Olympia-Tagebuch
Ich bin glücklich
N24-Reporter Steffen Schwarzkopf berichtet aus China von den Olympischen Spielen. Im Olympia-Tagebuch schreibt er über seine ganz persönlichen Erlebnisse beim Sportereignis des Jahres.
Ich bin glücklich. Gut, ein bisschen erschöpft und verschwitzt bin ich auch, aber sonst schlagen die Endorphine in meinem Körper geradezu Purzelbäume. Ich blicke nach rechts und meinen Kollegen Rüdiger an; auch er trägt ein leicht entrücktes Lächeln im Gesicht. Wir haben es nämlich gerade geschafft, ein Taxi zu erobern. Ein echtes. Mit vier Rädern, Lenkrad und einem Fahrer. Danach sah es lange Zeit nicht aus.
Kurz nach Mitternacht waren der Rüdi und ich aus unserem Büro am Nationalstadion gewankt. Die Augenlider schwer, der Rücken schmerzte, und wenn ich nicht ohnehin kaum noch Haare hätte, wären sie mir in den vergangenen 15 Stunden wahrscheinlich mehrfach ausgefallen. Ich hatte ja, glaube ich, schon mal erwähnt, dass wir hier meistens ein bisschen mehr zu tun haben als die geneigten Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Aber lassen wir das. Was ich eigentlich sagen wollte: Wir zwei sind ganz schön im Eimer und wollen nur noch schnell zurück ins Hotel. Leider gestaltet sich das etwas schwieriger als gedacht, was vor allem daran liegt, dass gefühlte zwei Milliarden Chinesen jetzt ebenfalls nach Hause wollen. Wo die auf einmal alle herkommen, weiß ich auch nicht. Im Olympiastadion war gar kein Wettkampf – trotzdem ist halb Peking genau hier unterwegs, dazwischen immer wieder ein paar verzweifelte Langnasen.
Rüdi und ich entscheiden uns deshalb gleich für einen raffinierten Trick: Wir gehen auf die andere Straßenseite und lauern dort einem Taxi auf. Das ist zwar nicht die Richtung, in die wir wollen, könnte aber unsere Heimfahrtchancen deutlich erhöhen. So von 1:100.0000 auf 1:10.000. Immerhin.
Nach zehn Minuten Dastehens und Wartens sind wir von unserer Idee nicht mehr ganz so überzeugt. Deshalb legen wir noch einen drauf. Wir gehen den Taxis entgegen. Was das bringen soll, wissen wir zwar auch nicht so genau, schaden kann es aber auch nicht.
Und wir sollen Recht behalten. Es schadet wirklich nicht. Nach Hause kommen wir trotzdem nicht.
Während unseres Marsches treffen wir immer wieder auf menschliche Überreste am Straßenrand. Zusammengesunken auf dem Bordstein kauernd, manche schlafen, andere sind vielleicht auch schon tot. Wahrscheinlich sitzen sie da schon ein paar Tage. Aber so kriegen sie bestimmt kein Taxi. Allerdings schwindet auch unsere Zuversicht nach einer halben Stunde. Von den gelb-grünen Autos sind zwar ganze Legionen unterwegs – nur leider sind sie alle besetzt und rauschen in einem Höllentempo an uns vorbei. Da hilft alles winken und schreien nicht.
Dann aber geschieht das Wunder: Ein Wagen hält keine 50 Meter von uns entfernt, offensichtlich will jemand aussteigen. Rüdi und ich verlieren kein Wort und tun beide das gleiche: Wir sprinten los - so gut das mit Stativ, Kamera und zwei Laptops in der Hand eben geht.
Leider sprinten wir nicht allein; es entwickelt sich ein harter Wettkampf zwischen einem weißhaarigen Chinesen mit Rauschebart, einem äußerst beleibten Glatzkopf und einer schwangeren Frau mit zwei Kindern. Der Rauschebart scheidet als erster aus, weil er aus einem nicht ersichtlichen Grund ins Straucheln gerät und stürzt. Ob das was mit Rüdis klug angesetztem Bodycheck zu tun hat, kann ich nicht sagen. Ich glaube aber nicht.
Sorgen macht mir die Schwangere; sie ist erstaunlich fix unterwegs. Der Dicke verliert Gott sei Dank den Anschluß. Ich versuche, die Frau mit den Kindern auszubremsen, um so meinem Kollegen freie Bahn zu verschaffen. Die zwei kleinen Mädchen kann ich blocken, nur die Frau Mama nicht, weil sie mich mit einer geschickten Körpertäuschung reinlegt.
Das Finish ist atemberaubend: Wahrscheinlich muß die Zeitlupe darüber Aufschluß geben, wer zuerst das Taxi erreicht hat. Ist aber eigentlich auch egal, weil der Herr Taxifahrer offenbar Feierabend macht. Er fährt einfach ab. Ohne Frau, ohne Kinder, ohne uns und ohne Glatzkopf. Vom Rauschebart gar nicht erst zu reden.
Wir wandern weiter. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und da einige zehntausend unser grauenhaftes Schicksal teilen, ist es so klein, dass es schon fast nicht mehr zu spüren ist. 1 Uhr ist inzwischen durch – und gerade, als ich überlege, ob wir einfach wieder ins Büro zurücklaufen und dort schlafen sollen, hat der liebe Gott ein Einsehen: Direkt vor unserer Nase hält ein Taxi, eine Langnase steigt aus, die Konkurrenz ist viel zu weit weg – und wir sitzen auf der Rückbank.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl; ein klitzekleines Bisschen wird es dadurch getrübt, dass der Taxifahrer nicht versteht, wo wir hinwollen. Er spricht kein englisch, wir kein chinesisch, auch die Adresse auf unserer Hotelkarte sagt ihm nichts, aber egal. Er fährt los, mit offenbar unbestimmtem Ziel. Nach Hause geht´s hier jedenfalls nicht. Aber das macht nichts. Wir sitzen drinnen – alle anderen sind draußen. Wir sind glücklich.
(N24)
04.08.2008 18:21 Uhr






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