Markus Beckedahl - Welt im Netz
Markus Beckedahl bloggt auf netzpolitik.org, ist Gründer der re:publica und schreibt Kolumnen für N24 Online
Markus Beckedahl bloggt seit 2003 auf netzpolitik.org über Politik im und für das Netz. Er ist Gründer und Partner der newthinking GmbH, sowie Gründer und Veranstalter der re:publica-Konferenzen. Er ist Mitglied im Medienrat der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg und war Mitglied in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages. Zusammen mit dem Journalisten Falk Lüke hat er das Buch "Die digitale Gesellschaft - Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage" im dtv-Verlag geschrieben. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorsitzender des Digitale Gesellschaft e.V. und als Sprecher für Creative Commons in Deutschland.
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Markus Beckedahl - Welt im Netz Chapeau vor Böhmermann und dem Stinkefinger

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist oft träge und langweilig, aber notwendig. Dass es auch anders geht, zeigt gerade Jan Böhmermann mit seinem Janis-Varoufakis-Fake-Fake.

Am Sonntag echauffierte sich Günther Jauch über einen Stinkefinger, den der heutige griechische Finanzminister Janis Varoufakis vor zwei Jahren uns Deutschen gezeigt haben soll. Varoufakis erklärte noch in der Sendung, dass das ein Fake sei und er niemals uns Deutschen einen Stinkefinger zeigen würde. Was ihm aber kaum jemand glaubte. Die Macht der Bilder eben.

Es folgten mehrere Tage voller Skandalisierung, vor allem durch die "Bild"-Zeitung, in Richtung Griechenland. Wenig wurde darüber gesprochen, dass der Ausschnitt, sofern er echt ist, möglicherweise aus dem Kontext gerissen wurde. Und Varoufakis zwar in einem Vortrag einen Stinkefinger gezeigt, aber nicht uns Deutsche damit gemeint haben könnte.

Gestern Abend platzte dann im Netz eine kleine Bombe. Der TV-Moderator Jan Böhmermann erklärte in einem YouTube-Video als Vorab-Ausschnitt seines "Neo Magazin Royale" auf ZDFneo und ZDF, dass seine Redaktion das Video gefälscht und den Stinkefinger eingebaut habe. Als Beleg wurde eine wahnsinnige Medienhack-Story präsentiert. Man habe in Zusammenarbeit mit dem kroatischen Festival, wo die Rede aufgezeichnet wurde, in eine neue Version des Videos den Stinkefinger eingebaut, und das dann in den deutschen Medien platziert. Übrigens mittels eines früheren Videos des "Neo Magazin Royale" in Form einer epischen selbstgeschriebenen Hymne auf Janis Varoufakis.

 

Ganz zum Schluss hieß es von Jan Böhmermann, eigentlich schon aufklärend: "Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach nur das Video aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen, damit sich Mutti und Vati am Sonntagabend nach dem Tatort nochmal schön aufregen können: 'Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg! Das gibt s ja wohl gar nicht! Wir sind hier die Chefs!' So. Das habt Ihr gemacht."

Es gibt selten Momente, in denen soziale Medien zur Abendstunde plötzlich so explodieren. Das Video tauchte überall auf und generierte innerhalb von zwölf Stunden bereits 400.000 Views. Vor allem gab es zwei Möglichkeiten, die zur Anschlussdiskussion einluden, was denn jetzt real sei und was Fälschung:

  1. Das "Neo Magazin Royale" hat es tatsächlich geschafft, diesen Stinkefinger aufwändig in deutschen Medien zu platzieren und dabei auch mit Varoufakis zu kooperieren (der einen Link zur Vollversion des Videos nach der Jauch-Sendung twitterte, wenn auch mit Anführungszeichen, die wiederum Spielraum für Interpretationen ließen). Wahlweise: Jemand anders hat den Stinkefinger manipuliert, Jauch ist darauf reingefallen und Jan Böhmermann hat den Fake nochmal gehackt. Als ein Fake-Fake.
  2. Der Stinkefinger ist echt, aber vollkommen aus dem Kontext gerissen. Durch die Inszenierung hacken die Macher des "Neo Magazin Royale" grandios die Debatte, indem sie mit dem Entstehen von Verschwörungstheorien und journalistischer Berichterstattung spielen, die die Ereignisse aus dem Kontext reißt, um ihre Argumentation zu unterfüttern. Dabei appelliert das "Neo"-Team mittels Medienkritik wiederum an die Medienkompetenz der Zuschauer nicht alles zu glauben, was man denkt zu sehen. Und alles zu hinterfragen.

Egal, welche der zwei Varianten jetzt der Realität entspricht (auch wenn die zweite die realistische sein dürfte und auch das ZDF mittlerweile dies mit Verweis auf Satire bestätigte): Diese zehn Minuten Fernsehbeitrag waren seit langem das Beste und Subversivste, was ich im ZDF mitbekommen habe. Ein Moment, der einer ganzen Mediendebatte grandios den Spiegel vorhält und einen Kontrapunkt setzt. Dabei Fernsehen und Netz vermischt. Und zum Nachdenken und Reflektieren einlädt, ob wir alles glauben sollen, was wir glauben zu sehen. So unterhaltsam kann die Verbindung aus Satire und Medienkompetenz sein.

Chapeau, Jan Böhmermann und Team.  

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