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Medellín Vom Schlachtfeld zur hippen Traumstadt

Aus der gefährlichsten Stadt der Welt ist eine hippe Metropole geworden: Ein Spaziergang durch die einstige Hochburg von Drogenboss Pablo Escobar, die sich erfolgreich neu erfunden hat.

Die Grausamkeiten sind noch greifbar. Per Touchscreen. Im "Haus der Erinnerung" haben sie den Drogenkrieg schon einmal ins Museum gesteckt, obwohl er offiziell noch gar nicht zu Ende ist. Nun tummeln sich unter dem Dach der futuristischen Architektur die Schulkinder und Touristen und posieren für Selfies vor den hochauflösenden Flachbildschirmen. Die Schrecken des jahrzehntelangen Krieges, dessen Ende die Regierung von Präsident Juan Manuel Santos und die linke Guerilla-Organisation Farc in Bälde mit einem Friedensvertrag besiegeln wollen, soll diese Generation in Zukunft nur noch aus virtuellen Geschichtsbüchern kennenlernen. So ist der Plan.

Der Zwei-Millionen-Metropole, von der "Washington Post" einst zur gefährlichsten Stadt der Welt ernannt, kann es gar nicht modern genug sein. Auch wenn es um das dunkelste Kapitel in der Gesichte Kolumbiens geht. Immerhin hat die Hauptstadt der zentralkolumbianischen Provinz Antioquia inzwischen einen anderen Titel zu verteidigen: "Weltweit innovativste City" – verliehen 2014 vom "Wall Street Journal". Zwischen den beiden Auszeichnungen liegen zwei Jahrzehnte, in denen sich Medellín neu erfunden hat, was all jenen Städten Hoffnung macht, die in dieser von Krisen und Kriegen erschütterten Welt leiden müssen. In der aktuellen Liste der gefährlichsten Städte der Welt taucht Medellín nicht einmal mehr unter den ersten 50 auf.

Gloria Patricia Castanela, 42 Jahre, und Leidy Mariza Montoya Perez, 31 Jahre, ehemalige Kämpferinnen der Guerilla Farc, im Museo Casa de la Memoria. (Foto: Florian Kopp/Misereor)

Zwei, die im Museo Casa de la Memoria eine Art lebendigen Beweis für ein neues Medellín darstellen, sind Gloria Patricia Castanela, 42, und Leidy Mariza Montoya Perez, 31. Inzwischen ist nicht mehr der kolumbianische Bürgerkrieg, sondern die große lichtdurchflutete Kunstwerkstatt im Museum ihr neues Zuhause. Die beiden ehemaligen Kämpferinnen der marxistischen Farc-Guerilla haben ihren ganz persönlichen Frieden mit dem Krieg gemacht "Ich habe zum Glück für mich die Entscheidung getroffen, aus diesem Teufelskreis auszusteigen", sagt Leidy Montoya.

Nun hängt ihre Lebensgeschichte mit denen ihrer Kameradinnen in ein paar emotionalen Zeilen zusammengefasst an der Wand eines eigenen Ausstellungsraums. Darunter sind mal Soldatenstiefel oder ein Notebook ausgestellt, alle ganz in Weiß getaucht, der Farbe des Friedens. "Von Rot, der Farbe des Todes und des Blutes habe ich genug", sagt Leidy. "Ich kämpfe nun mit anderen Mitteln für meine Ziele, für mehr Gerechtigkeit und für mehr Würde." Der Krieg ist für sie zwar vorbei, aber nicht der Kampf gegen dessen Ursachen. Ungerecht ist Medellín trotz seines Aufschwungs noch immer.

Die Geißel Escobar ist zum Touristen-Magneten geworden

Würde ist ein Wort, das oft zu hören ist im neuen Medellín. Denn lange litten seine Einwohner unter dem Stigma des Bösen, des Gewalttätigen, der Kriminalität. Nun holt sich die Stadt ihre Würde zurück, auf eine sehr spezielle Art und Weise. Sie macht nicht nur den Krieg, sondern auch den wohl berühmteste Sohn der Stadt, Pablo Escobar, zu einer Touristenattraktion. Der legendäre Drogenbaron, der Medellín durch seine Gewalt- und Schreckensherrschaft ein brutales Image verpasste, ist dank der Netflix-Serie "Narcos" zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Stadt geworden. Zum zweiten Mal. Wie damals in den 80er- und 90er-Jahren, als Escobar von seiner Villa über den Hügeln der Stadt wie ein Feldherr seine Armee der Drogendealer befehligte. Er pumpte Millionen in die Stadt, in immer neue Immobilienprojekte. "El Patron" zahlte damals Prämien für jeden hingerichteten Polizisten, Staatsanwalt und Richter. Die Geißel der Gesetzlosigkeit, mit der er sein Schattenreich steuerte, durchwucherte die Stadt wie ein Krebsgeschwür, das jeden legalen Wirtschaftszweig zu ersticken drohte. Heute ist sein Anwesen über der Stadt verfallen.

Vor ein paar Jahren lag Escobar noch in einem schlichten Grab auf dem Friedhof in Itaqui. Ein kleiner weißer Grabstein, umrandet von grünem Rasen. Heute pilgern jeden Tag Dutzende Touristen und Serienfans zur neuen Ruhestätte, die einem König der Unterwelt gebührend aufgehübscht wurde. Die Wallfahrer verklären Escobar zu einem Helden, der er nie war. Schwarzer Marmor umrandet nun das große Grab, das die Touristenführer der Stadt täglich zielsicher ansteuern. Ein wenig sieht es mit seinem schwarzen Rahmen wie eine große Todesanzeige aus. Fast täglich legt irgendjemand ein paar frische rote Rosen dazu.

Auch wegen dieses Flirts mit der Geschichte des Krieges und der Drogenmafia ist Medellín inzwischen hipp. Franciso Rodriguez, der Straßenhändler, hat sich inzwischen ganz auf die internationalen Gäste eingestellt: "We have everything from Pablo", ruft er in gebrochenem Englisch. In den Händen hält er Raubkopien der Netflix-Serie, T-Shirts und Sticker. "Die Ausländer sind verrückt danach", erklärt er. Auch Rodriguez, ein drahtiger junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren, ist ein Gewinner des neuen Medellín. "Die Geschäfte laufen gut", grinst er. Inzwischen hat er sich sogar eine Escobar-Tätowierung stechen lassen: "Der Authentizität wegen."

"Ohne Titten kommst du nicht ins Paradies"

Dort, wo die letzte wirklich verheerende Bombe explodierte, servieren sie inzwischen Cocktails und Cappuccino. Im Parque Lleras, dem schmucken Ausgehviertel der Stadt, wurde vor gut zehn Jahren fast ein Dutzend Menschen von einer Autobombe zerfetzt. Es dauerte lange, bis sich der Platz von diesem Trauma erholte. Inzwischen ist er ein Laufsteg der Schönen und Reichen. Und während DJane Karin die Bässe brummen lässt, posieren Gäste für die digitale Ewigkeit.

Medellíns prominenteste DJane Karin Viviana Valeta steht für ein neues, modernes Bild der Stadt. (Foto: Privat)

"Medellín ist heute eine Stadt mit unglaublicher Lebendigkeit und Power", sagt Karin Viviana Valeta. Sie ist die wohl bekannteste DJane Medellíns und erlebt immer wieder, wie sich das Bild ihrer Heimatstadt im Bewusstsein der Welt verändert. Wenn sie im Ausland auftrat und erzählte, wo sie herkam, erntete sie noch vor ein paar Jahren nahezu stets mitleidiges Kopfschütteln. "'Ist es dort nicht zu gefährlich?', lautete die Standardfrage. Heute sagen die Menschen: 'Coole Stadt! Da bin ich auch schon gewesen!'"

Selbst in Miami und New York spricht sich herum, dass Antioquias Perle eine bemerkenswerte Klublandschaft zu bieten hat. Damit eng verwoben ist Medellíns inzwischen florierende Schönheitsindustrie. Mehr als 100 Kliniken werben um Kundinnen aus dem In- und Ausland. Auch dieser Kult ist ein Erbe der Drogen-Ära. Damals ließen sich die jungen Frauen aus den Armenvierteln operieren, um bessere Chancen bei den ökonomisch attraktiven Drogenbossen zu haben. "Ohne Titten kommst du nicht ins Paradies", heißt eine Telenovela über das Leben der Koks-Könige, die in Kolumbien zu den populärsten Fernsehsendungen zählt. Vielleicht ist der Drang zur Schönheit aber auch nur eine Reaktion auf die hässliche Zeit der Gewalt.

Kriminelle Energie, neu kanalisiert

Draußen vor der Stadt fressen sich zwei riesige Baggerungetüme in den Berghang und fördern Gestein und Schutt zutage. Wenn sie ihren enormen Appetit gestillt haben, dann wird die neue Verbindungstrasse zwischen dem Internationalen Flughafen José María Córdoba und dem Stadtzentrum zur pulsierenden neuen Verkehrsschlagader. "Tunnel des Orients" heißt das Projekt, das zugleich ein großes Versprechen ist: Nur noch eine gute Viertelstunde soll dann der Weg dauern. Vorbei ist es dann mit dem kurvenreichen Schaukelkurs durch die Berge, der so manchen Magen auf die Probe stellt und eine Stunde dauert. Im Jahr 2018 soll das Megaprojekt fertig sein.

Es ist eine weitere Etappe beim atemberaubenden Wiederaufstieg Medellíns, denn mit der neuen Infrastruktur wird der Standort noch interessanter für die Ansiedlung von Firmen und Projekten. Schon jetzt gilt die Stadt als Motor des kolumbianischen Aufschwungs. Die "Paisas", wie die Einwohner der Region heißen, gelten als besonders fleißig, diszipliniert und erfolgsorientiert. Auch deshalb konnte einst das Medellín-Kartell zum Global Player des Drogenhandels aufsteigen. Nun kanalisiert die Stadt ihre Energie in ein neues Leben, das sie vom alten schmutzigen Kapitel lösen soll. Der neue Bürgermeister Federico Gutiérrez, ein jugendlich wirkender Politiker mit ebenso jungem Kabinett, hat vor ein paar Tagen angekündigt, dass Medellín nun den nächsten Schritt machen soll. 2020, wenn seine Amtszeit zu Ende geht, soll sie eine der modernsten Städte Lateinamerikas sein. Pablo Escobar wäre dann 27 Jahre tot, der Krieg gegen die Farc vier Jahre vorbei. Es scheint zu funktionieren.

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