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König eines tausendjährigen Reiches Ein Lude griff nach der Weltherrschaft

Johann Bockelson hatte sich schon als Bordellbesitzer behaupten können. Dann stieg der Polygamist 1534 zum Führer der Wiedertäufer auf -  und nannte sich fortan König eines tausendjährigen Reiches.

Der Österreicher Christoph Waltz gehört zu den renommiertesten Schauspielern unserer Zeit. Zweimal wurde er innerhalb von drei Jahren mit dem Oscar ausgezeichnet, was außer ihm nur noch drei männliche Mimen schafften. Seine Karriere begann 1993 mit der Hauptrolle im Fernsehzweiteiler "König der letzten Tage". Durch seinen furiosen Auftritt als Johann Bockelson alias Jan van Leiden brachte Waltz dem deutschen Publikum eine weitgehend vergessene Episode des Reformationszeitalters in Erinnerung, die sich vor 450 Jahren in Westfalen abspielte.

Es war ein pompöser Zug, der am 25. August 1534 durch die Straßen der Stadt Münster defilierte. Drei Dutzend berittenen Leibwachen folgte ein junger Mann mit einer riesigen Krone auf dem Kopf, um den Hals eine goldene Kette mit einer Weltkugel. An seiner Seite der Scharfrichter mit überlangem Schwert. Alle Menschen knieten nieder und priesen "König Johann den Gerechten in dem Stuhle Davids".

Auf dem Prinzipalmarkt wurde unter Posaunengeschmetter ein Thron installiert. Von dort hielt der König, umgeben von seinen 17 Ehefrauen, eine visionäre Predigt. Wenn der sogenannte Täufergeist über ihn kam, geschah es auch, dass er sich aus der Menge einen Verdächtigen griff und eigenhändig enthauptete, was vom Volk mit wilden Freudentänzen quittiert wurde.

Im Gefolge von Luthers Reformation hatten sich in Mitteleuropa radikale Sekten gebildet, die den christlichen Glauben in immer neuen Varianten interpretierten. Eine von ihnen waren die Chiliasten, welche unter anderem die Kindstaufe mit der Begründung ablehnten, dass Säuglinge noch keinen freien Willen besitzen würden. Erst der Erwachsene könne das Sakrament der Taufe empfangen. Deshalb wurden sie von ihren Gegnern als Wiedertäufer bezeichnet.

Die Täuferbewegung hatte in Nordwestdeutschland zahlreiche Anhänger. (Foto: picture-alliance / akg-images)

Sowohl katholische wie evangelische Kreise gehörten zu diesen Gegnern, denn die Wiedertäufer verneinten einerseits die Autorität des Papstes und glaubten andererseits statt an den Bibeltext an eine mystische Lehre vom inneren Licht. Weil Gott direkt zu ihnen spreche, hielten sie sich für unfehlbar.

Dass gerade Münster zu einem Hauptort der Wiedertäuferbewegung wurde, lag zum einen an der räumlichen Nähe zu den Niederlanden, einer Hochburg des Chiliasmus, zum anderen an den Missgriffen des seit 1532 amtierenden Münsteraner Bischofs Franz von Waldeck. Er bedrückte die Stadt mit so unmäßig hohen Steuern, dass sich Widerstand unter den Ratsherren erhob.

Der Pfarrer Bernhard Rottmann predigte in der St.-Mauritz-Kirche im Sinne der radikalen Reformation, ließ sich mit seinen Anhängern Anfang 1533 heimlich erneut taufen und gewann allmählich das Übergewicht im Stadtrat. Mithilfe des einflussreichen Tuchmachers Bernt Knipperdolling setzte er im Januar 1534 einen Beschluss durch, wonach alle "andersgläubigen" Einwohner Münsters die Stadt verlassen mussten. Ihr Eigentum wurde unter den Wiedertäufern verteilt.

Wenige Tage später gelangte Jan Matthys nach Münster, ein Bäcker aus Haarlem und selbsternannter Prophet der niederländischen Wiedertäufer. Mit Matthys enthüllte diese Bewegung ihr hässliches Gesicht. Kurz nach seiner Ankunft, am 24. Februar 1534, kam es zu einem wilden Bildersturm. Klöster und Kirchen wurden verwüstet, Bücher und Gemälde verbrannt, Altäre zertrümmert. Die Wiedertäufer wollten Münster zum "Neuen Jerusalem" machen und es von allen Spuren einer überholten Vergangenheit reinigen.

Johann Bockelson (1509-1536) errichtete ein Terrorregime. (Foto: picture alliance / akg-images)

Bischof Franz von Waldeck blieb derweil nicht untätig und trommelte ein Söldnerheer zusammen, um die Stadt wiederzuerobern. Am 5. April 1534 wollte Matthys offenbar ein göttliches Wunder erzwingen. Mit einigen Begleitern ritt er unbewaffnet zum Heerlager des Bischofs, um seine Landsknechte durch Gebete zur Umkehr zu veranlassen. Matthys starb unter den Spießen der Söldner, sein abgeschlagener Kopf wurde auf eine Lanze gesteckt und vor der Stadtmauer zur Schau gestellt.

Nun schlug die Stunde des Johann Bockelson. Der 25-jährige Mann aus Leiden hatte eine Gastwirtschaft nebst angeschlossenem Bordell betrieben, ehe er Gefolgsmann von Matthys wurde. Wesentlich skrupelloser und willensstärker als sein Lehrmeister, riss er durch charismatische Beredsamkeit die Führung in Münster an sich. Ihm wurden das höchste Richteramt und der militärische Oberbefehl zugesprochen. Zum Bürgermeister ließ er Knipperdolling wählen, der gleichzeitig als sein persönlicher Henker amtierte.

Ein Augenzeuge, der Münsteraner Tischlermeister Heinrich Gresbeck, berichtet: "So haben der König Jan von Leiden und Knipperdolling so manchem das Haupt abgeschlagen und manchen totgeschlagen. Sie selber haben mit ihrer eigenen Hand persönlich so manchen frommen Mann zu Tode gebracht und ebenso die Frauen ... Sie haben einem jeden das Seinige jämmerlich genommen und ihn von seiner Familie gejagt, dass es Gott erbarmen möchte."

So stellten sich die Zeitgenossen die Polygamie der Wiedertäufer vor – "Badestube" von Virgil Solis. (Foto: picture-alliance / akg-images)

Der neue Stadtherr zeigte aber auch kriegerisches Talent. Zwei Großangriffe der bischöflichen Truppen im Mai und August 1534 schlug er blutig zurück. Dieser Erfolg stieg Johann Bockelson so zu Kopf, dass er in Münster ein Regime von Willkür und Terror errichtete. Ende August 1534 ließ er sich zum König des tausendjährigen Reiches "Sion" proklamieren und führte Vielweiberei und Gütergemeinschaft ein. Schließlich verkündete er im Oktober, von Münster aus werde er die ganze Erde seinem Zepter unterwerfen. "Er sollte ein König über Neuisrael und über die ganze Welt und nächst Gott sein. Und in der ganzen Welt sollt keine Obrigkeit mehr sein als Jan von Leiden", schreibt Heinrich Gresbeck.

Unter Bockelsons Fuchtel beherrschte in Münster ein Haufen exaltierter Gläubiger die Straßen; jeder Widerstand wurde brutal unterdrückt. Eine von seinen 17 Ehefrauen, Elisabeth Wandscherer, wehrte sich. Als aufgrund der bischöflichen Belagerung im Mai 1535 eine Hungersnot ausbrach, legte sie all ihren geschenkten Schmuck ab und forderte den König auf, sie aus der Stadt gehen zu lassen, denn sie könne nicht glauben, Gott wolle so viele Leute Hungers sterben lassen, während er selbst im Überfluss lebe.

Daraufhin schleppte Bockelson Elisabeth auf den Prinzipalmarkt und köpfte sie am 12. Juni vor einer großen Volksmenge. Anschließend, so eine Chronik, "sagte er, dass dies der Wille Gottes gewesen sei, da sie eine Rebellin war. Darauf gab Jan von Leiden anwesenden Musikanten ein Zeichen, und das gesamte Volk geriet in eine religiös-hysterische Stimmung, jubelte, fasste sich bei den Händen und tanzte um Elisabeths Leichnam einen irrsinnigen Totentanz."

Johann Bockelson wurde vor seiner Hinrichtung im Käfig umhergefahren. (Foto: picture-alliance / akg-images)

Zwei über diese Schreckensherrschaft entsetzte Bürger, der erwähnte Chronist Heinrich Gresbeck und Hans Eck von der Lagenstraten, begaben sich heimlich zum Lager des Bischofs. Dort verrieten sie eine Stelle, wo die Stadtmauer leicht zu ersteigen war. In der Nacht zum 25. Juni 1535 drang das Belagerungsheer in Münster ein. Nach verzweifelter Gegenwehr wurden Hunderte Wiedertäufer erschlagen, unter ihnen der Prediger Rottmann. Bockelson selbst, Knipperdolling und der zum Kanzler ernannte Heinrich Krechting gerieten in Gefangenschaft.

Sie wurden wochenlang in Käfigen durchs Bistum gefahren, um jedermann ihre Niederlage zu dokumentieren. Nach barbarischen Foltern ereilte sie am 22. Januar 1536 der Henkerstod. Ihre Leichen steckte man in drei eiserne Käfige und zog sie bis unter die Spitze der Lambertikirche. Dort hängen die Käfige noch heute – als Nachbildungen natürlich.

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