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Quentin Tarantino im Interview "Ich habe noch zwei Filme. Mehr steckt nicht mehr drin"

Quentin Tarantino will insgesamt zehn Filme drehen. Demnach blieben ihm nach "Hateful Eight" noch zwei Streifen. Der legendäre Regisseur über Gewalt, Drehbücher - und wann es Zeit ist aufzuhören.

Am Anfang stand das größte anzunehmende Ungemach: Im Internet stand auf einmal das Drehbuch zu Quentin Tarantinos neuem Filmprojekt, und er sollte nie herausfinden, wer der Schuldige war. Dann fehlte an dem vorgesehenen Drehort für seinen Schneewestern der Schnee, und die gesamte Produktion musste umziehen.

Schließlich landete der fertige Film im Netz, und das FBI fand heraus, dass die Raubkopie von dem Computer eines wichtigen Hollywood-Managers stammte. Und nun kommt zu alledem auch noch eine schwere Erkältung. Im Berliner Ritz-Carlton-Hotel schnäuzt sich Tarantino gründlich, und zur Begrüßung bietet er nur seinen Ärmel.

Darf ich versuchen, Ihnen einen Filmstoff zu verkaufen?

Quentin Tarantino: Probieren Sie's.

Also, stellen Sie sich folgendes vor: Eine eingeschneite Hütte irgendwo in den bayerischen Alpen, ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dort trifft eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft aufeinander, darunter ein paar unbelehrbare Nazis – und ein jüdischer Kopfgeldjäger! Wäre das in Ihren Augen völlig absurd?

Tarantino: Hmmm... Ich sehe die Parallelen zu einem gewissen anderen aktuellen Film... Aber ja, ich könnte mir vorstellen, dass ein Film, wie Sie ihn vorschlagen, tatsächlich funktioniert. Die Handlung der "Hateful Eight" spielt zwar sehr spezifisch nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs, aber der Rahmen ist elastisch genug, um auch diese Geschichte zu ermöglichen. Lassen Sie mich die Sache doch ein wenig weiterspinnen. Warum nicht eine Art futuristisches Stück daraus machen? Eine postapokalyptische Geschichte!

Denn in jedem Aufräumen nach einem Krieg steckt etwas Postapokalyptisches.

Tarantino: Wir könnten eine generelle Apokalypse daraus machen, keine spezifische nach einem bestimmten Krieg. Sozusagen "Mad Max" in einer bayerischen Berghütte, ja, das klingt gar nicht schlecht. Denn die Kernidee in all diesen Szenarien ist die gleiche: Die Figuren, die sich in diese Hütte flüchten, kommen aus einer Gesellschaft, die sich aufgelöst hat, und die Menschen suchen neue Regeln, nach denen sie leben sollen.

"Hateful Eight" war als normaler Western geplant und erscheint nun als politischer Western. Wie viel Absicht steckt dahinter?

Tarantino: Ich wollte keine politische Polemik schreiben. Andererseits waren Western schon immer politisch in dem Sinn, dass sie das Jahrzehnt reflektierten, in dem sie entstanden, speziell in den Fünfzigerjahren die Eisenhower-Gesellschaft und den späten Sechzigern und frühen Siebzigern den Vietnam-Krieg. Der politische Aspekt der "Eight" ist im Schreiben gewachsen. Es begann mit der Unterhaltung zwischen Samuel L. Jackson und Walton Goggins in der Postkutsche. Als ich sie geschrieben hatte, fiel es mir erst auf: Wow, das ist ja eine politische Debatte, die die beiden führen!

Jackson spielt einen befreiten Schwarzen und Goggins einen Südstaatler, der rechtfertigt, dass sein Vater, ein Konföderierten-General, nach der Niederlage weitergekämpft hat. Man entwickelt sogar eine gewisse Sympathie für seine Argumentation.

Tarantino: Ich versuche, meine Charaktere nicht moralisch zu beurteilen, jeder hat einen Grund für sein Handeln, und ich bin dazu da, diese Gründe zu verstehen. Diese Herangehensweise fand ich allerdings schwer durchzuhalten, wenn es um die Konföderierten ging. Ich halte die Konföderation für einen Schmutzfleck der amerikanischen Geschichte. Für mich ist die Rebellenflagge die amerikanische Version der Hakenkreuzflagge.

Schnee ist in im neuen Western: Regisseur Quentin Tarantino beim Dreh im winterlichen Telluride / Colorado. (Foto: Universum Film)

Sie fällen kein Urteil über Ihre Charaktere? Aber sehen Sie auf diese Daisy, gespielt von Jennifer Jason Leigh. Sie ist eine Frau. Sie leidet. Sie wird bestraft. Härtestens bestraft. Das tut kein Regisseur, der nicht ein Urteil über diese Figur gefällt hat.

Tarantino: Die Antwort ist ein klares Ja und Nein. Ich verurteile nicht, ich bewege mich aber auch immer innerhalb eines Genres. Genre bedeutet: Wir haben es mit Guten und Schlechten, Helden und Schurken zu tun. Dies ist eine Art Kurzschrift des Dramas, mit deren Hilfe man sich mit dem Publikum verständigt. Andererseits versuche ich, mich in dieser Kurzschrift so kompliziert wie möglich auszudrücken. Als ich begann, "Kill Bill" zu schreiben, wusste ich nur so viel: Irgendwann am Ende würde Bill sterben müssen. Aber ich hatte noch keine Vorstellung von den Gefühlen, die wir – ich, das Publikum, die anderen Figuren – zu diesem Zeitpunkt Bill gegenüber empfinden würden. Das musste ich im Prozess des Schreibens entdecken oder sogar noch später, im Prozess des Filmdrehs. Deshalb bemühe ich mich auch, einigermaßen in der Reihenfolge des Drehbuchs zu drehen, damit ich, sollten sich meine Gefühle im Schaffensprozess geändert haben, den Schluss ändern kann. Klingt das logisch?

Durchaus. Aber wenn so viel offen bleibt – warum waren Sie dann so wütend, als das Drehbuch zu "Hateful Eight" plötzlich im Internet auftauchte?

Tarantino: Ich habe danach einiges umgeschrieben – aber nicht als Reaktion auf das Leck, obwohl es so wirken könnte. Der Grund für meine heftige Reaktion war ein anderer: Ich hatte versucht, anders zu schreiben als zuvor. All meine Skripte davor waren im Stil großer Romane gehalten: die große Reise des Helden mit Anfang, Mitte und Ende. Diesmal wollte ich das Drehbuch dreimal schreiben: das erste Mal in einem Zug schnell bis zum Ende, dann nochmals mit mehr Nachdenken und ein drittes Mal mit aller Erfahrung, die ich dann mit dem Skript gesammelt hatte.

Man würde ihn vermissen. Als Typ, als Regisseur. Und seine Filme natürlich nicht minder: Quentin Tarantino ist halt auch ein begnadeter Poser. (Foto: REUTERS)

Wie hat sich etwa Daisy denn im Zug dieser Etappen entwickelt?

Tarantino: Was wir jetzt im Film als Ende sehen, war tatsächlich meine Ursprungsidee. Aber die stand nicht in der ersten Version, denn ich hatte das Gefühl, ich würde sie nicht gut genug kennen, um derart bösartig mit ihr zu verfahren; der erste Entwurf hatte ein anderes Ende. Den zweiten habe ich von Anfang bis Ende aus ihrer emotionalen Perspektive geschrieben. Als ich diesen Entwurf beendet hatte, glaubte ich, sie nun gut genug zu kennen – um ihr all das antun zu können, was ihr im fertigen Film angetan wird.

Man hat bei dem, was zwischen weißen Polizisten und schwarzen Bürgern auf amerikanischen Straßen momentan passiert, zuweilen den Eindruck, der Vorgang könne doch nur aus einem Groschenheft stammen. Könnte man sagen, dass Pulp Fiction zunehmend zu Pulp Reality wird?

Tarantino: Ja, das kann man definitiv sagen. Ich hätte das vielleicht noch nicht so gesehen, als ich das Drehbuch beendet hatte. Aber wir haben anderthalb Jahre mit der Vorbereitung dieses Films verbracht, und in diesen anderthalb Jahren haben sich die Verhältnisse in Amerika sehr verschlechtert. Während des Drehs haben wir immer wieder neue Videos im Netz gesehen, in denen ein Cop einen Schwarzen misshandelt. Es schien sich im Wochenrhythmus zu wiederholen. Das ist nicht ohne Einfluss auf die Stimmung des Films geblieben. Ich behaupte nicht, er liefere eine profunde Analyse dieses Geschehens, aber er leistet das, was gute Western immer geleistet haben: Er vermittelt, fast unterbewusst, eine Vorstellung von dem Jahrzehnt, in dem er entstand. Ich bin sicher, wenn Sie "The Hateful Eight" in zwanzig, dreißig Jahren ansehen, bekommen sie eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was heute in Amerika abläuft.

Apropos Zukunft: Im Vorspann lesen wir unter dem Filmtitel die Zeile "Der achte Film von Quentin Tarantino". Ist das der Beginn eines Countdowns? Werden wir dort das nächste Mal "Der neunte Film von Quentin Tarantino" und das übernächste Mal "Der letzte Film von Quentin Tarantino" lesen?

Tarantino: Ja. Ich habe mir sogar schon überlegt, dass ich ganz auf einen Titel verzichten und nur "Der letzte Film von Quentin Tarantino" schreiben könnte (lacht).

Warum haben Sie sich dieses Limit von zehn Filmen gesetzt?

Tarantino: Ich will nicht so lange durchhalten, bis sie mir das Megafon aus der Hand reißen. Ich will nicht immer weiter Filme drehen, weil es das Einzige ist, das ich kann: "Verzeiht mir, ich bin halt ein alter Filmemacher." Ich will nicht, dass die jungen Schauspieler sich bei mir auf Grund von etwas Nettem melden, was ich vor dreißig Jahren gemacht habe.

Keine Woody-Allenisierung?

Tarantino: Nein, das ist kein guter Vergleich. Allen ist anders. Ich finde, er hat seit "Anything Else" vor zehn Jahren einen sehr guten Lauf. Er nimmt drollige Kurzgeschichten und streckt sie auf Spielfilmlänge. Ich versuche mehr als das zu tun – was nicht unbedingt heißt, dass ich etwas Besseres tue. Aber ich betrachte meine Filmografie – diese zehn Filme – als meinen Beitrag zu einer Kunstform, die mit Edison und den Lumières begann. Diese zehn Filme werden das sein, was ich in dieser Kunstform als Künstler zu sagen gehabt habe. Ich will nicht weiterreden, wenn ich nichts mehr zu sagen habe. Die meisten Regisseure glauben, sie hätten mehr Filme in sich, als sie tatsächlich im Leib haben: "Ach, ein halbes Dutzend Filme will ich schon noch machen!" Ich hingegen weiß: so viele stecken in mir nicht mehr drin. Ich habe noch zwei. Vielleicht noch vier Geschichten. Aber nur zwei Filme. Das ist auch ein guter Ansporn: In diese zwei muss ich alles legen.

Sie sehen sich also als "Gesamtwerk Tarantino"?

Tarantino: Es sollte eine erkennbare Nabelschnur geben, die sich vom ersten bis zu meinem letzten Film hindurchzieht.

Wenn ich das hochrechne, sind Sie nach der Nr. 10 sechzig und haben dann nichts mehr zu tun.

Tarantino: Das glaube ich nicht. Meine Arbeit hat sich in jüngster Zeit schon mehr auf das Literarische verschoben. Es wird für mich einfach, Filmbücher zu schreiben oder Romane oder Theaterstücke oder Stücke zu inszenieren. Ein Mann des Bildes wird ein Mann des Wortes, dahin scheint sich alles zu entwickeln.

Trotzdem: Wie wäre es zunächst mit einem "8½"?

Tarantino: (Herzliches Lachen, begleitet von Husten.) Nein, das wäre nur reines Herausschieben. Wenn Sie "Four Rooms" dazuzählen, sind wir schon jetzt bei achteinhalb.

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