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Exotische Vögel Papageien erobern deutsche Städte

Halsbandsittiche leben eigentlich in Afrika und Asien: Doch die Exoten haben bereits mehr als zwei Dutzend deutsche Städte erobert. Was bedeutet das für die heimische Tierwelt?

Ob tagsüber in den Parks des Biebricher Schlosses und rund um das Kurhaus in der Innenstadt oder in der Dämmerung beim lautstarken Anflug auf die Schlafbäume auf einem Supermarktparkplatz – die exotischen Halsbandsittiche mit ihrem leuchtend grünen Gefieder und prägnanten Geschrei gehören in Wiesbaden fest zum Stadtbild.

In der Kurstadt leben mittlerweile rund 3000 Halsbandsittiche und mehrere Hundert der etwas größeren Alexandersittiche, wie der Hobbyornithologe Detlev Franz schätzt. Auch bei niedrigen Temperaturen sind die Papageien rege unterwegs, in wenigen Wochen beginnt bereits die nächste Brutsaison.

Winter kann den Vögeln nichts anhaben

"Winter ist nicht so ein Riesenproblem, solange sie genügend zu fressen haben", erklärt der Experte. Daher sei ihre Verbreitung grundsätzlich davon abhängig, ob es Parks mit exotischen Bäumen und Sträuchern gibt, die den Vögeln das ganze Jahr über Früchte oder Blätter bieten. Nach einem strengen Winter sei allerdings die Brut nicht so erfolgreich.

Die Tiere zählen zu den sogenannten Neobiota. Unter dem Begriff werden Organismen zusammengefasst, die in einem bestimmten Gebiet nicht einheimisch sind, sich aber in den natürlichen Ökosystemen etabliert haben.

Zu den bekannten Neuankömmlingen in der hessischen Tierwelt zählen neben dem Halsbandsittich auch Nilgans, Mufflon, Sikahirsch und seit 2015 der Goldschakal. Jahrzehntelangen Beobachtungen zufolge wächst die Wiesbadener Halsbandsittichpopulation von Jahr zu Jahr um etwa 15 Prozent, wie Franz erklärt.

Bundesweit lebt "Psittacula Krameri" bereits in mehr als zwei Dutzend Städten – vor allem in der Rhein-Main-Region und im Rheinland, wie es in einem Papier des Bundesamtes für Naturschutz heißt.

Die ersten Halsbandsittiche traten im Jahr 1969 in Köln auf, wo inzwischen einige Tausend Exemplare leben. Immer wieder machen sich Grüppchen auf, um neue Lebensräume zu erobern. So sind mittlerweile unter anderem auch Düsseldorf, Frankfurt am Main, Mainz, Worms, Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg von den Sittichen besiedelt.

Die Tiere gelten als potenziell invasiv

Von der Behörde wird der Halsbandsittich als "potenziell invasiv" eingestuft. Das bedeutet, die Experten beobachten weiter, ob der Vogel womöglich den Bestand alteingesessener Arten gefährdet. Es beständen Wissenslücken und Forschungsbedarf, heißt es.

Die ganz konkrete Forschung in Wiesbaden sieht so aus, dass Detlev Franz in der Dämmerung mit seinem Fernglas bewaffnet am Rande eines großen Supermarktparkplatzes steht. Er zählt die Vögel, die kamikazemäßig erst quer über eine viel befahrene Kreuzung sausen und dann unter lautem Gezeter auf einem der Schlafbäume landen.

Eine ganze Weile ist das Geschrei noch zu hören – dann kehrt Ruhe ein. Dass in den Zweigen Hunderte Vögel sitzen, ist dann nur noch an dem weiß-grauen Belag unter den Bäumen zu erkennen. Er besteht aus den Häufchen, die die Sittiche fallen lassen.

Das gemeinsame Übernachten bietet für die Vögel eine ganze Reihe von Vorteilen. Zunächst schützt die Gruppe den Einzelnen vor Angreifern wie etwa Raubvögeln. Zudem ist der allabendliche Treff ein Hochzeitsmarkt und gut für den Austausch von Informationen, beispielsweise über gute Futterplätze, wie Experte Franz berichtet.

Wie die Halsbandsittiche 1975 nach Wiesbaden gekommen sind – dazu gibt es nach seinen Erzählungen mindestens drei Versionen. "Allen gemeinsam ist, dass die Vögel aus Gefangenschaft stammen, entweder von Zoohändlern oder aus Einzelhaltung."

In Israel als Landwirtschaftsschädling verhasst

Dass die Papageien anderen, alteingesessenen Vögeln die Brutplätze wegnehmen – diesen Vorwurf lässt Franz nicht gelten. Beispielsweise bevorzuge der Halsbandsittich eine durchschnittliche Größe beim Höhleneingang von viereinhalb Zentimetern – nur dann lasse sich das Nest gut gegen Artgenossen verteidigen.

"Dohlen beispielsweise brauchen Höhlen mit einem Durchmesser von acht mal zwölf Zentimetern", erklärt Franz. Es sei vielmehr so, dass den Halsbandsittichen die Höhlen abspenstig gemacht würden – und zwar von den größeren Alexandersittichen.

Als in Heidelberg mal ein Brutbaum an einer Schule gefällt werden musste, ließ eine Lehrerin den Stamm extra in kleine Scheiben schneiden, wie der Ornithologe berichtet. "Dabei kam ans Licht, dass die Höhle dreieinhalb Meter in den Stamm reichte."

Sind also die Sorgen mancher Vogelkundler unberechtigt? Nicht ganz, denn im heimatlichen Indien oder auch im klimatisch behaglicheren Israel ist der Halsbandsittich ein zum Teil verhasster Landwirtschaftsschädling.

Im nördlichen Westeuropa halten sich die Vögel zwar an die Städte. Doch im Süden, wo es wärmer ist, könnten sie sich auch außerhalb städtischer Gegenden ausbreiten, warnen Experten. Besonders auf Sonnenblumen hätten es die körnerliebenden Tiere abgesehen, aus einigen spanischen Regionen gebe es bereits Berichte über erhebliche Schäden.

Auch auf Obstplantagen und Maisfeldern fühlten sich Halsbandsittiche sehr wohl. Beim Forschungsnetzwerk ParrotNet heißt es: "Die klimabedingte Ausbreitung der Sittichpopulationen in Europa wird zunehmenden Druck auf die Wirtschaft ausüben." Noch halte sich der Schaden in Europa aber in Grenzen.

Am Umgang mit den Sittichen zeigt sich ein grundsätzliches Problem der Artenschutzpolitik. Wie genau sich die Einwanderung exotischer Arten auf das heimische Ökosystem auswirkt, zeigt erst die Erfahrung – doch wenn die vorliegt, gibt es keinen Weg zurück.

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