Erdogan sichert Hilfe zu

PKK-Spitze distanziert sich von Geiselnahme

Türkeis Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Angela Merkel verprochen, sich für die deutschen PKK-Geiseln einzusetzen. Die PKK-Spitze bezeichnete die Aktion als "Einzelinitiative".

Die drei deutschen Geiseln der kurdischen Rebellenorganisation PKK sind nach einem Medienbericht wohlauf. Das berichtete ZDF-"heute" und berief sich auf eine Erklärung der "Führung der PKK-Rebellen". Deutschland solle die Türkei auffordern, ihre Kampfeinsätze in der osttürkischen Region zu stoppen, hieß es demnach weiter in der Erklärung.

Die PKK-Spitze hat sich demzufolge von der Geiselnahme distanziert und dafür eine "Eigeninitiative der Provinzkommandatur" verantwortlich gemacht. Die Kurdenpartei wolle selbst, dass die drei deutschen Ararat-Bergsteiger "gesund und sicher zu ihren Familien zurückkehren" können.

Türkei sichert Hilfe zu

Indes haben fünf Tage nach der Entführung Deutschland und die Türkei auf höchster Ebene engen Schulterschluss zur Lösung des Geiseldramas demonstriert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vereinbarten am Sonntag am Rande des EU-Mittelmeer-Gipfels in Paris eine intensive Zusammenarbeit, um eine schnelle Freilassung der drei Bayern zu erreichen. Über die wachsende Gefahr von Geiselnahmen durch die kurdische PKK in der Türkei waren deutsche Behörden bereits vor der Entführung der Bergsteiger informiert, berichtet "Der Spiegel". Auch das Schicksal von zwei in Nigeria festgehaltenen Geiseln war am Sonntag noch ungewiss.

Erdogan versicherte nach Angaben der deutschen Delegation in Paris, seine Regierung werde alles tun, damit die Deutschen in der Osttürkei "schnell und unversehrt" freikommen. Zuvor hatte bereits Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit seinem türkischen Kollegen Ali Babacan über die Geiselnahme beraten. Merkel appellierte an die Entführer, die Geiseln "umgehend und unversehrt freizulassen". Erneut machte sie aber deutlich, dass sich die Bundesregierung nicht erpressen lasse. Ähnlich äußerte sich Steinmeier (SPD) in Paris. Neue Informationen zu dem Fall habe er nicht. Eine sechsköpfige deutsche Delegation, zu der zwei Polizisten gehören, nahm nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Gespräche mit dem Gouverneur der osttürkischen Provinz Agri und lokalen Militärs auf.

Der "Spiegel" berichtete, der Exekutivrat der Vereinigten Gemeinschaften Kurdistans - nach dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan so etwas wie die zweithöchste Instanz im Kampf der Kurden - habe Ende Juni die Bundesregierung aufgefordert, ihre "feindliche Politik gegen das kurdische Volk und seine Befreiungsbewegung" aufzugeben. Kurz darauf habe die türkische Polizei dem BKA gemeldet, unter den Kurden im Land herrsche Unruhe - es könne zu Anschlägen und Entführungen kommen. Innenstaatssekretär August Hanning habe solche Hinweise bestätigt. Das BKA habe dann am 2. Juli die Innenministerien der Länder per Fernschreiben informiert, heißt es im Bericht weiter.

Laut "Tagesspiegel am Sonntag" wurde auch das Auswärtige Amt informiert. Tatsächlich gab es an den beiden folgenden Tagen Reisewarnungen für insgesamt vier südosttürkische Provinzen heraus. Die nicht daran angrenzende Provinz Agri, wo die Bergsteiger entführt wurden, nahm das Außenamt erst nach der Geiselnahme am 9. Juli in seine Reisewarnungen auf. Vorher habe es dafür keinen Anlass gegeben, erläuterte Steinmeier am Rande eines Besuchs in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Entführer verlangen von der Bundesregierung eine Erklärung, dass Deutschland seine"«feindliche Politik gegenüber dem kurdischen Volk und der PKK" aufgibt. Sie beziehen sich wohl auf ein vor rund drei Wochen erlassenes Betätigungsverbot gegen den kurdischen Sender Roj-TV. Die in Europa und den USA als Terrororganisation eingestufte PKK ist in Deutschland seit 1993 verboten.

Neue Gefahrenlage?

Staatssekretär Hanning wurde vom "Spiegel" mit den Worten zitiert: «"Wir müssen uns möglicherweise auch im Inland auf eine neue Gefahrenlage einstellen." Ein Sprecher des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen, wo besonders viele Kurden leben, verwies aber darauf, dass die Kurden in seinem Land in den vergangenen Jahren gewaltfrei für ihre Politik eingetreten seien. "Wir haben keine Anzeichen, dass diese Linie geändert wird." Ein kurdisches Sport- und Kulturfest mit rund 5.000 Teilnehmern blieb störungsfrei. Das vereinzelte Zeigen verbotener Symbole wurde nach Polizeiangaben von Ordnern des Veranstalters unterbunden.

Die zehn Tour-Kameraden der entführten Bergsteiger kehrten am späten Freitagabend nach Bayern zurück. Am Münchner Flughafen wurden sie abgeschirmt und unter Polizeischutz vermutlich zu ihren Wohnorten gebracht. Sie sollten schnellstmöglich vernommen werden. Einzelheiten dazu wurden am Wochenende nicht mitgeteilt.

Steinmeier bestätigt Entführungen

Bei den beiden in Nigeria verschleppten Deutschen handelt es sich nach Angaben des Mannheimer Baukonzerns Bilfinger Berger um Ingenieure des Tochterunternehmens Julius Berger Nigeria. Steinmeier hatte diese Entführung bestätigt. Informationen, dass sich das Tochterunternehmen nun aus Nigeria zurückzieht, wurden von einem Konzernsprecher nicht bestätigt. Bereits im März war ein Mitarbeiter der Firma in der Gegend - Port Harcourt im ölreichen Niger-Delta - entführt, aber nach zwölf Stunden freigelassen worden.

(ap, N24)

11.07.2008 13:33 Uhr

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