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Singularity University In 29 Jahren ändert sich alles für die Menschheit

Die Macher der Singularity University glauben, dass Technik die Probleme der Welt lösen wird. Ihr Chef sieht langfristig rosige Zeiten für die Menschheit. Für die Zeit bis dahin sieht er schwarz.

Wenn Rob Nail morgens zur Arbeit kommt, sieht er auf eines der größten frei stehenden Gebäude, die die Menschheit je gebaut hat: Einst wurden Luftschiffe in dem Hangar One auf dem Nasa-Gelände gebaut, auch ein "Star Trek"-Film wurde dort schon gedreht – heute forscht hier Google an den Robotern der Zukunft.

Der Nasa-Forschungspark ist genau das richtige Umfeld für die Singularity University, deren Chef Nail ist. Hier verbindet sich der alte Traum vom Griff nach den Sternen mit einer neuen Art von technologischer Utopie: die Lösung der Menschheitsprobleme mittels Technologie.

Nail ist Gesicht und Botschafter dieser Vision und zieht mit seinen Vorträgen über "exponentielle Technologien" Manager aus der ganzen Welt an. Auch Telekom-Chef Tim Höttges war schon da. "Rob Nail denkt, dass alles, was technisch möglich ist, auch gemacht wird. Gleichzeitig zeichnet ihn ein grenzenloser Optimismus aus", sagt der Telekom-Chef über den Chef der Singularity University. Die Reise ins kalifornische Technologie-Mekka können sich deutsche Unternehmensentscheider bald sparen: Am 20. und 21. April 2016 findet der "SingularityU Germany Summit" erstmals in Berlin statt.

Selbstfahrende Autos und künstliche Intelligenz

Google ist ein Gründungspartner dieser privaten Benefit Corporation – eine Sonderform im amerikanischen Gesellschaftsrecht, die eine Art kommerziell orientierter Wohltätigkeitsorganisation zulässt. Es handelt es sich um eine vielleicht einzigartige Schimäre aus Teilzeituniversität, Thinktank und Start-up-Investor.

Wer die University für ein Seminar besucht, kann in Mietskasernen auf dem Gelände übernachten, in denen in den 60er-Jahren echte Astronauten schliefen. "Man beschäftigt sich tagsüber mit all diesen Zukunftsthemen und schläft dann in diesen Räumen, in denen alles wie in den Sechzigern eingerichtet ist – samt der Kühlschränke, es ist irre", erzählt ein Seminarteilnehmer.

Heute richtet sich auf dem Gelände der Blick aber nicht mehr in die Sterne, sondern auf die Science-Fiction, die hier auf der Erde stattfindet: selbstfahrende Autos, künstliche Intelligenz, medizinischer Fortschritt und die digitale Revolution, die die Wirtschaft und jeden Teil der Gesellschaft nachhaltig verändert.

Menschheitseinschneidendes Ereignis

Der Name der Organisation spielt auf die sogenannte technologische Singularität an. Damit ist meist der Zeitpunkt gemeint, an dem künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz übersteigt. Dann könnte die von biologischen Körpern losgelöste Intelligenz nicht nur den Weltraum erobern, sondern auch selbst wiederum noch smartere künstliche Intelligenzen hervorbringen – der technische Fortschritt würde sich noch einmal in bisher nie da gewesener Weise beschleunigen.

Rob Nail gehört zu den Gründern der Singularity University. (Foto: Singularity University)

Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil, Mitbegründer der Singularity University, hat dieses menschheitseinschneidende Ereignis für 2045 vorausgesagt. "An einem bestimmten Punkt in der Zukunft wird dieser Umbruch so groß, dass alles, was wir tun, umgeworfen wird", sagt Singularity-University-Chef Nail. "Und danach ist es sehr schwierig zu sagen, wie die Welt aussehen wird."

Menschen sind gewohnt, linear zu denken: Auf A folgt B, und das führt zu C. Technologischer Fortschritt allerdings vollzieht sich nicht mehr linear – er schreitet vor allem im Digitalbereich mit exponentieller Geschwindigkeit voran. Technischer Fortschritt vollzieht sich explosionsartig.

Was exponentielle Technik ist, lässt sich vielleicht am einfachsten am sogenannten Mooreschen Gesetz erläutern, von dem viele schon einmal gehört haben: So wird die Prognose des Intel-Technikers Gordon Moore genannt, nach der sich die Anzahl der Transistoren auf Computerchips etwa alle zwei Jahre verdoppelt.

Exponentielles Wachstum bei Computerchips

Moore beschrieb damit exponentielles Wachstum – und was das bedeutet, macht eine alte Legende deutlich: Demnach erfand einst ein weiser Mann in Indien das Schachspiel und sollte dafür vom König belohnt werden. Sein Wunsch klang in den Ohren des Königs zunächst bescheiden: Er wolle mit Weizenkörnern belohnt werden – auf dem ersten Feld des Schachbretts ein Korn, auf dem zweiten zwei Körner, auf dem dritten vier und so weiter.

Der Wunsch ist keineswegs bescheiden, sondern unmöglich zu erfüllen: Rechnet man die exponentielle Funktion für ein Schachbrett mit 64 Feldern durch, ergibt sich eine Summe von etwa 18,45 Trillionen Weizenkörnern. Das liegt daran, dass die Summe mit jedem weiteren Feld nicht linear, sondern exponentiell wächst – ebenso wie die Anzahl der Transistoren auf einem Chip seit 1965 etwa alle zwei Jahre. Das erklärt, warum die halbe Welt Smartphones in der Tasche mit sich herumträgt, die vor 20 Jahren noch als Supercomputer gegolten hätten.

Nach Überzeugung von Nail und Kurzweil gilt das Prinzip des exponentiellen Wachstums nicht nur für Computerchips, sondern für eine ganze Reihe von Technologien – all jene, bei denen sich beispielsweise der Preis in regelmäßigen Abständen halbiert oder sich Kapazität beziehungsweise Performance verdoppelt. Dazu gehörten neben Computern und Netzwerken auch künstliche Intelligenz, Roboter, Nanotechnologien, digitale Produktionstechnik, Medizin, Neurowissenschaften und digitale Biologie.

Eine bessere Welt durch Technik?

Wann immer ein Forschungsfeld oder eine Technologie digitalisiert wird, im Falle der medizinischen Forschung zum Beispiel durch die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms, ist die Folge laut Kurzweil ein ähnliches Muster der exponentiellen Beschleunigung wie bei der Computertechnologie. "Für unsere kleinen Gehirne ist nur sehr schwer vorstellbar, was passieren wird", sagt Nail.

Er glaubt an eine bessere Welt durch Technik: "In zehn Jahren werden wir kostenlose Bildungswerkzeuge haben, die besser unterrichten als menschliche Lehrer", sagt Nail. Menschliche Lehrer würden dann in erster Linie noch für die Motivation und die Erklärung der Werkzeuge gebraucht. Durch autonome Autos würde langfristig viel Platz in den Städten frei, und dank Projekten von Google und Facebook habe in zehn Jahren jeder Mensch auf der Erde kostenlosen Zugang zum Internet.

Der Zugang zu fortschrittlicher medizinischer Versorgung werde zum Massenphänomen, glaubt Nail. Derzeit werde an günstiger mobiler Technik geforscht, die mehr als 50 Krankheiten besser erkenne als ein Arzt. "Dann hat man eine Art Arzt, der für jeden in jedem nigerianischen Dorf zugänglich ist."

Raymond McAuley, ein Biologe an der Singularity University, geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 die Kosten eines DNA-Tests auf einen Cent gefallen sind. Das würde das Erkennen von Krankheiten deutlich früher ermöglichen als zurzeit.

Menschen müssen langweilige Arbeit nicht mehr machen

Macht sich die Menschheit damit langfristig selbst überflüssig? Was Nail am stärksten umtreibt, ist die Frage, ob Gesellschaft, Politik und Wirtschaft mit den von ihm vorausgesagten technischen Umbrüchen umgehen können.

Denn innerhalb von 20 Jahren rechnet er damit, dass Maschinen jede körperliche Aufgabe besser erledigen als Menschen. Eigentlich ein Glücksfall für die Menschheit: Langweilige, anstrengende, gefährliche und seelenlose Arbeit muss nicht mehr von Menschen gemacht werden. "Langfristig werden wir einfach nur noch die Arbeit verrichten, auf die wir Lust haben", sagt Nail – nur der Weg dahin sei schwierig und möglicherweise mit unschönen Umbrüchen verbunden. "Das ist der Punkt, an dem ich langfristig sehr optimistisch bin, kurzfristig – für die kommenden 30 Jahre – aber sehr besorgt", sagt Nail. Alle diese technologischen Umbrüche könnten zu einer Welt des Überflusses führen, Politik und Wirtschaft seien aber noch auf eine Welt der Knappheit eingestellt.

Nail will universelles Grundeinkommen

Als Instrument schlägt Nail ein universelles Grundeinkommen vor – und ist auch hier langfristig kalifornisch-optimistisch: Die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, sei schon viel gemeinschaftlicher eingestellt.

Einen prominenten Mitstreiter für das Grundeinkommen hat Nail bereits gefunden – auch wenn der nicht zur Internetgeneration gehört: Telekom-Chef Höttges sagte im Interview mit der "Zeit" kürzlich über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens: "Es könnte eine Lösung sein – nicht heute, nicht morgen, aber in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat." Weil Wertschöpfung künftig immer stärker von Maschinen und weniger durch menschliche Arbeit entsteht, schlägt Höttges die Besteuerung der darauf basierenden Gewinne vor.

Doch ist technischer Fortschritt notwenigerweise mit sozialem Fortschritt verbunden? Nail ist überzeugt: "Über die letzten zehntausend Jahre hat Technologie der Menschheit immer nur genutzt – zumindest langfristig."

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