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Geld, Krankheit, Krieg? Die größten Ängste der Deutschen

Die "German Angst" ist im Ausland ein geflügeltes Wort: Doch vor was fürchtet sich Deutschland am meisten? Eine neue Umfrage zeigt: Vor allem eine Krise bereitet den Deutschen große Sorgen.

Die gern zitierte "German Angst" hat einen neuen Namen: Euro-Krise. Seit 20 Jahren haben sich die Deutschen nicht mehr so intensiv vor etwas gefürchtet wie vor der dicken Rechnung, die durch schwächelnde EU-Staaten auf den heimischen Steuerzahler zukommen könnte. Diese depressive Stimmung hat eine repräsentative Umfrage der R+V Versicherung zu den Ängsten der Deutschen herausgefiltert, die nun in Berlin vorgestellt wurde. Der Pessimismus hat für Politologen und Psychologen hierzulande aber einen guten deutschen Kern: knallharten Realismus in Sachen Finanzen.

Seit 1992 lässt die Versicherung jedes Jahr rund 2500 Deutsche ab 14 Jahren von Meinungsforschern zu ihren Sorgen und Ängsten befragen. Danach nahm die "German Angst" in den vergangenen Jahren tendenziell eher ab - und das Klischee vom leicht neurotischen deutschen Angsthasen geriet ins Wanken.

Deutscher Realismus

Nun zeigt sich ein gespaltenes Bild. Auf der einen Seite gibt es die tiefe Besorgnis über die Folgen der Euro-Krise und die Zukunft der Wirtschaftskraft Deutschlands. Befeuert wird sie noch von einem Misstrauen gegenüber den Politikern, die über die Hälfte der Deutschen (55 Prozent) inzwischen für überfordert hält. Noch deutlicher aber ist die Furcht (60 Prozent) vor einem zusätzlichen Missmanagement in Brüssel und EU-Beschlüssen zulasten Deutschlands - Stichwort Euro-Bonds oder Ankauf weiterer Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank.

Auf der anderen Seite zeigen die Deutschen eine viel größere Gelassenheit in persönlichen Fragen wie Jobsicherheit oder Krankheiten. Sie sehen es inzwischen so entspannt, dass es Versicherungen schon wieder blauäugig finden - zum Beispiel, wenn es um das Pflegerisiko von Angehörigen geht. Darüber macht sich trotz der wachsenden demografischen Schieflage nur knapp ein Viertel der Deutschen Sorgen. Experten werten das schlicht als Verdrängung.

Dass die Ängste um Wirtschaft, Finanzen und Politik alles andere überschatten, wundert Politologen wie Manfred Schmidt von der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität nicht. Für ihn spricht daraus ein gesunder deutscher Realismus, der sich auf Alltagserfahrungen stützt. Für die Angst vor Preissteigerungen, seit Jahren eine der größten Ängste der Deutschen, reicht der Blick an die Zapfsäule.

Der Wunsch nach wirtschaftlicher Stabilität sei in Deutschland stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern, erläuterte Schmidt. "Dahinter steckt eine intensive Angst vor Inflation." Diese Sorge sei auch historisch bedingt - durch lebendige Erinnerungen an die Hyperinflation der 1920er Jahre und die Währungsreform von 1948. Das Bewusstsein, dass ein solcher Schnitt vor allem Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen die Existenz vernichten kann, sei im Langzeitgedächtnis der Nation tief verwurzelt.

Furcht vor Arbeitslosigkeit

Viel nachhaltiger zumindest als zum Beispiel der 11. September 2001. Denn vor Krieg und Terror fürchten sich die Deutschen deutlich weniger als früher. Sogar die Angst vor Kriminalität rangiert mit 22 Prozent auf dem vorletzten Platz. Spannungen durch Ausländer macht dagegen 41 Prozent der Deutschen Angst. Experten sehen das auch als Folge von Schwerpunkten der Medienberichterstattung.

Aber warum treten persönliche Besorgnisse plötzlich so zurück, dass viel weniger Deutsche als früher Angst haben, ihren Job zu verlieren? Peter Walschburger, Psychologe an der Freien Universität Berlin, hält auch das für Realismus. "Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland sind ja wirklich spürbar gesunken", sagt er. Dazu komme ein Effekt, der "Selbststabilisierung" heiße: Für die eigene Psyche sei es besser, andere als bedroht zu betrachten als sich selbst. Deshalb liege die Furcht vor allgemeiner Arbeitslosigkeit mit 39 Prozent auch höher, als das eigene Risiko arbeitslos zu werden eingeschätzt wird (32 Prozent).

Kollektive Ängste einer Nation gibt es noch gar nicht lange. Sie stellten sich seit dem späten 19. Jahrhundert als Reaktionen auf die Bedrohungen einer modernen Welt ein. Doch beim Blick in die Zukunft unterscheiden sich die Deutschen von den optimistischeren Briten oder US-Amerikanern, sagt Walschburger. "Wir bleiben näher an der Wirklichkeit und neigen zu einer geringeren kollektiven Selbstüberschätzung unserer Leistungsfähigkeit", ergänzt er.

Im Ausland werde das oft als pessimistische Zögerlichkeit interpretiert. Selbst wenn die Deutschen am Ende triumphierend Recht behielten, nutze ihnen das wenig. Denn dann werde ihnen sofort Oberlehrer-Verhalten unterstellt. Und den Deutschen selbst verschaffe ihre realistische Haltung einen eher gedämpften Blick auf die Welt - was auch nicht wirklich glücklich macht. Für Walschburger lässt sich dieser Zweispalt am besten durch Balance lösen: zwischen einer optimistischen Weltsicht, die Unternehmungslust befördert - und einer Realismus-Bremse, die fatale Selbstüberschätzung verhindert.

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