu tun haben. In einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung und der Krankenkasse Barmer GEK gab jüngst jeder dritte Befragte an, dass er sich von den wachsenden Ansprüchen in seinem Unternehmen überfordert fühle.

Regelmäßig greifen hierzulande 1,9 Millionen Menschen zu Pillen, um den Anforderungen ihres Berufes gerecht zu werden. Die Betroffenen nehmen häufig stimulierende Medikamente wie Ritalin, Medikinet oder Concerta, die Methylphenidat enthalten. Sie sollen bei Erschöpfung, Antriebsstörungen und Depressionen helfen.

Als "Wachmacher" gelten auch Provigil und Vigil mit der Substanz Modafinil. Verbreitet sind zudem die verschiedensten Antidepressiva. Zu den am häufigsten verschriebenen Arzneimitteln gehören Betablocker, die vor allem hohen Blutdruck und Angstzustände bekämpfen sollen.

"Auch wenn Doping im Job in Deutschland noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal", sagte DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher. "Suchtgefahren und Nebenwirkungen des Hirndopings sind nicht zu unterschätzen."

Tatsächlich gehen die Nutzer mit dem Missbrauch erhebliche gesundheitliche Risiken ein: Neben Gewöhnung, Abhängigkeit und Sucht drohen körperliche Nebenwirkungen und sogar Persönlichkeitsveränderungen. Häufig litten Dauernutzer unter Schwindel, Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und sogar gefährlichen Herzrhythmusstörungen, sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz.

Gefährliche Medikamente aus dem Internet

Besonders gefährlich werde es, wenn die Betroffenen sich ihre Medikamente ohne Rezept im Internet bestellten. Immerhin jeder zwölfte Nutzer ordert bei dubiosen Online-Apotheken im Ausland, die verschreibungspflichtige Präparate ohne Rezept verschicken. "Dort gibt es viele Medikamentenfälschungen, die ohne Rezept abgegeben werden und der Gesundheit erheblich schaden können", warnt Fachmediziner Lieb.

Nebenwirkungen gegen Leistung – das sei ein schlechtes Tauschgeschäft, sagt Lieb. Denn das Doping aus der Hausapotheke werde häufig überschätzt. Oft wirkten die Mittel nur kurzfristig oder hätten kaum eine Wirkung. "Eine Wunderpille gibt es nicht", sagt Lieb.

Am häufigsten werden Medikamente gegen Angst und Unruhe geschluckt, zu denen mehr als 60 Prozent der Betroffenen greifen. Populär sind auch Mittel gegen Depressionen, die von mehr als einem Drittel eingenommen werden. Danach folgen mit weitem Abstand Aufputschmittel und Betablocker.

Diese große Bandbreite liegt auch darin begründet, dass Männer und Frauen sich unterschiedlich dopen. Männern geht es laut den Ergebnissen der Befragung vor allem darum, leistungsfähiger am Arbeitsplatz zu sein, mehr zu schaffen und auch nach dem Feierabend in Freizeit, Familienleben und Partnerschaft viel leisten zu können. Viele, die auf pharmakologische Leistungssteigerung setzen, arbeiten an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Frauen hingegen nutzen Hirndoping tendenziell, um die eigene Stimmung zu beeinflussen, gelassener zu werden und Ängste zu bekämpfen. Fast jede fünfte Frau, die Medikamente auf diese Weise missbraucht, gab als Grund dafür viele Kontakte mit Menschen an. Besonders Frauen zwischen 40 und 50 und Frauen, die viel mit Kunden zu tun haben, helfen nach, um die eigene Stimmung zu verbessern.

Topmanager und Kreative sind weniger betroffen

Die aufwendige Untersuchung räumt allerdings auch mit einem gängigen Vorurteil auf: Offenbar sind es nicht vorrangig Topmanager und Kreative, die Medikamente einsetzen, um Höchstleistungen zu erzielen. Im Gegenteil: "Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit selbst, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Berufstätige in die Pillendose greift – zumindest, wenn man die Ergebnisse der Umfrage zugrunde legt", heißt es.

Demnach haben bereits 8,5 Prozent der Arbeitnehmer mit einer einfachen Tätigkeit Medikamente eingesetzt, um leistungsfähiger oder am Arbeitsplatz besser gelaunt zu sein. Bei den hoch qualifizierten Beschäftigten waren es dagegen nur gut fünf Prozent.

Allerdings: Die Untersuchungsteilnehmer wurden nicht danach befragt, ob sie Alkohol oder Drogen nutzen, um die Stimmung für den Job aufzuhellen oder wach und leistungsfähig zu bleiben. Fachmediziner Lieb geht jedoch davon aus, dass illegale von weniger als einem halben Prozent der Erwerbstätigen zur Leistungssteigerung genutzt werden. Untersuchungen gibt es dazu in Deutschland nicht. Der koksende Topmanager und der Politiker auf Speed dürften in Fernsehserien und im Kino gängiger sein als in der Realität.

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