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Künstler verwanzt den Wald "Sinnbild für die verborgene Bedrohung"

Florian Mehnert hat in Wäldern Mikrofone versteckt um Spaziergänger abzuhören. Kurze Protokolle veröffentlicht er im Internet. Mit seiner Aktion will der Künstler aufrütteln, wie er sagt.

Schnelle Schritte kommen näher und näher: "Harald, ich liebe dich nicht mehr", ruft eine Frauenstimme. "Harald, Harald, wo bist du?" Nach 20 Sekunden ist die Szene vorbei. Das kurze, bizarre Audiodokument ist eines von 22 "Abhörprotokollen aus den Wäldern" des Künstlers Florian Mehnert. Über Tage hinweg hat er Wege und Lichtungen in deutschen Wäldern verwanzt und Spaziergänger abgehört. Auszüge der Protokolle veröffentlichte Mehnert auf seiner Homepage. N24 sprach mit dem Künstler über sein Projekt.

Herr Mehnert, was hat Sie dazu veranlasst, in Wäldern Mikrofone aufzuhängen?

Mehnert: "Jeder meiner Arbeiten liegt ein Bedürfnis, eine offensichtliche Notwendigkeit zugrunde. Ein vielleicht unmöglicher Versuch sich mit einer Sache, einer Situation auseinanderzusetzen. Sie ganz zu durchdringen oder besser zu verstehen. Ich verfolge seit der Entstehung des Internets die darin immer umfassendere Datenspeicherung, das Anlegen von Profilen aus gespeicherten Suchen. So zum Beispiel das ständige Setzen von Cookies, seitens Unternehmen, das Sammeln oder Abgreifen persönlicher Daten durch Facebook, Google, Apple, und vieler anderer. Die Idee zu den Waldprotokollen ist folglich Ausdruck meiner Notwendigkeit eine Annäherung an diese Problematik zu finden."

Warum ausgerechnet im Wald?

Mehnert: "Der Wald bedeutet uns Deutschen viel. Man muss das generationenübergreifende, romantische Waldbewusstsein der Deutschen von der Romantik bis ins 21. Jahrhundert sehen. Der Wald ist für uns eine komplexe Angelegenheit. Er ist Ursprung, Schutz und bietet die letzte Rückzugsmöglichkeit, in der man glaubt ungestört und ungehört zu sein. Wenn ich darin abhöre gibt es keinen Ort des unbeobachteten Rückzugs mehr. Meine Abhörprotokolle aus dem Wald stehen sinnbildlich für die im Verborgenen operierende Bedrohung der Überwachung."

In welchen Wäldern haben Sie Mikrofone aufgehängt?

Mehnert: "In den Wäldern der Vulkaneifel, bei Köln, im bayrischen Wald und an mehreren Stellen im Schwarzwald."

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Waldprotokolle?

Mehnert: "Wer davon erfährt, ist in der Regel bestürzt, erschrocken, dann begeistert. Das Projekt ist noch sehr jung, man wird abwarten müssen, was weiterhin passiert."

Hat sich einer der Abgehörten bei Ihnen gemeldet?

Mehnert: "Nein"

Welche Technik haben Sie eingesetzt?

Mehnert: "Ich habe aktuelle Abhörtechnik eingesetzt. Richtmikrofone und kleine Apparate, die mit GSM Technik ausgerüstet sind und mein Mobiltelefon alarmieren, wenn Geräusche zu hören sind.

Auch Aufnahmegeräte, die sich nur bei Geräuschen ab bestimmten Dezibel-Werten einschalten, habe ich benutzt. Manchmal habe ich auch ganz sichtbar ein Mikrofon am Wegesrand installiert und mich in der Nähe aufgehalten oder versteckt."

Sie sagen, die Abhör-Affären seien wohl zu komplex für viele Menschen in Deutschland. Warum?

Mehnert: "Es ist schwer zu begreifen, in welchem Umfang - nicht erst seit der Entstehung des Internets - sondern seit 1949 in Deutschland abgehört und überwacht wird. Josef Foschepoth (der Freiburger Historiker deckte in seinem Buch "Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik" Verletzungen des Post- und Fernmeldegeheimnisses auf A. d. Red) entdeckte Ungeheuerliches und veröffentlichte es in seinem Buch bereits im November 2012. Edward Snowden zeigt uns, wie es im Konkreten umgesetzt wird.

Ich denke, wir stehen erst ganz am Anfang eines langen komplexen Aufarbeitungsprozesses. Historisch, gesellschaftlich und politisch. In welcher Art von Demokratie leben wir? Wie wollen wir in Zukunft mit der wahrscheinlich immerwährenden Überwachung umgehen? Welche Auswirkung hat die Überwachung rückblickend und vor allem auch für die Zukunft? Ich glaube vielen Menschen ist nicht ansatzweise klar, was hier einerseits durch den Abhörskandal zu Tage gekommen ist und andererseits aus kommerziellen Interessen motiviert im Internet an Überwachung passiert."

Können Sie das präzisieren?

Mehnert: "Alle Daten, die in das Internet gegeben werden, sind für immer unwiderruflich gespeichert. Aus diesen Daten werden individuelle Profile der Nutzer angelegt. (Nicht nur von Geheimdiensten, sondern auch von vielen Unternehmen). Je mehr Daten der Nutzer von sich preisgibt, desto genauer wird das Profil über ihn. Es wird ein elektronisches Abbild des individuellen Lebens angelegt. Dabei geht es nicht nur um eine kommerzielle Auswertung, sondern in Zukunft auch um andere Dinge. Man wird gesellschaftliche Entwicklungen oder Strömungen mit Hilfe des Internets vorhersagen und versuchen zu beeinflussen. Dieser Sachverhalt ist sehr abstrakt, aber man muss sich darüber bewusst werden."

Was genau meinen Sie mit gesellschaftlichen Strömen?

Mehnert: "Damit meine ich den anderen Aspekt, den mein Projekt berühren will. Die digitalen Spuren, die Millionen, ja Milliarden User im Internet hinterlassen, ergeben in der Summe Möglichkeiten der Berechnung. Google beispielsweise arbeitet in seinen Labs daran, die Zukunft über Algorithmen vorhersagen zu können. Das klingt utopisch, ist aber durchaus denkbar. Hier ist die Gesellschaft noch zu wenig informiert."

Wie sollten wir das Internet nutzen, um das zu verhindern?

Mehnert: "Es ist schwierig. Wir alle nutzen das Internet. Man muss sich aber darüber bewusst werden und sich fragen: Was gebe ich da hinein? Da kann man nicht einfach öffentliche Communities nutzen und breitgefächert sein Leben darstellen."

Haben Sie ein Profil bei einem sozialen Netzwerk?

Mehnert: "Nein. Ob mich das aber wirklich schützt, sei einmal dahingestellt."

Wie schützen Sie sich sonst noch gegen NSA & Co.?

Mehnert: "Viel kann man nicht tun, wenn man das Internet nutzt, telefoniert und Mobilfunk verwendet. Ich lösche ständig Cookies in meinen Browsern, aktiviere Ortungsdienste in meinem Mobiltelefon nur wenn ich sie benötige. Es gibt keine Sicherheit im Netz. Man muss sich bewusst sein, was man von sich im Internet preisgibt und was nicht."

Glauben Sie, dass die deutschen Bürger aufgrund der Abhör-Skandale doch noch aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen? Kommt das große Aufbegehren noch?

Mehnert: "Ich hoffe es. Zutrauen würde ich es uns Deutschen schon. Wir sind kritisch veranlagt und diskutieren sehr gerne. Aber es muss einfach in unser Bewusstsein dringen. Das ist auch einer der ausschlaggebenden Gründe, warum ich die Waldprotokolle gemacht habe. Die Menschen unterschätzen das einfach noch. Man muss die Bedeutung der Privatsphäre wieder mehr schätzen und als absoluten Wert definieren. Ein bisschen etwas passiert in unserer Gesellschaft – insgesamt aber zu wenig."

Warum beschäftigen Sie sich in Ihrer Kunst so ausführlich mit dem Thema Wald?

Mehnert: "Mich beschäftigt der Wald in seiner komplexen Undurchdringlichkeit. Ich verstehe das System Wald nicht. Ich kann mich nur annähern, mich darin als Fremder bewegen. Der Wald steht im Gegensatz zu unserem, auch meinem "elektronischen" Leben. Man muss dabei auch sehen, dass meine Arbeit oft da anfängt, wo ich nicht mehr alles verbalisieren kann. Allen meinen Arbeiten gemein ist vermutlich der Versuch, andere Systeme und Situationen außerhalb meines Selbst zu verstehen. Sie entstehen auch aus der Notwendigkeit, auf einen Konflikt zu zeigen."

Das Gespräch führte Michael Rebmann.

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