Markus Beckedahl - Welt im Netz
Markus Beckedahl bloggt auf netzpolitik.org, ist Gründer der re:publica und schreibt Kolumnen für N24 Online
Markus Beckedahl bloggt seit 2003 auf netzpolitik.org über Politik im und für das Netz. Er ist Gründer und Partner der newthinking GmbH, sowie Gründer und Veranstalter der re:publica-Konferenzen. Er ist Mitglied im Medienrat der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg und war Mitglied in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages. Zusammen mit dem Journalisten Falk Lüke hat er das Buch "Die digitale Gesellschaft - Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage" im dtv-Verlag geschrieben. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorsitzender des Digitale Gesellschaft e.V. und als Sprecher für Creative Commons in Deutschland.
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Markus Beckedahl - Welt im Netz Wenn Musikgeschmack plötzlich berechenbar ist

Musik aus dem Internet ist etwas Feines - eigentlich. Denn selbst Napster-Kunden der ersten Stunde haben Probleme mit den neuen Streaming-Diensten. Wie eine Schallplatte ein Teil der Lösung wird.

Eines meiner schönsten Erlebnisse in meiner frühen Internetzeit war das Entdecken von Napster. Ende der 90er war es eine Revolution für Musikhörer, mit der Software Napster erstmals Zugriff auf gefühlt alle Musik der Welt zu haben. Vorbei waren die Zeiten, als man in einer Warteschlange im Plattenladen stand, um auf einen freien Platz zum Durchhören von Platten oder CDs zu warten - die man wahlweise nach Cover oder Empfehlung ausgesucht hatte.

Mit Napster kam eine Suchmaske, die alle an das System angeschlossene Computer nach geteilter Musik untersuchte und die Ergebnisse aufbereitete. Ich holte mir sofort eine Flatrate. Man klickte sich von Computer zu Computer und stieß dabei auf viele neue Musik. Ich wühlte mich durch viele Lieder, sortierte die Schlechten aus und hörte die Guten durch.

Ich weiß nicht mehr, wie lange das gut ging, möglicherweise zwei Jahre. Dann war Napster tot geklagt und andere Tauschbörsen übernahmen dieselbe Aufgabe. Ich hätte auch für einen solchen Service bezahlt, nur war es damals nahezu unmöglich, für digitale Musik auch Geld auszugeben.

Fast zu gut, um wahr zu sein

Tauschbörsen wurden irgendwann erfolgreich bekämpft indem man die Abmahnindustrie schuf. Millionen Nutzer in Deutschland erhielten teure Abmahnungen und zogen weiter zu neuen illegalen Diensten der One-Klick-Hoster, wo es nicht mehr um das Teilen von Musik ging, sondern vor allem um das kostenlose Konsumieren. Andere fingen an, Musik als MP3s online zu kaufen. Das ging plötzlich - irgendwann sogar ohne nervigen Kopierschutz.

An Napster erinnerte mich zuletzt wieder als ich endlich mal einen Musikstreaming-Dienst ausprobierte, der Zugriff auf viele Millionen Lieder verspricht. Auch hier wieder eine Suchmaske, man tippt einen Künstlernamen ein und hat auf einmal Zugriff auf häufig alles, was ein Künstler jemals veröffentlicht hat. Man zahlt eine monatliche Gebühr und kann dann alles hören. Klingt fast zu gut um wahr zu sein.

Derzeit entdecke ich wieder viel neue Musik, vor allem durch die Algorithmen und Filter, die mir ähnliche Künstler empfehlen wie die, die ich gerade höre. Ein tolles Feature, das man noch von früher aus dem Plattenladen kennt: Wenn Du die magst, magst Du wahrscheinlich auch die hier.

Problem Nr. 1: Plötzlich manipulierbar

Aber hier sind wir auch schon beim ersten Problem. Irgendwo wird gespeichert, was ich wann höre. Irgendwer kann aus diesen Daten, vor allem im Vergleich zu allen anderen Nutzerdaten, mit Hilfe von Algorithmen sehr viel über mich und meine Stimmung herausfinden. Irgendwann wird es dann auch möglich sein, meine Stimmung unbemerkt zu manipulieren, Alleine durch die Vorauswahl, was man mir als nächstes zu Hören geben wird. Klingt nach Science Fiction, aber unter dem Stichwort Big Data werden solche Szenarien bereits diskutiert. Es ist leider nur noch eine Frage der Zeit.

Problem Nr. 2: Ohne Abo keine Playlist mehr

Ein anderes Argument gegen Streamingdienste ist, dass man Musik nur konsumiert und nicht besitzt. Nun hat man dank Urheberrecht zwar schon immer nur ein Nutzungsrecht in Form eines Tonträgers erworben und nicht ein Lied an sich. Aber die früher gekauften Platten und CDs stehen immer noch in meinem Regal, ich musste sie nicht zurückgeben. Dafür endet der Zugriff auf meinen Service, wenn ich kommenden Monat keine Nutzungsgebühren mehr bezahle.

Meine ganze neu in Playlisten sortierte Musikauswahl ist dann wieder weg, es sei denn, ich schmeiße Geld nach. Das schafft einen Login-Effekt, denn je länger ich einen Dienst nutze, um so weniger bin ich bereit, aus Bequemlichkeit zur Konkurrenz zu gehen. Wo ich dann meine Lieblingsmusik wieder aufwändig in Playlists sortieren müsste.

Momentan versuche ich mich davon noch etwas zu befreien. Ich nutze den Dienst vor allem, um neue Musik zu entdecken. Das funktioniert grandios und macht fast schon süchtig. Die besten Sachen kaufe ich mir, wenn möglich, als Schallplatte. Und die steht dann in meinem Regal und kann jederzeit abgespielt werden, auch wenn ich den Streamingdienst nicht mehr nutze.

Richtig modern ist das zwar nicht, aber dafür verbinde ich meine alte und neue Musikwelt ein wenig besser. Und mein Musikgeschmack bleibt nicht ganz so berechenbar. 

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