Philipp Köster - Leben mit Sport
Philipp Köster ist Herausgeber und Chefredakteur des Magazins für Fußball-Kultur "11 Freunde" und schreibt Kolumnen für N24 Online.
Philipp Köster, geboren 1972, ist Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde". Und: Autor zahlreicher Bücher zum Thema "Fußball". Außerdem: 2010 als "Sportjournalist des Jahres" ausgezeichnet. Vor allem aber: Anhänger des Zweitligisten Arminia Bielefeld. 
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Philipp Köster - Leben mit Sport Verzweifelt wie nie

Mehr Verzweiflung war nie beim ruhmreichen Sportverein: Der Hamburger SV feuert seinen Trainer und zwingt seinen Sportdirektor in eine Doppelfunktion. Welchen Sinn macht das? 

Das ganze Elend des Hamburger SV lässt sich in einer Zahl ausdrücken. 11. Exakt soviele Trainer hat nämlich der ruhmreiche HSV in den letzten fünf Jahren verschlissen, darunter waren Koryphäen wie Bert van Marwijk und Newcomer wie Joe Zinnbauer, junge Talente wie Michael Oenning und alte Hasen wie Mirko Slomka. Keiner dieser Trainer bekam die Möglichkeit, eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zu formen, keiner dieser Trainer vermochte es aber auch, mit dem bestehenden Personal dem Klub den ewigen Abstiegskampf in der Bundesliga zu ersparen.

Dass die Trainer also allenfalls eine Teilschuld an der ganzen Misere trifft, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Vielfach ist bereits analysiert worden, welche strukturellen Fehlentwicklungen in den letzten Jahren beim HSV aufeinandertrafen: Ein zerstrittener und auf persönliche Eitelkeiten fokussierter Aufsichtsrat. Eine immense Verschuldung und die daraus resultierende Abhängigkeit von Geldgebern wie dem exzentrischen Milliardär Kühne. Eine tiefgreifende sportliche Konzeptlosigkeit,die sich in uneffektiven und überteuerten Transfers manifestiert. Und eine behäbige Spielanlage, die in Zeiten rasanter technischer Entwicklungen heute mehr denn je als antiquiert gelten muss.

Paderborn oder HSV, beides blau

All das hat dazu geführt, dass der Hamburger SV in seiner derzeitigen Verfassung neben dem ebenfalls orientierungslos dahintaumelnden SC Paderborn als logischer Abstiegskandidat gelten muss. An diesem Wochenende kam dann einiges zusammen: Dass und wie das vorher als Endspiel apostrophierte Heimspiel gegen Hertha BSC verloren wurde, hatte bei den Verantwortlichen bereits den Entschluss reifen lassen, die kurze Amtszeit Zinnbauers zu beenden. Die strikte Vermeidung eines Bekenntnis zum Coach durch Sportdirektor Knäbel sprach bereits Bände.

Vielleicht ahnte Knäbel auch schon, dass es am Ende auf ihn zulaufen würde. Dass am Samstag obendrein die beiden bisher ebenfalls notorisch schwächelnden Konkurrenten Freiburg und Stuttgart jeweils durch kämpferische Kraftakte gewannen, beschleunigte dann die Dinge nochmals.

Erstaunlich ist die Entlassung dennoch. Aus zwei Gründen: Erstens findet sich rund um den Volkspark niemand, der Zinnbauer fachliche Fehler oder mangelnden Einsatz vorwirft. Die Eloge des Vorstandsvorsitzenden Beiersdorfer auf den geschassten Coach ("große Leidenschaft und maximales Engagement verschrieben") spricht Bände. Er hat zwar wie seine Vorgänger das eklatante Offensivproblem der Mannschaft nicht in den Griff bekommen, aber das ist ein Problem der Spielanlage - siehe oben. Und zweitens ist bemerkenswert, dass der Trainerjob beim HSV renommierte Übungsleiter, zumal in einer solch prekären Situation, inzwischen offenbar nur noch mäßig interessiert. Anders ist die Doppelfunktion, in der Sportdirektor Knäbel nun agiert, nicht erklärbar.

Schachzug mit Risiko-Faktor

Dieser Schachzug ist riskant, weil er beide Effekte, auf die ein Klub bei einem Trainerwechsel setzt, von vorneherein ausschließt. Der erste Effekt ist eher kurzfristig, nämlich ein Stimmungswandel in der Mannschaft. Ein neuer Übungsleiter setzt neue Akzente, gibt Bankdrückern neue Chancen, erneuert das Training und suggeriert mit alldem eine Art Neuanfang. In manchen Mannschaften setzt so etwas neue Kräfte frei. Beim Konkurrenten Hertha BSC ist dieser Effekt unter Pal Dardai gut zu beobachten – die Mannschaft spielt nicht besser oder schöner, wirkt aber gefestigter und kompakter. Knäbel hingegen ist ein altbekanntes, eingeführtes Gesicht. Ein Überraschungseffekt wird sich schwer herstellen lassen.

Das gilt auch für den zweiten Effekt, der taktische und spielerische Sofortmaßnahmen betrifft, die der Mannschaft eine verlässlichere Statik und mehr Sicherheit geben. Knäbel ist seit Oktober 2014 "Direktor Profifußball" beim Hamburger SV, was Beiersdorfer argumentieren ließ, Knäbel kenne "die Mannschaft und die Umstände am besten". Ein vergiftetes Kompliment, angesichts der derzeitigen sportlichen Bilanz, die Knäbel mit zu verantworten hat. Man könnte nun nämlich fragen: Welche Innovationen sollen dem Team nun weiterhelfen, die Knäbel nicht schon früher hätte initiieren können?

Natürlich ist diese Lösung ein Notbehelf und eine Übergangslösung, damit ein namhafter Coach im Sommer unbelastet seinen Job antreten kann. Blöd nur, dass dessen Jobprofil dann womöglich Auswärtsfahren nach Sandhausen und Heidenheim beinhaltet.

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