Der ewige Zweite

Frust-Disput mit Bierhoff

Allen tat er Leid. Michael Ballack scheiterte einmal mehr an einem Finale. In einem Disput mit Oliver Bierhoff entlud sich der ganze Frust des 31-Jährigen.

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So sehen (gute) Verlierer aus: Nach der Finalniederlage gegen Spanien bedankt sich Kapitän Ballack bei den Fans im Stadion (Bild vom 29.06.2008).
Das müssen auch Deutschlandfans neidlos anerkennen: Spanien ist Europameister. Verdient - wegen des modernen Offensivfußballs, den die Iberer über drei Wochen hinweg pflegten ...
... und wegen ihrer bärenstarken Offensivabteilung. Torschützenkönig David Villa (vier Tore, im Bild) und seine Stürmerkollegen Fernando Torres und Daniel Güiza (je zwei Tore) steuerten acht von elf im Spiel erzielten Treffern bei.
Die Spanien auch top wegen ihrer kleinen Dribbler im Mittelfeld, die nicht nur die deutsche Elf schwindelig spielten. "Tiqui taca" nennen die Spanier ihr filigranes Kurzpassspiel. Hier veräppelt Xavi Konstantin Zyryanov im Halbfinale gegen Russland.
Aber auch andere Fußballnationen begeisterten. Die Türken etwa - weil sie den mit Abstand leidenschaftlichsten Trainer hatten ...
... und mit Last-Minute-Toren - hier feiert Semih eines von ihnen im Viertelfinale gegen Kroatien - bis ins Halbfinale vorstießen. Hut ab!
Hut ab auch vor den türkischen Fans. Als die Türkei im Halbfinale von Deutschland gestoppt wurde, ...
... feierten die in Deutschland lebenden Türken einfach mit. Ganz, ganz groß!
Bei aller Kritik: Großartiges hatte auch die deutsche Elf zu bieten. Etwa diesen jungen Mann, Bastian Schweinsteiger (beim Feiern nach dem Finaleinzug), ...
... der mit seiner roten Karte im Vorrundenspiel gegen Kroatien zunächst der Sündenbock war.
Doch er machte alles wieder gut. Mit einem Tor und zwei Vorlagen war er einer der Schlüsselspieler beim Sieg gegen Portugal, den wenige für möglich gehalten hatten.
Eine Renaissance feierte diese Verbindung: Poldi & Schweini sind zurück!
Und auch das war wieder da: Schwarz-rot-geile Stimmung bei jedem Spiel. Zum Finale kamen alleine auf die Fan-Meile in Berlin 600.000 Menschen. Fast wie 2006!
Immer wieder Thema während der EM: Die Kanzlerin. Treuer Fan, ...
... mütterliche Freundin ...
... und Trösterin der Nation.
Doch blicken wir noch einmal über den deutschen Tellerrand. Sportlich zwar schwach, bestachen die Gastgeberländer Österreich und Schweiz durch ihre Gastfreundschaft.
Und was waren das für Spiele: Tore en masse, wenig Langeweile. Ein Fest des Offensivfußballs! Schuld daran unter anderen die Holländer, ausgeschieden im Viertelfinale gegen ...
... Russland - auch so ein Angriffsteam.
Überhaupt die Russen: Was Trainer-Import Guus Hiddink aus der jungen Mannschaft gemacht hat, ist aller Ehren wert.
Dass dieses US-Duo zu einem Sieger der EM werden würden, hatte zuvor wohl niemand gedacht. "The White Stripes" lieferten mit ihrem fünf Jahre alten Song "Seven Nation Army" DEN Soundtrack zur Euro 2008.
In diesem Sinne: "Baa-babababa-baaa-ba". Nach der EM ist vor der WM. Vielleicht klappt's dann ja auch mit dem Titel.
"Angela Merkel feiert die Tore wie jemand, der nicht gewohnt ist, das zu tun - sie ist ja auch Fan von Energie Cottbus", schrieb die spanische Sporttageszeitung AS über die Bundeskanzlerin.
"Ja, jetzt würde der Trainer Frings den Spieler Frings aufstellen." Nach seinem Rippenbruch musste Nationalspieler Torsten Frings das Halbfinale gegen die Türkei von der Bank aus verfolgen.
"Ein Rippenbruch ist schon schlimmer als eine Tätowierung", meinte der mit Tatoos verzierte Torsten Frings auf die Frage, was mehr schmerzt.
Kroatiens Trainer Slaven Bilic verwies nach dem 1:0-Sieg beim Auftaktspiel gegen Polen auf Folgendes: "Wisst Ihr, wann wir das letzte Mal bei einer Europameisterschaft gewonnen haben? Da hat die Hälfte von euch noch einen Schnuller im Mund gehabt."
Griechenlands Trainer Otto Rehhagel meinte vor dem Spiel gegen Schweden: "Ich habe mich mit der schwedischen Mannschaft schon 1958 beschäftigt, als Pele sein erstes Tor geschossen hat."
Völlig entnervt zeigte sich ARD-Experte Günter Netzer in der Halbzeitpause des Vorrundenspiels Griechenland – Schweden: "Es ist ja so furchtbar, es ist ja so furchtbar!"
"Das Gelb, das ich nicht mag, ist grelles Gelb. Das war mehr Senfgelb", so Spaniens Nationaltrainer Luis Aragones auf die Frage, ob er nach dem 3:0 gegen Russland das gelbe Auswärtstrikot immer noch hasse.
Vor dem Halbfinale gegen die Türkei meinte Franz Beckenbauer: "Wir Münchner sagen ja: Never change a winning team!"
Als Nationaltrainer von Aserbaidschan sagte Berti Voigt über EM-Halbfinalist Russland: "Die Russen laufen schneller rückwärts als meine Spieler vorwärts.“
"Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft", so Michael Ballack über die Tatsache, dass er bei der EM der schnellste deutsche Spieler ist.
"Der Verdienst Italiens war es, die Gegner gezwungen zu haben, 120 Minuten lang unter ihrem Niveau zu spielen", schrieb die Zeitung La Repubblica über das EM-Viertelfinale Spanien-Italien.
"Gegen die Türkei darfst du erst aufhören zu spielen, wenn deren Spieler im Bus sitzen", warnte Bayer Leverkusens Ex-Manager Reiner Calmund vor dem Halbfinalspiel.
"Ich sage immer: Oberhalb der Gürtellinie, also mental, sind die Deutschen sehr stark, unterhalb lediglich normal." (Polens Fußball-Ikone Zbigniew Boniek)
"Man muss einer Kuh zu trinken geben, wenn man sie melken will, das ist eine alte volkswirtschaftliche Wahrheit." Dies war die Antwort von DFB-Präsident Theo Zwanziger als er zum Kostenaufwand für die Nationalmannschaft befragt wurde.
Für Lothar Mathäus war seine Aufgabe als EM-Experte bei Eurosport auch eine Berg-Tour: "Obwohl es im Alpenraum viele Berge gibt, möchte ich mit meiner Meinung nicht hinter selbigem halten."
"Immerhin bleibt die Schneefallgrenze so hoch, dass davon der EM-Spielbetrieb nicht negativ beeinflusst werden sollte. Selbst hoch geschlagene Flanken sollten noch ohne Vereisung des Balles im Strafraum ankommen", so der Deutsche Wetterdienst.
"Es gibt einige Sachen, die wir besser hätten machen können. Die Torchancen nutzen und dem Schiedsrichter eine Brille kaufen", so der enttäuschte französische Nationaltrainer Raymond Domenech nach dem 1:4 gegen die Niederlande.
Teammanager Oliver Bierhoff meinte nach dem Familienbesuch im deutschen Mannschaftshotel: "Ich stelle immer fest, dass die Spieler früher im Bett sind, wenn die Frauen im Hotel sind."
Der späte deutsche Siegtreffer beim 3:2-Halbfinalspiel gegen die Türkei veranlasste Jens Lehmann zu folgenden Kommentar: "Wir waren vielleicht heute die besseren Türken, die selber nicht damit gerechnet haben, dass wir diesmal zurückkommen."
Genau! Auch bei der EM 2008 in Wien begruben die Spanier die Titelträume des Capitano. Deutschland unterlag Spanien im Finale mit 0:1.
Nur ein paar Wochen war es damals her, dass er mit dem FC Chelsea das Champions-League-Finale 2008 gegen Manchester United verlor.
Mehr als die Teilnehmermedaille konnte er nicht mit nach Hause nehmen - Ballack war tief enttäuscht.
Es war schon ein ManU-Trauma, das er mit Chelsea in der damaligen Saison erlebte. Auch die Meisterschaft 2008 in der englischen Premier League verpasste Chelsea knapp. Den Titel feierte Manchester.
Verlorenes Champions-League-Finale: Das kam Michael Ballack (hier mit Trainer Klaus Toppmöller) schon bekannt vor. Bereits 2002 war er mit Bayer Leverkusen nur zweiter Sieger im Endspiel gegen Real Madrid.
Auch damals musste er bedröppelt aus dem Stadion schleichen.
Das WM-Turnier 2002: Ballack sah bereits in der Vorrunde gegen Kamerun Rot...
... erreichte mit Deutschland aber später das Finale gegen Brasilien. Dieses fand aber ohne Ballack statt - nach dem Halbfinale gegen Südkorea (im Bild) war er fürs Finale gesperrt.
Wieder ein Platz auf der Bank: Vor dem WM-Eröffnungsspiel 2006 sorgte sich ganz Deutschland um die "Wade der Nation". Ballack musste im Auftaktmatch gegen Costa Rica verletzt passen.
Mit einem großen Finale wurde es für Ballack aber auch 2006 nichts. Deutschland schied gegen Italien im Halbfinale aus, ...
... Michael Ballack konnte es nicht fassen. Wieder war ein großer Traum geplatzt.
Video: "Einfach nur traurig" - Reaktionen der deutschen Fans
Video: EM-Impressionen - Nach der EM ist vor der WM
Video: Faire Verlierer - Deutsche Fans feiern den Vizemeister

Im Licht der Welt-Öffentlichkeit bewahrte Michael Ballack lange Haltung, doch abseits der jubelnden Spanier brach es dann aus dem ewigen Zweiten heraus. In einem Disput mit Oliver Bierhoff entlud sich der ganze Frust des 31-Jährigen, der wieder einmal zur tragischen Figur wurde. Als Ballack nach seiner erneuten Final-Pleite einfach nur in die Kabine verschwinden wollte, schickte der DFB-Manager die Spieler mit zwei "Danke"-Transparenten in die Fankurve und bekam dafür einen harschen Rüffel vom Kapitän. Der bedankte sich danach ohne Banner mit zahlreichen Handschlägen direkt bei den mitleidenden Anhängern.

Allen tat er leid

Bis zum "kleinen Disput" (Bierhoff) mit dem Funktionär hatte Ballack im Moment einer neuerlichen schweren Niederlage Größe bewiesen. Durch das Spalier der Spanier war er zur Ehrung des EM-Zweiten mit Haltung marschiert, hatte auch deren Trainer Luis Aragones zum EM-Titel gratuliert. Und als er dann, gezeichnet wie ein Boxer, am silbern glänzenden Pokal vorbeischritt, fühlten auch die Fußball- und Staatsgrößen mit. Kanzlerin Angela Merkel legte dem deutschen Kapitän fast schon liebevoll die Hand auf die Schulter, Präsident Horst Köhler gab dem Mittelfeldspieler einen aufmunternden Klaps und UEFA-Chef Michel Platini nahm den Kopf des 31-Jährigen wie den eines kleinen Jungen in seine Hände - allen tat er leid.

Wieder einmal nur Zweiter, und das zum zehnten Mal in seiner trotzdem erfolgreichen Karriere. Ballack bleibt der Unvollendete. Nach dem 0:1 in Wien fügte sich der 87-malige Nationalspieler in sein Schicksal. Mit den Händen an der Hüfte starrte der DFB-Leader gebannt auf die Siegerehrung der spanischen Europameister und wusste: Auf dem Weg zum großen internationalen Titel läuft ihm die Zeit davon.

Vater und Freundin fieberten mit

Die Niederlage traf ihn aber nicht so hart wie die im Champions-League-Finale vor 39 Tagen, als er nach dem Elfmeter-K.o. mit dem FC Chelsea noch schluchzend auf dem Spielfeld zusammengesunken war. Tränen flossen diesmal auf dem Platz keine. Dafür aber Blut. Nicht nur die rätselhafte Wadenblessur, die einen Einsatz des Kapitäns lange gefährdet hatte, musste er verkraften. Nach einem Zusammenstoß mit Marcos Senna zog er sich auch eine Platzwunde am rechten Auge zu. Auf der Tribüne litten Ballacks Freundin Simone und Vater Stephan mit und mussten mit ansehen, wie sich ihr Michael vergeblich aufbäumte.

Mit Fassung trug Ballack dennoch den erneuten Tiefschlag. "Wenn man ins Finale kommt, kann man stolz sein. Die Mannschaft hat Großartiges geleistet, da kann man auch einen ordentlichen Abschied feiern", betonte Ballack. Doch die Mitspieler wussten, wie es wirklich in ihrem Anführer aussah. "Für ihn ist es noch schlimmer, wenn man schon einige Finals gespielt hat", berichtete Verteidiger Arne Friedrich aus der Kabine. Und Oldie Jens Lehmann stellte fest: "Wenn man so ein Finale verliert, dann bleibt die Enttäuschung ein Leben lang bestehen. Das lässt sich nicht mehr gutmachen."

Letzte Chance 2010

Wegstecken konnte Ballack die großen Niederlagen bislang gut - nur irgendwann würde er für die Nehmerqualitäten auch gerne einmal den Lohn einstreichen. Zur DFB-Kapitäns-Elite mit Fritz Walter, Lothar Matthäus oder Franz Beckenbauer zählt er schon lange, aber einen Titel kann er im Gegensatz zu den anderen Größen nicht vorweisen. "Ich habe Michael Ballack gesagt, dass wir wohl noch ein wenig warten müssen, bis wir ganz doll feiern können", verriet Angela Merkel den Inhalt der kurzen Ansprache an den ersten Nationalmannschafts-Repräsentanten. 2010 wird wohl die letzte Chance sein.

Ballack selbst wird das tiefe Verlangen nach dem WM-Titel jedenfalls noch mehr antreiben. Schon bei der EM rannte er so viele Kilometer wie kein anderer Spieler: 67,77. Eine Pause hat er sich redlich verdient. "Jetzt sind wir erstmal enttäuscht, fahren in den Urlaub und konzentrieren uns auf nächstes Jahr."

(dpa, N24)

30.06.2008 12:54 Uhr

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