Philipp Köster - Leben mit Sport
Philipp Köster ist Herausgeber und Chefredakteur des Magazins für Fußball-Kultur "11 Freunde" und schreibt Kolumnen für N24 Online.
Philipp Köster, geboren 1972, ist Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde". Und: Autor zahlreicher Bücher zum Thema "Fußball". Außerdem: 2010 als "Sportjournalist des Jahres" ausgezeichnet. Vor allem aber: Anhänger des Zweitligisten Arminia Bielefeld. 
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Philipp Köster - Leben mit Sport Max Kruse und der 75.000-Euro-Wahnsinn

Der Fall Max Kruse zeigt, wie sehr sich der Profifußball zu einer bizarren Parallelwelt entwickelt hat. Können junge Kicker-Profis im Entertainment-Betrieb Fußball überhaupt noch normal sein?

75.000 Euro. Im Taxi verloren. Vom Profifußballer Max Kruse. Die Geschichte des Nationalspielers, der am Abend eines Bundesligaspiels von Wolfsburg nach Berlin fuhr und dort unter noch nicht restlos geklärten Umständen 75.000 Euro im Taxi vergaß, scheint ein grelles Schlaglicht auf den Umstand zu werfen, dass heutige Fußballprofis fernab der Lebenswelt normaler Menschen leben. Denn eine solche Summe, die mal eben auf der Sitzbank einer Droschke liegen gelassen wurde, wird hierzulande gerade einmal von 10 Prozent der arbeitenden Bevölkerung verdient – im Jahr.

Diese Kluft zwischen den Lebenswelten rief dann auch erwartbar rasch die Klubspitze auf den Plan, die nicht nur eine Geldstrafe verhängte, sondern in Gestalt von Klaus Allofs auch noch mahnte: "Wir haben ihm erklärt, welches Verhalten wir von unseren Spielern erwarten. Ich kann nur hoffen, dass es für ihn eine Lehre ist und dass er sein Verhalten etwas ändert." Das klangt nicht sonderlich optimistisch, was womöglich damit zu tun hat, dass Kruses Neigung zu PS-starken Autos und finanziell üppig ausgestatteten Pokerabenden landesweit bekannt ist.

Vielleicht hat Allofs aber auch ganz kurz mal darüber nachgedacht, dass es womöglich ein wenig albern ist, von jungen Profis zu erwarten, dass sie sich in einer völlig durchgeknallten Welt trotzdem einigermaßen normal verhalten. Max Kruse ist nämlich einer jener Profis, die in eine Szenerie hineinwachsen, in der viele absurde Dinge als völlig normal angesehen werden. Etwa, dass bereits vierzehnjährige Jungs von Beratern meistbietend feilgeboten werden. Oder dass Milchbärte mit 20 Bundesligaspielen als legitime Messi-Nachfolger gehandelt werden. Oder dass kein Spiel von Mesut Özil soviel Aufmerksamkeit auf Facebook hervorruft wie Fotos des Arsenal-Stars mit seiner aktuellen Freundin.

Frühere Kickergenerationen ließen es weitaus heftiger krachen

Angesichts des ganzen Wahnsinns, der aus dem Profifußball inzwischen einen globalen Entertainment-Betrieb gemacht hat, ist es erstaunlich, wie diszipliniert das Gros der Profis ihrem Job nachgeht und sich die Extravaganzen der jungen Fußballer  in der Regel auf sündhaft teure Autos, schicke Klamotten und lächerlich große Kopfhörer beschränken. Man muss nicht in alten Fußballbüchern stöbern, um zu wissen, dass es frühere Kickergenerationen weitaus heftiger krachen ließen. Wobei sich die Spieler damals auch darauf verlassen konnte, dass die Eskapaden nicht ans Licht der Öffentlichkeit geraten würden. Die Prominenz der Fußballer und die damit  einhergehende ständige öffentliche Beobachtung ist die Kehrseite der stolzen Gehälter und des überragenden Stellenwerts, die der Fußball heute besitzt.

Angesichts all dessen verwundert es nicht besonders, dass es manchen Profis schwer fällt, etwa die Bedeutung von Geld für normale Menschen einzuschätzen. Wenn es an nichts mangelt, wenn es immer alles umsonst gibt, wenn zuverlässig jeden Monat Unsummen auf dem Konto landen, warum sollten dann 75.000 Euro eine Summe sein, auf die man so gut aufpasst, dass man sie eben nicht im Auto vergisst? Kruse wird eine solche Haltung von sich weisen, er hat anschließend ja auch Anzeige erstattet. Und er wird womöglich auch gar nicht recht erkennen wollen, was genau er eigentlich falsch gemacht hat.

Um nicht missverstanden zu werden: Es ist richtig, dass der VfL Wolfsburg das Verhalten von Kruse sanktioniert und das auch öffentlich macht. Denn gerade in der Autostadt haben sie auf tragische Weise erfahren, was passieren kann, wenn jungen Spielern keine Grenzen aufgezeigt werden. Der Unfalltod des jungen Junior Malanda im Winter letzten Jahres durch überhöhte Geschwindigkeit war die traurige Konsequenz jugendlicher Sorglosigkeit, die auch dadurch entsteht, dass jungen Spielern alle Hürden aus dem Weg geräumt werden.

Aber wir sollten schon einmal darüber nachdenken, ob wir nur über das Fehlverhalten von Spielern diskutieren sollten. Ohne zugleich über die bisweilen bizarren Rahmenbedingungen, unter denen sie ihrem Job nachgehen.

 

 

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