Blogrebellen - Remixing Culture
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"Remixing Culture" lautet die Kolumne und das Motto der Blogrebellen. Seit 2007 bloggen die Berliner meinungsstark über kulturelle, politische und gesellschaftliche Themen. Die Stärke der Blogrebellen ist ihre Vielseitigkeit, die sich durch die kulturell unterschiedlichen Hintergründe der Autoren und deren Skills und Themenaffinitäten erklärt. Remixing Culture eben.
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Eine Meinung der Blogrebellen Sami Slimani, der nette "Snapchat-Kidnapper" von nebenan?

Eltern hämmern ihren Kindern immer ein, dass sie nicht zu Erwachsenen ins Auto steigen sollen, nur weil diese Ihnen Süßigkeiten versprechen! Doch "Entführer" lauern heute auch auf dem Smartphone. 

Die Eltern von heute Heranwachsenden wären gut damit beraten, ihren Kindern auch zu erklären, wer sie medial kidnappen und ausnehmen möchte… und das sind in althergebrachter Wolf-im-Schafspelz-Manier genau die, von denen es die Kinder am wenigsten erwarten…

Die Zauberformel des Teenager-Ripping scheint etwa folgendermaßen auszusehen: Man nehme ein frisch entstandenes Medium/Geschäftsmodell, das das erwachsene Establishment noch nicht so richtig versteht und locke die Jugendlichen mit exakt auf sie zugeschnittenen Inhalten/Themen/Figuren in die Kostenfalle. Die Hexe sitzt dabei immer gut versteckt in einem dunklen Eckchen des Lebkuchenhauses.

Die Hexe im Lebkuchenhaus. Knusper knusper kneischen.

Vor 10-15 Jahren waren es Schnappi das Krokodil und der Crazy Frog, die den Teenies oder ihren Eltern mit damals völlig neuartigen Klingelton-Abo-Schweinereien das Geld aus der Tasche zogen. Die Mobilfunkrechnung überstieg schneller die zweistelligen Euro-Regionen, als die Kinder „polyphon“ sagen konnten.

Ähnlich funktioniert das System (mittlerweile schon seit mehreren Jahren) mit den knuffigen Angry Birds, Candy Crush und anderen „Kinder“-Spielen, die es scheinbar umsonst im App-Store gibt. Bis die In-App-Käufe-Kostenfalle zuschlägt.

Die aktuell verlockendsten Cinnamon-Caramel-Latte-Lebkuchenhäuschen werden von supersüßen Youtube-Stars bewohnt und kindgerecht gestaltet. Und zwar parallel zu ihrer Youtube-Präsenz auch auf Snapchat. Frei nach dem Motto:

„Sind die anderen Medien zu reguliert, wirbt es sich auf Snapchat gänzlich ungeniert!“
Blogrebellen

Alles so schön ungeregelt hier

Im Fernsehen weisen „Dauerwerbesendung“-Einblendungen oder „Werbung“-Einspieler auf kommerzielle, nicht-redaktionelle Inhalte hin. In der Zeitung wird Werbung eindeutig markiert. Für Werber lohnt sich dementsprechend ein Umsteuern: Von TV&Print hin zu neuen Ufern. Welcome to the jungle!

Blogs markieren bezahlte Inhalte mittlerweile relativ eindeutig. Bei Youtube wird die Lage schon undurchsichtiger. Welche Kosmetikprodukte nutzen Bibi&Dagi&Co wirklich, weil sie ihren samtweichen Teenie-Gesichtshäuten schmeicheln und welche der Lotions werden lobend erwähnt, weil den Stars Umsonst-Produktproben und finanzielle Zuwendungen ins Haus flatterten? Welche der 6-Euro-Kaffeespezialitäten im Pappbecher halten die Idole der Teenies aus echter, naiver Markenbegeisterung in die Linse ihrer Kamera und für welches Product Placement gab es Bakschisch?

Anfang 2014 wurde das Thema nicht gekennzeichneter Produktplatzierungen in Youtube-Videos kurzfristig medial beleuchtet. Mediakraft (die Agenturheimat der meisten großen Youtube Stars in Deutschland) beteuerte, man kennzeichne Videos mit Product Placement eindeutig. Laut Report Mainz leitete die Bezirksregierung Mittelfranken ein Prüfverfahren ein - dann wurde es wieder still um die Causa Schleichwerbung bei Youtube.  Thema ausgelutscht. Problem weiterhin ungelöst. Eindeutige Kennzeichnung von bezahlten Produktplatzierungen bleibt die Ausnahme, Wildwuchs die Regel.

Enter Snapchat: Jeder Youtuber, der was auf sich hält, kommuniziert mit seinen Fans zusätzlich noch auf Snapchat: Scheinbar noch mehr „uncensored & uncut“ als auf Youtube. Scheinbar superauthentisch und total echt.

Snapchat-LogoWas ist Snapchat?

Das ist dieses Medium, das eigentlich kaum ein Erwachsener so richtig versteht. Ein paar Ü30-„irgendwas-mit-Medien“-Menschen versuchen, das Phänomen auch für Snapchat-Abstinenzler greifbar zu machen – zumeist erfolglos. Einen weiteren Versuch sparen wir uns hier. Wichtig im Zusammenhang mit unregulierter Werbung: Wegen der kurzen Halbwertszeit sämtlicher Inhalte (die Bilder und max. 10 Sekunden langen Videos der Youtube Stars lassen sich nur maximal 24h lang ansehen und verschwinden danach für immer) wird auf Schnitt und Qualitätskontrolle – ganz im Gegensatz zur durchprofessionalisierten Qualität auf Youtube – gänzlich verzichtet. Es entsteht ein scheinbar authentischeres, unverfälschtes Bild der Stars, das den Fans und damit der potenziellen Käuferschaft eine kumpelhafte oder sogar vertraulich freundschaftliche Nähe suggeriert.

 
 

Oh wow, ich bin so stolz auf euch!

Sami Slimani - der diese Woche seinen 27. Geburtstag feiern wird und somit seinen meisten Fans mindestens ein Jahrzehnt Lebenserfahrung voraus hat - fällt durch besonders professionalisiertes Ausnutzen dieser Strategie auf: Als Verfolger seines täglichen Snapchat-Outputs hat man es zumeist mit einem herrlich-süß beschämt agierenden Jugendlichen zu tun, der sich ganz schrecklich verwundbar und niedlich inszeniert. Aus dem immer selben Blickwinkel zeigt er die Schokoladenseite seines Gesichts leicht errötet beim Mitsingen irgendwelcher aktueller Pop-Hymnen. Ab und zu kommen Freundinnen, Freunde und Familie ihn in seiner im schwedischen Stil eingerichteten Wohnung mit starkem Weißstich besuchen. Alle Protagonisten der entstehenden Videos sehen aus, wie frisch aus einem aktuellen Jugendmode-Lookbook oder Frisörkatalog gehüpft. Selbst die ab und zu anwesenden Hunde.

Sami Slimani macht auf schüchtern und unsicher, wenn er mit top geschminkten Freundinnen Snapchat-Filter ausprobiert. Seine melodische, freundliche, unsicher daherkommende Stimme hüpft über Oktaven hinweg wie ein Lamm über eine frisch erblühte Frühlingswiese, wenn er von Dingen erzählt, die seine Welt bewegen: "Soooo coole Fanpost."; "Voll schöne Kommentare" unter seinem neuesten Youtube-Videos. "So krass viel positive Rückmeldungen" zu seiner neuen Homepage.

Egozentrisch und selbstbezogen sind diese Gefühlsausbrüche nur auf den ersten Blick. Denn natürlich sind all diese Aussagen grandios gutes Feedback für seine Fans: Teenager, die sich weder in der Schule noch zuhause von ihren Eltern verstanden fühlen. Teenager, die sich unsicher sind, wer auf ihrer Seite ist. Teenager, die eine Schulter suchen, auf der man sich auch mal ausweinen kann. Und genau diese Schultern bietet Sami Slimani an. Für die Länge eines Tweets oder eines Snaps:

 

Scheinbar. Denn natürlich betreibt Sami Slimani auf Youtube und auf Snapchat überwiegend Frontalunterhaltung und hat logischerweise keine Zeit für Einzeltherapiesitzungen mit seinen AnhängerInnen. Die Rechnung geht trotzdem auf: Auf Youtube wünscht Sami sich „Daumen hoch“ oder „Kommis“ (=Kommentare), auf Snapchat „Screenshots“ (im Grunde die einzige Möglichkeit, auf Snapchat mit Stars der Sami-Größenordnung zu kommunizieren).

 

So weit, so einwandfrei. Good old Vertrauensmissbrauch, wie ihn Teenie-Idole auch schon vor Youtube betrieben – über vorgedruckte Autogrammkarten, Fanclub-Rundbriefe, BRAVO, MTVIVA, Facebook und Konsorten.

Schöne, neue Werbewelt: Schon gekauft?

Sami Slimani ist sehr aktiv auf Snapchat. Viele seiner Snaps dienen der eigenen Positionierung, seiner Selbstinszenierung. Aber je nach aktueller Auftragslage und Promophase mischt sich alle 5-10 Videos/Bilder eine teils erschreckend explizite Forderung zum Kauf irgendwelcher Produkte in den Medienmix.

Natürlich vorgetragen im gewohnten Sami-Stil: Verletzlich-beschämt-unschuldig.

Sami Slimani auf Snapchat "Ohrwurm - schon gekauft?" (Foto: Screenshot von Snapchat)

In den letzten Wochen gab’s überwiegend Werbung für seine neue Webseite, seine Videos, für die „angesagte Beauty-, Fashion- und Lifestyle-Messe GLOW“ (Zitat Glow-Homepage) etc. Organisiert wird die Messe übrigens von der NVC Conventions GmbH, die sich ihren Geschäftssitz mit der Slimani GbR teilt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Was wird wohl erst auf seine JüngerInnen zukommen, wenn Peek und Cloppenburg demnächst seine eigene Sami-Slimani-Kollektion in die Regale schaufelt?

Das Ausmaß der auf die Fans zukommenden Promo-Lawine dürfte alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen – selbst seine Snapchat-Dauer-Werbesendung für die Single seiner Schwester (und Youtube-Star-Kollegin) Lamiya Slimani. Am Release-Tag der Single gab es alle Nase lang explizite Kaufaufrufe, z.B. „ey Leute, kauft euch bitte bitte bitte alle die Single, oh wow, das wäre so geil, wenn wir Lamiya auf die Eins bringen“. Die Frequenz der Werbung für den Song ist seitdem zwar gesunken – die Eindeutigkeit und Eindringlichkeit nicht wirklich.
Und was bekommt man für ein paar mal „I love you so much“ und „wow, ich freu‘ mich so, schaut mal, hier ist meine Schwester auf iTunes“ von Sami Slimani auf Snapchat?

 

Und damit ist klar, dass die Aufgabe, sich um die Gefahren dieses neuen Phänomens, nennen wir es „mediales Kidnapping“, mal wieder an denen hängen bleibt, die am wenigsten mit dem ganzen Kram anfangen können: LehrerInnen und Eltern. Viel Spaß bei der Beschäftigung mit Youtube-Stars auf Snapchat. Und passen Sie auf, dass Sie Sami mit seiner Masche nicht schneller in sein Lebkuchenhaus lockt als Sie „ich weiß gar nicht was ihr habt, das ist doch ein total lieber Kerl“ sagen können.


Mehr von den Blogrebellen auf www.blogrebellen.de.

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