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"N wie Nordpol" Warum wir immer noch wie die Nazis buchstabieren

Das Buchstabieralphabet ist eine enorme Hilfe im Alltag. Bei schwierigen Begriffen greifen viele Deutsche ganz automatisch darauf zurück. Doch das Alphabet hat eine düstere Vergangenheit.

Wer häufiger Wörter selbst buchstabieren muss oder sie buchstabiert bekommt – vielleicht weil er in einem Callcenter arbeitet –, hat sich möglicherweise schon einmal gefragt, wieso zwischen den Vornamen, die man benutzt, um Buchstaben zu identifizieren (A wie Anton, B wie Berta, C wie Cäsar) vereinzelt auch Gattungsbegriffe stehen: N wie Nordpol, Sch wie Schule, K wie Kaufmann. Für einige dieser Abweichungen gibt es ganz praktische Erklärungen. Andere sind Relikte einer düsteren Vergangenheit.

Die DIN-Norm 5009 regelt die Buchstabiertafel

Auch die sogenannte Buchstabiertafel ist in Deutschland mit einer Norm geregelt, der DIN 5009. In Österreich gilt die entsprechende ÖN A 1081, die in einigen Punkten von der deutschen Regelung abweicht. Das Ö buchstabiert man dort logischerweise "wie Österreich". Noch größer sind die Unterschiede zur Schweiz, wo nicht nur Z für Zürich steht, sondern auch Y für Yverdon und ironischerweise K für Kaiser – obwohl ja ausgerechnet die Schweiz, seitdem sie 1648 im Westfälischen Frieden endgültig unabhängig wurde, nie einen Kaiser hatte.

An die 1934 erfolgte Reinigung der deutschen Buchstabentafel von unerwünschten Namen hat jetzt der Newsletter des Dudens erinnert: "Unter nationalsozialistischer Herrschaft waren da besonders biblische Namen betroffen, die als jüdisch aufgefasst und daher ,arisiert' wurden. So wurde aus David Dora, aus Jacob Jot, aus Nathan Nordpol, aus Samuel Siegfried und aus Zacharias Zeppelin."

Dass bei dieser Säuberung nicht nur rassische, sondern auch rein nationalistische Propagandaerwägungen eine Rolle spielten, zeigt sich am Schicksal des Buchstabens Y: Der wurde plötzlich wie Ypern buchstabiert, jener belgische Ort, an dem im Ersten Weltkrieg mehrere Schlachten stattgefunden hatten, darunter eine, bei der die Deutschen 1915 erstmals Giftgas einsetzten.

Nach dem Ende der Naziherrschaft wurden in Deutschland nur zwei der biblischen Namen wieder in die Buchstabiertafel aufgenommen: Samuel und Zacharias. David, Nathan und Jakob fehlen weiterhin. Und auch die Gewohnheit, S und Z noch zu buchstabieren wie die Nazis, hält sich hartnäckig. Der Medienprofessor Clemens Schwender, der die Anleitungen zum Telefonieren in Berliner Telefonbüchern von 1881 bis zur Gegenwart ausgewertet hat, schrieb 1997: "In der TV-Gameshow ,Glücksrad' buchstabieren die Kandidaten immer wieder ,S wie Siegfried'. So zeigen die zwölf Jahre, die eigentlich Tausend währen sollten, auch heute noch Wirkung. Samuel ist völlig ungebräuchlich, selbst Sekretärinnen, die es eigentlich gelernt haben sollten, benutzen das Wort kaum."

Der Tod von Ypern erfolgt nach 1945

Das Problem stellt sich Österreichern übrigens nicht: In ihrem Land wurde kein einziger der biblischen Namen nach 1945 wieder in die Buchstabiertafel aufgenommen. Nur der Tod von Ypern war auch dort unvermeidlich: Jetzt heißt es wieder: Y wie Ypsilon. Der einzige andere Buchstabe, der durch sich selbst buchstabiert wird, ist übrigens das ß: In Deutschland verdeutlicht man es als Eszett, in Österreich als scharfes S. In der Schweiz gibt es das ß bekanntlich ohnehin nicht.

Den Anstoß zur Arisierung der Buchstabiertafel gaben übrigens – wie bei so vielen anderen Zwangsmaßnahmen des NS-Regimes – Denunziationen aus dem Volk. Alles begann mit einer Postkarte, die am 22. März 1933 verfasst und am 23. März abgestempelt wurde. Gerichtet war sie an das Postamt Rostock. Clemens Schwender hat sie in den Postakten des Jahres entdeckt. Ihr Text lautet: "In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan Samuel etc. noch länger beizubehalten. Ich nehme an, daß sich geeignete deutsche Namen finden lassen. Ich hoffe, in der nächsten Ausgabe des Telefonbuchs meinen Vorschlag berücksichtigt zu sehen."

Der Verfasser der Postkarte war ein Rostocker namens Joh. Schliemann. Sein Vorname wird in den Akten abgekürzt. Möglicherweise war ihm nicht klar, dass Johann oder Johannes auch jüdische Namen sind, die auf das alttestamentarische Iochanan zurückgehen.

Die Oberpostdirektion Schwerin unterstützt den Vorschlag

Die Postkarte veranlasste einen Schriftverkehr zwischen Rostock, der Oberpostdirektion in Schwerin und das Postministerium in Berlin. Zur Erinnerung: Am 5. März hatten die nationalen Parteien NSDAP und DNVP bei den letzten Reichstagswahlen, an denen noch verschiedenen Parteien teilnehmen konnten, eine parlamentarische Mehrheit erlangt. Der Terror vor allem gegen Kommunisten und Sozialdemokraten hatte schon begonnen, und die Gleichschaltung aller Institutionen im Sinne der NSDAP war im vollen Gange. Da wollten selbst nicht ganz linientreue Postbeamte keinen Fehler machen, der sie in den Augen der neuen Machthaber verdächtig erscheinen ließe.

Das Schreiben, das von Schwerin nach Berlin ging, unterstützte den Vorschlag, der auf der Postkarte gemacht worden war: "Nachdem die nationale Bewegung zum Durchbruch allgemein gekommen ist, die sich auch zum Ziel gesetzt hat, den jüdischen Einfluß auf das deutsche Volk herabzumindern, mag es manchen nationalen Kreisen eine Überwindung kosten, bei der Verdeutlichung eines Wortes jüdische Namen anwenden zu sollen."

1890 bestand die Buchstabiertafel aus Zahlen

Kleinere Reformen der Buchstabiertafel hatte es bis 1934 schon einige gegeben. Als 1881 das erste Berliner Telefonbuch gedruckt wurde, stellte sich schnell heraus, dass wegen der noch sehr schlechten Übertragungsqualität eine Buchstabierhilfe nötig sein würde. 1890 wurde dem Telefonbuch erstmals eine Buchstabiertafel vorangestellt. Dort waren den Buchstaben Zahlen zugeordnet – 1 für A bis 25 bis Z, das J fehlte. 26 bis 28 waren die Umlaute Ä, Ö und Ü.

Bald erwies sich das Zahlensystem als unpraktisch. 1903 findet sich im Berliner Telefonbuch erstmals eine Tafel, in der den Buchstaben überwiegend Namen zugeordnet wurden – außer dort, wo es keine geeigneten Namen gab: Albert für A, Bertha für B – aber Citrone für C und Quelle für Q. Dieses System wird bis 1932 mehrfach überarbeitet, vor allem, um es praktikabler und eindeutiger zu machen. Die Tendenz geht dahin, nur noch zweisilbige Namen zu benutzen, deshalb verschwindet schon vor der Machtergreifung Isidor, ein Name, den die Nazis ganz bestimmt auf ihre Streichliste gesetzt hätten, weil er in der Goebbels-Propaganda geradezu ein Synonym für "Jude" war. Ersetzt wird er durch Ida. 1926 tritt Paula anstelle von Paul, weil die Reichswehr bei Funksprechversuchen zwischen Leipzig und Königs-Wusterhausen festgestellt hatte, dass Paul und Karl nicht zu unterscheiden waren.

Gegen die Arisierung der Buchstabiertafel, die mit dem Telefonbuch von 1934 amtlich wurde, gab es zunächst Widerstand von hoher Stelle. Der NSDAP-Reichstagsabgeordnete, Gauleiter von Hessen-Nassau Süd und Reichsstatthalter des Volksstaats Hessen, Jakob Sprenger, schreibt im Mai 1933 ans Reichspostministerium: "Der Vorname Jakob, den zu führen ich die Ehre habe, kann doch nach der heutigen Entwicklung nicht als jüdisch angesehen werden. Es müssen schon sonderbare Heilige sein, die auf einen derartigen Einfall kommen; man bedenke doch, dass tausend und abertausende von Menschen durch diese Verfügung gröblich verletzt wurden."

Gauleiter Jakob Sprenger muss sich fügen

Doch selbst ein NS-Bonze und radialer Antisemit konnte Volkes Willen nicht mehr stoppen. Denn aus dem Antwortschreiben an Sprenger geht hervor, dass der Denunziant Joh. Schliemann aus Rostock mittlerweile nicht mehr allein war, sondern dass die Arisierung der Buchstabiertafel offenbar dem Bedürfnis breiter Kreise entsprach: "Die Anregungen, die Buchstabiertafel für den Inlandverkehr von allem biblischen Namen zu reinigen, sind nicht nur von meinen Dienststellen, sondern daneben auch vom Publikum ausgegangen. Auch heute noch gehen Änderungsvorschläge ein, welche die lebhafte Anteilnahme des Publikums an einer Änderung der Buchstabiertafel zeigen." Daraufhin lenkt Sprenger mit einem ironisch-resignierenden Schreiben ein.

1934 erscheint dann das neue Berliner Telefonbuch – und die Veränderungen gehen viel weiter als geplant: Es bleibt nicht dabei, dass Dora, Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin die beanstandeten jüdischen Namen ersetzen. Auch Katharina (das erst 1926 statt Karl aufgenommen worden war) wird durch Kurfürst ersetzt, Albert durch Anton und die Kurzform Fritz tritt anstelle des politisch völlig unverdächtigen Friedrich.

1948 wird die Buchstabiertafel dann wieder entnazifiziert. Dabei rutscht dann auch der 1926 aus klanglichen Gründen entfernte Karl wieder hinein, weil die Beamten offenbar die alten Akten nicht kannten. Das macht die vorerst letzte Änderung notwendig: 1950 wird Karl durch Kaufmann ersetzt.

Dabei bleibt es dann wohl auch. Denn Buchstabiertafeln sind heute kein Massenthema mehr. Im West-Berliner Telefonbuch war, wie Clemens Schwender berichtet, zum letzten Mal 1978/79 eine abgedruckt, im Ost-Berliner Gegenstück sogar bis 1989 – ein Schelm, wer denkt, die schlechte Telefonierqualität in der DDR hätte die Tafel dort länger unersetzlich gemacht.

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