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Kurzdeutsch statt Kiezdeutsch "Verstehst du Text, Mann?"

Ein Satz wie "Ich gehe Döner" ist längst im deutschen Sprachgebrauch angekommen. Vor allem bei Jugendlichen ist das Kurzdeutsch beliebt. Doch eine solche Sprache kann auch ein Gefängnis sein.

Mit dem "Wir" in Buchtiteln ist es eine komplizierte Sache. Normalerweise ist damit in Wirklichkeit immer ein "Ihr" gemeint. Als Henryk M. Broder seinen Bestseller "Hurra, wir kapitulieren!" schrieb, schloss er sich selbst gewiss nicht ein, genauso wenig wie Michael Jürgs bei "Seichtgebiete. Warum wir hemmungslos verblöden". Insofern verdient sich die Linguistin Diana Marossek Sympathie- und Wahrhaftigkeitspunkte, wenn sie in ihrem Buch "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? Warum wir reden, wie wir neuerdings reden" angibt, ebenfalls das von ihr so genannte Kurzdeutsch zu benutzen.

Die Bezeichnung Kiezdeutsch hat sich nicht durchgesetzt

Mit Kurzdeutsch meint Marossek die überwiegend von zweisprachigen Migranten geprägte Varietät, für die die Germanistin Heike Wiese den Terminus Kiezdeutsch vorgeschlagen hat. In Fachkreisen hat sich die Bezeichnung nicht durchgesetzt. Auch Marossek lehnt Wieses Wort ab, weil Kiez in verschiedenen Städten eine unterschiedliche Bedeutung habe.

Das Bändchen ist eine sehr populär, erzählend und autobiografisch geschriebene Darbietung der Ergebnisse von Marosseks Doktorarbeit, in der sie das Phänomen Kurzdeutsch auf breiter empirischer Basis analysiert. Die Linguistin verbrachte dafür Hunderte Stunden in deutschen Klassenzimmern, sich als Referendarin ausgebend, in der Gewissheit, Lehramtskandidaten seien etwas, das Schüler wie Luft behandeln.

Die wesentlichen grammatischen Merkmale von Kurzdeutsch sind das Weglassen von Artikeln sowie die Kontraktionsvermeidung – also der Verzicht auf aus Präposition und Artikel zusammengezogene Bildungen wie ins, zum, beim, zur. Weitere Aspekte, die Marossek beschreibt, sind Modewörter aus dem Arabischen oder Türkischen wie yalla und lan, die Aussprache des im Türkischen nicht existierenden weichen ch-Lauts als sch ("Isch mach disch Messer"), ritualisierte Beschimpfungen und endlos einsetzbare Formeln wie "Ich schwöre".

Für ihre Recherchen hat Marossek Gespräche in Schulen, aber auch in Durchgangsorten wie U-Bahnen, Behörden oder Supermärkten belauscht und aufgeschrieben.

In der achten Klasse einer Realschule, wo gerade das Märchen "Von dem Fischer und seiner Frau" gelesen wird: "Ali: Verstehst du Text, Mann?

Marco: Klar, Mann, is doch leicht: Typ geht Wasser und is tot. Seine Alte is traurig.

Ali: Aber wieso geht er denn Wasser? Hast du Essen?

Marco: Nee, aber ich gehe dann Döner.

Jenny: Haltet die Fresse, ich will Text lesen."

Andere Dialoge sollen die Allgegenwart des Kurzdeutsch belegen, das – so die These der jungen Wissenschaftlerin – längst über die Sphäre der Migranten hinaus in die allgemeine Umgangssprache eingegangen sei.

"Gib mir Ball!" Das Weglassen von Artikeln ist eines der Hauptkennzeichen des Kurzdeutsch. (Foto: dpa/ picture-alliance / Wolfram Steinberg)

In einer Behördenwarteschlage: "Frau A: Guck mal Rucksack. Da muss es drin sein.

Frau B: Nein, ist nichts da.

Frau A: Sicher? Und bei dir? Deine Tasche?

Frau A: Mann. Wo ist Formular?"

Kurzdeutsch gilt als cool

Ein Kurzdeutsch-Sprecher, so Marossek, werde heutzutage nicht mehr als retardierter anatolischer Hinterwäldler betrachtet, sondern sein Habitus gelte als cool. Zum Beweis transkribiert sie ein Gespräch unter Biodeutschen aus dem Garten ihrer Schwester, zeigt wie Mädchen, die die Grammatik korrekt beherrschen, zum Kurzdeutsch wechseln, als die Rede auf ein jugendaffines Thema wie Model-Casting kommt (Code-Switching ist der Fachausdruck dafür), und zitiert sogar eine Bibliothekarin, die – mit ironisch hochgezogenen Augenbrauen – zu einer Kollegin "Ich schwöre" sagt.

Beim Lesen der Dialoge hatte ich manchmal das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu leben. Ich wohne wie Marossek in Berlin, aber ich kenne niemanden, der so redet – nicht nur meine Kollegen benutzen kein Kurzdeutsch, sondern auch keine mir bekannten Eltern aus dem Kindergarten und der Schule. Mich überfiel eine tiefe Trostlosigkeit, wenn ich an die Zukunft der Jugendlichen dachte. Es eröffnet sich ein Blick auf eine Welt voller Menschen, die anscheinend nicht nur nichts auf die Reihe kriegen, sondern denen Eltern und Lehrer offenbar nie vermitteln konnten, warum es überhaupt wichtig sein könnte, etwas auf die Reihe zu kriegen. Es ist wie mit dem Tätowiertsein: Mögen die Tätowierten sich betrügen, ihre Selbststigmatisierung sei mittlerweile gesellschaftlich voll akzeptiert – es gibt doch immer noch große Sphären, in denen Tätowierungen längst (wieder) als prollig gelten. Und diese Sphären sind die, in denen das Bildungsniveau und das Einkommen höher sind.

Sicher hat Marossek recht mit ihrer These, einzelne Elemente des Kurzdeutschs würden dauerhaft in die allgemeine Umgangssprache gelangen – so wie Jugendsprache schon seit dem Studentenjargon des 18. Jahrhunderts immer wieder das Standarddeutsch bereichert hat. Aber die Linguistin blendet aus, dass Sprache auch ein Gefängnis sein kann. Es gibt gewiss nicht wenige Menschen, die spielerisches Code-Switching betreiben und Kurzdeutsch nur zum Spaß reden. Aber wer nur so sprechen kann, dem ist nicht bloß der gesellschaftliche Aufstieg verbaut, sondern auch jede Möglichkeit auf höherem Niveau über sich und die Welt nachzudenken.

Die Berliner Linguistin Diana Marossek. (Foto: Massimo Rodari)

Marossek ist in ihrem Optimismus ein Produkt ihrer Zunft. So wie Islamwissenschaftler gerne gegenwärtige Gräuelaspekte des Islams verdrängen, weil sie die reiche 1400-jährige Kulturgeschichte der muslimischen Zivilisationen im Blick haben, neigen Linguisten dazu, jede Erscheinung des Sprachlebens als gleichrangig zu behandeln, weil sie wissen, wie sehr sich das Deutsche in 1200 Jahren gewandelt hat.

Einmal nur scheint bei Marossek etwas wie Erkenntnis zu dämmern, als sie davor warnt, "die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenensprache nicht willkürlich zu überschreiten". Doch das Beispiel ist dann nur ein nicht mehr ganz so junger Mann, der sich Schülern in einer Berufsberatungsstunde mit Jugendjargon anbiedert – und von ihnen dafür verachtet wird. Nirgendwo spricht die Linguistin aus, dass solche Grenzverletzungen auch in umgekehrter Richtung fatal sein könnten.

In diesen Büros wird bestimmt kein Kurzdeutsch gesprochen

Die Jugendlichen sind da schlauer: Sie wissen, dass man sie in Vorstellungsgesprächen, bei Behörden und in höheren Bildungseinrichtungen als schlicht abtut, wenn sie artikelfreie Sätze benutzen. Deshalb sind viele dazu übergegangen, statt der, die, das einfach wegzulassen, die Kurzform d' zu benutzen. Der Schüler Ali erklärt es Frau Marossek: "Viele hätten es satt, einfach nur als ,dumme Migrantenkinder' betrachtet zu werden, die kein richtiges Deutsch könnten. So könne man zumindest so tun, als ob man den richtigen Artikel kennt und als wäre man einfach ,nur zu cool, den auch auszusprechen.'"

Dieser kluge Ali ist ein Beispiel für die ungeheuerliche Verschwendung angeborener Intelligenz, wenn Eltern und Lehrer es nicht schaffen, Jugendlichen Standarddeutsch beizubringen. Zwar behauptet Marossek, auch in Büros würde mittlerweile Kurzdeutsch gesprochen. Aber das gilt doch wohl eher für die Büros von Schrotthändlern oder Pizzalieferanten – weniger für die eines Max-Planck-Instituts, eines Medizinprofessors oder einer Großbank.

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