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Klimawandel extrem Dem Sundarbans bleiben noch 15 Jahre

Der Klimawandel bedroht die ganze Menschheit, doch einige sind davon ganz besonders betroffen. Im Sundarbans ist schon bald die Existenz von 13 Millionen Menschen bedroht.

Die kleine, aus Lehm gebaute Hütte am Meer ist gerade groß genug, damit sich Bokul Mondol und seine Familie dort zum Schlafen hinlegen können. Es ist bereits die fünfte Hütte, die sie in den vergangenen Jahren gebaut haben. Salzwasser hat den Flecken Land auf der indischen Insel Bali überschwemmt, auf dem Mondol einst Reis anbaute und Fischteiche bewirtschaftete – so wie seine Vorfahren seit rund 200 Jahren. Das Wasser hat ihnen alles andere genommen – und eines Tages wird es sich auch noch diese Hütte nehmen.

Der 50-jährige Bokul Mondol hat seine Enkelin auf dem Arm. Wie es für ihn und seine Familie weitergehen soll, weiß er noch nicht. (Foto: AP)

"Jedes Jahr müssen wir ein bisschen weiter ins Landesinnere ziehen", sagt er. Das indische Bali ist wesentlich kleiner als die indonesische Insel gleichen Namens. Mondol lebt in den Sundarbans, einer tiefgelegenen Deltaregion zwischen Indien und Bangladesch mit rund 200 Inseln und rund 13 Millionen Einwohnern. Die meisten hausen in ärmlichen Verhältnissen.

Niemand ist auf die drohende Massenflucht vorbereitet

Der Meeresspiegel steigt in der Region etwa doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Zehntausende sind bereits obdachlos geworden. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern könnte der größte Teil der Sundarbans in 15 bis 25 Jahren überflutet sein. Auf die drohende Massenflucht ist man jedoch weder in Indien noch in Bangladesch vorbereitet.

(Foto: Infografik Die Welt)

"Diese gewaltige Klimamigration droht am Horizont", sagt Tapas Paul, Umweltexperte der Weltbank in Neu Delhi, die Hunderte Millionen von Dollar freigemacht hat, um Hilfsprogramme für die Region aufzuziehen. "Wenn alle Menschen von den Sundarbans auswandern müssen, wäre das die größte Migration in der Geschichte der Menschheit", sagt Paul.

Mit dem weltweiten Klimawandel schmilzt das Polareis und die steigenden Temperaturen führen dazu, dass sich das Wasser in den Ozeanen weiter ausbreitet. Im Schnitt steigt der Meeresspiegel derzeit um drei Millimeter pro Jahr, wobei viele Wissenschaftler davon ausgehen, dass sich das Tempo erhöhen wird. Die letzten Berechnungen gehen davon aus, dass der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert um einen Meter steigen könnte.

Mindestens vier Inseln sind schon komplett verschwunden

Das wäre schon schlimm genug für die Sundarbans, wo der höchste Punkt etwa drei Meter über dem Meeresspiegel liegt. Doch die Situation dort ist noch dramatischer, weil Faktoren wie Wind, Meeresströmung, tektonische Besonderheiten und die Erdanziehung dazu beitragen, dass das Wasser dort mindestens doppelt so schnell ansteigt wie im Durchschnitt.

Ein Farmer arbeitet auf seinem Feld in den Sundarbans in Indien. Hier ist die Klimaerwärmung Realität. Die Anwohner bauen mit bloßen Händen immer wieder Dämme, um das Salzwasser davon abzuhalten, ihre Ernte zu überschwemmen. (Foto: AP)

Eine britische Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass die Sundarbans jedes Jahr etwa 200 Meter Küste an das Meer verlieren. Das Geologische Institut Indiens beziffert den Landverlust in den vergangenen Jahrzehnten auf 210 Quadratkilometer. Mindestens vier Inseln sind in den Fluten verschwunden, Dutzende wurden bereits von den Menschen aufgegeben.

In Indien gibt es bislang keinen Notfallplan – weder für den Schutz der Region, noch für die Umsiedlung der Betroffenen. "Wir brauchen internationale Hilfe. Wir brauchen nationale Hilfe. Wir brauchen Hilfe von den Menschen in aller Welt. Wir sind sehr spät dran", sagt Janab Javed Ahmed Khan, Minister für Notfälle und Katastrophenmanagement im indischen Staat Westbengalen. Man müsse dabei dringend mit der indischen Bundesregierung und der Regierung von Bangladesch zusammenarbeiten.

Die Politik stellt die Menschen ruhig

Bangladesch unterstützt Wissenschaftler, "die versuchen herauszufinden, ob es möglich ist, die Sundarbans zu beschützen", sagt Taibur Rahman von der Planungskommission der Regierung. "Aber wir spüren schon jetzt die Auswirkungen des Klimawandels. Die Menschen in den Sundarbans sind viel gewohnt und haben lange unter widrigen Bedingungen gelebt. Aber jetzt fliehen viele. Und wird sind noch nicht vorbereitet."

Eine Frau in den Sundarbans breitet gekochten Reis vor ihrem Haus aus, um ihn zu trocknen. Experten fordern internationale Hilfe für die Region. (Foto: AP)

Experten sind besorgt, dass die Politik das Problem weiter ignoriert und versucht, die Menschen mit traditionellen Versprechen wie dem Bau von Straßen, Schulen oder Krankenhäusern ruhigzustellen. Das könnte dazu führen, dass mehr Menschen in der Region bleiben, obwohl es eigentlich besser wäre wegzugehen.

"Wir haben 15 Jahre", sagt Jayanta Bandopadhyay, Ingenieur und Profesor an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi, der sich seit Jahren mit der Region beschäftigt. "Das ist der grobe Zeitrahmen, den ich uns gebe, bis der Meeresspiegel so weit gestiegen ist, dass es sehr schwierig wird und der Druck für die Bevölkerung nicht mehr zu kontrollieren ist." Er und andere Experten fordern Indien und Bangladesch auf, den Menschen einen Anreiz zu bieten, damit sie die Region verlassen – etwa durch die Schaffung neuer Jobs in Städten oder Ausbildungsprogramme.

"Du kannst gegen Wasser nicht kämpfen", sagt der 36 Jahre alte Sorojit Majhi, Vater von vier kleinen Mädchen. Auch er hat sein Land an die Fluten verloren. "Wir haben Angst. Aber wohin sollen wir gehen", sagt er. "Wir können ja nicht einfach wegfliegen wie ein Vogel."

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