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O!Rasche schaut drauf Was ist denn bitte die Alternative zum Gutmenschen?!

Unwort des Jahres ist Gutmensch. Es soll naive, weltfremde Menschen diffamieren. Und doch fühlt sich unser Autor als Gutmensch sauwohl - denn wenn er sich die andere Seite anschaut, kriegt er Angst.

Wie jedes Jahr saß ich vor Aufregung zitternd vor dem Radio. Kartoffelchips rekelten sich lasziv und gleichmäßig verteilt um mich herum auf der Couch; ein kühles Bier vor mir auf dem Tisch sang lockend seine sprudelnde Melodie wie einst die holde Loreley. Endlich war es soweit – gleich würden sie das Unwort des Jahres verkünden. Diesmal musste es klappen, diesmal musste es endlich "vegetarisch" werden. Oder wenigstens "Sperrstunde" oder "Frühschicht". Aber wieder nix. Diesmal ist es "Gutmensch" geworden. Und das ist ja mal ein Kampfbegriff. Sagt Wikipedia – und die wissen alles. Sagt Google. Und die haben immer Recht. Sagt mein PC.

Jedenfalls ist Gutmensch ein böser, böser Begriff. Wer ihn verwendet, will seine Gegner damit als naiv und weltfremd verhöhnen. Offenbar ist es dabei völlig wumpe, dass ein Gutmensch es ja zumindest gut meinen muss, denn er handelt ja aus guten Motiven – ist nur vermeintlich zu grün hinter den Ohren, um zu kapieren, dass "wir schaffen das" eben nicht stimmt.

Was ist denn die Alternative?

Okay, ich penne gerne lang, daher ja auch meine allabendliche kulinarische Vorbereitung auf möglichen, wochenlangen Winterschlaf – aber so lange, dass ich den Moment verpasst habe, von dem an es unsexy war, es nicht völlig egal zu finden, ob um mich herum Menschen in Turnhallen und winterlichen Zeltlagern trostlos vegetieren? Was ist denn die Alternative? Nicht naiv und keine guten Absichten?

Klar, wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz und wer es mit 40 noch immer ist, hat kein Hirn, ist ja so. Andererseits ist Goethe nach heutigen Maßstäben ungefähr 340 Jahre alt geworden – und der fand bis zu seinem Ende, der Mensch solle edel sein, hilfreich und gut. Und der war Wahl-Thüringer! Das Land, das im Gegensatz zum Kamel ihres Vertrauens nur einen Höcker hat. Und der ist schon schlimm genug. Und wenn er das Gegenteil von Gutmensch ist, dann will ich zwei Gutmenschen sein.

Einziges Problem: Die Düsseldorfer "Punk"-Band (mein Lieblingswitz: "Düsseldorfer Punkband"! Klingt wie friesische Quasselstrippe) Die Toten Hosen hat sich tatsächlich jüngst den Begriff "Gutmensch" schützen lassen, um T-Shirts mit dieser Aufschrift an die Bierbäuche ihrer transpirierenden Kundschaft zu bringen. Komisch, warum gerade dieses Wort? Ich hätte gewettet, wenn die Toten Hosen mal ein Wort schützen lassen, dann "Pseudo". Oder "Schlager"? "Arriviert"? Egal, ich will trotzdem ein Gutmensch sein. Denn wenn ich meine wohlmeinende Naivität aufgebe, bin ich am Ende noch besorgt. Und renne mit anderen besorgten Leidensgenossen durch sächsische Vorstädte. Und wo soll ich dafür jetzt auf die Schnelle die ballonseidene Trainingsanzuguniform herbekommen?!

Steinreiche Bayern im steinreichen Katar

Und doch gebe ich zu, man kann seine Seele auch dem abgrundtief Bösen überschreiben und damit offenbar gut leben. Das zeigt uns der FC Bayern schließlich mit jovialer Penetranz. Jetzt waren sie im arabischen Raum unterwegs, um ihre Luxusmuskeln für den Frühlingsspaziergang namens Rückrunde leicht anzuwärmen. Trainingslager in Katar. Und das gab schon skurrile Bilder, als die Bayern zwischen den Einheimischen aufliefen. Einerseits diese verschlossenen, steinreichen, leicht albern bekleideten Männer einer uns völlig fremden Kultur – andererseits die Leute aus Katar.

Und wer jetzt kritisiert, dass der deutsche Rekordmeister ein Regime durch Besuch ehrt, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wie es sonst nur Müller mit der Lederkugel macht, der kann froh sein, dass das Wetter in Nordkorea derzeit für ein Trainingslager nicht beständig genug ist. Trotzdem gratuliere ich natürlich schon mal zur Meisterschaft. Wo feiert ihr die jetzt eigentlich immer jedes Jahr mit euren echten Fans, wo es doch keine Telefonzellen mehr gibt?

Gutes zu tun und dabei das absolute Gegenteil eines Gutmenschen zu sein – wie das geht, hat uns Snape gezeigt. Der dunkle Professor aus "Harry Potter". Vom jetzt verstorbenen und entschieden zu früh gegangenen Alan Rickman in den Filmen so perfekt ölig, fies und schmutzig verkörpert, dass die Figur stärker und wichtiger wurde als in den originalen Vorlagen. Genial, wann war ein misanthropischer Unsympath jemals liebenswerter? Und wir verlieren sie langsam alle: Bowie, Lemmy, Mentzel, Rickman – was für einen kranken, genialen Quatsch planen die da oben? Sterben bitte jetzt bis auf Weiteres verboten, ja? Okay, ist naiv, aber lieb gemeint. Gutmensch eben.

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