"Wilde Spekulation"

Physiker Wilfried Buchmüller im Interview

Mit dem neuen CERN-Projekt verbinden sich auch Ängste, etwa die vor Schwarzen Löchern, die die Erde verschlucken könnten. Der Physiker Wilfried Buchmüller hält das jedoch für pure Phantasterei.

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Ängste zu schüren, hät er für "unverantwortlich": Der Hamburger Physiker Wilfried Buchmüller
Video: Urknall-Entschlüsselung - Am Telefon: Prof. Braun-Munzinger, Physiker
Bühne frei für den "Big Bang": Wissenschaftler simulieren wieder an der schweizer Forschungseinrichtung CERN den Urknall.
Das CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) bei Genf ist das größte physikalische Forschungszentrum der Welt. Unter anderem wurde dort bereits das World Wide Web erfunden.
Mit der größten Maschine der Welt, dem Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider), gehen die Forscher jetzt auf die Jagd nach der Dunklen Materie, dem Nicht-Stoff aus dem Schwarze Löcher "bestehen".
Das LHC ist ein 27 Kilometer langer Ringtunnel tief im schweizer Boden. In dem minus 271,3 Grad kalten Vakuum der Metallröhre werden Wasserstoff-Atomkerne auf die Reise geschickt.
Jede Sekunde drehen diese so genannten Protonen in entgegengesetzten Richtungen 11.245 Runden in dem unterirdischen Ring und legen dabei jeweils 299.780 Kilometer zurück.
Mit beinahe Lichtgeschwindigkeit rasen sie aufeinander zu und erzeugen 600 Millionen Mal pro Sekunde einen "Mini-Urknall", bei dem es 100.000 Mal heißer wird als im Zentrum der Sonne.
Der LHC ist in jeder Hinsicht rekordverdächtig. Er hat die europäischen Steuerzahler etwa drei Milliarden Euro gekostet. Während des Betriebs verdoppelt er locker den Strombedarf der benachbarten Stadt Genf.
Die Physiker des CERN erwarten vom LHC Erkenntnisse zur Dunklen Materie, zur Entstehung von Masse und zur Entwicklung des Universums.
Gegner des LHC befürchten unkontrollierbare Reaktionen bis hin zu einem Weltuntergang durch außer Kontrolle geratene Schwarze Löcher. Mehrere Klagen blieben jedoch erfolglos.
Die Physiker weisen die Bedenken zurück. Die erzeugten Schwarzen Löcher seien mikroskopisch klein und daher ungefährlich. Der Weltuntergang wird wohl abgesagt.
Ab sofort öffnet sich hingegen, fast nebenan, "ein Fenster ins Dunkle Universum", so CERN-Chef Rolf-Dieter Heuer. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.
Am 4. Oktober 1957 schoss die Sowjetunion den Satelliten Sputnik 1 ins Weltall. Die piepsenden Funksignale konnten auf der ganzen Welt empfangen werden.
Am 3. November des gleichen Jahres schoss das kommunistische Land mit der Hündin Laika das erste Lebewesen ins All. Die Sowjetunion war mit beeindruckenden Erfolgen ins Rennen um die Vorherrschaft im All gestartet.
Aufgeschreckt von der technologischen Macht der Kommunisten ging die US-Regierung in die Aufholjagd. Am 29. Juli 1958 unterzeichnete der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower den "National Aeronautics and Space Act".
Es war die Geburtsstunde der NASA. Mit einem, für damalige Verhältnisse, beeindruckenden Budget von 80 Millionen Dollar und 8.000 Mitarbeitern nahm die Weltraumagentur im Oktober 1958 ihre Arbeit auf.
Nach dem "tierischen Erfolg" der Russen wollte die NASA gleich einen Menschen ins All schicken und begann mit dem Mercury-Programm. Doch erneut kam ihnen der Gegner zuvor. Am 12. April 1961 absolvierte Juri Gagarin seinen Raumflug um die Erde.
Der Amerikaner Alan B. Shepard kam wenige Wochen später als zweiter Mensch ins Weltall. Mit dem Apollo-Programm ging die NASA Anfang der 1960er Jahre in die Vollen und bereitete eine Mondlandemission vor.
Während des Apollo-Programms kam es zum bis dahin schwersten Unglück in der NASA-Geschichte. An Bord von Apollo 1 brach während eines Bodentests ein Feuer aus und tötete alle drei Astronauten.
Am 16. Juli 1969 gelang der NASA das Unglaubliche, die erste Landung von Menschen auf dem Mond. Legendär wurden Neil Armstrongs erste Worte auf dem Mond: "That's one small step for man, one giant leap for mankind."
Fünfmal kehrte die NASA mit Astronauten auf den Mond zurück, zuletzt mit der Besatzung von Apollo 17 am 7. Dezember 1972. Die Weltraumbehörde hatte den Zenit des Erfolges erreicht und die Sowjetunion technologisch überholt.
Am 14. Mai 1973 brachte die USA mit dem Skylab auch die erste Raumstation ins All. Skylab war jedoch nur für wenige Monate besetzt und verglühte nach sechs Jahren in der Erdatmosphäre.
Ein weiterer Meilenstein für die NASA war die Entwicklung der Space Shuttles in den 1970er Jahren. Am 12. April 1981 flog mit der Columbia erstmals ein wiederverwendbarer Raumgleiter ins All.
Zweimal kam es bei Shuttle-Missionen zu tragischen Unglücken. Am 28. Januar 1986 explodierte die Raumfähre Challenger während des Starts. Am 1. Februar 2003 brach die Raumfähre Columbia während des Landemanövers auseinander.
Trotz der beiden Unglücke ist das Shuttle-Programm ein großer Erfolg. Bis heute werden die Raumfähren etwa zur Versorgung der ISS eingesetzt. Dennoch sind ihre Tage gezählt. Die NASA sucht längst nach moderneren und billigeren Alternativen.
Seit Anfang der 1960er Jahre schickte die NASA auch zahlreiche unbemannte Sonden und Satelliten ins All, um Daten über die Erde, das Sonnensystem und andere Galaxien zu sammeln. Waren dies Anfangs einfache Vorbeiflugsonden wie die Mariner
so wurden diese im Laufe der Zeit immer komplexer. Sonden wie Pioneer (Jupiter, 1972), Viking (Mars, 1976), Galileo (Jupiter, 1989) oder Pathfinder (Mars, 1996) flogen an Planeten vorbei oder landeten auf ihnen.
Zudem schickte die NASA zur Weltraumforschung zahlreiche Teleskope ins All, darunter OAO (1972), COBE (1989), Hubble (1990) und Spitzer (2003).
Einen für Jedermann erfahrbaren praktischen Zweck erfüllen die seit 1990 gestarteten NAVSTAR-Satelliten. Sie ermöglichen die Positionsbestimmung an jedem Punkt der Welt und damit die Funktion der so genannten Navis für Autos, Schiffe oder Flugzeuge.
Obwohl die NASA zurzeit fast 20.000 Mitarbeiter beschäftigt und über ein Jahresbudget von 19 Milliarden Dollar verfügt, stößt sie seit jeher immer wieder an Ressourcengrenzen, muss Projekte zusammenstreichen oder ganz einstellen.
Dennoch hat die Weltraumbehörde auch für die Zukunft ehrgeizige Pläne. Bis 2024 soll auf dem Mond eine dauerhaft besetzte Basis aufgebaut werden. 2037 sollen erstmals Menschen die Marsoberfläche betreten.
Man darf gespannt sein, was die US-Weltraumbehörde in den nächsten 50 Jahren wirklich schafft. Betrachtet man die Erfolge der Vergangenheit, könnte dies eine Menge sein. Happy Birthday NASA!
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Für die einen könnte das jüngste CERN-Projekt Segen bedeuten, die anderen wittern einen Fluch. So versuchte eine private Initiative sogar, den weltgrößten Teilchenbeschleuniger LHC durch eine Beschwerde beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg zu stoppen - ohne Erfolg. Die Initiative fürchtete, die Anlage am Teilchenforschungszentrum CERN bei Genf könnte Schwarze Löcher erzeugen, die einmal die Erde verschlucken.

Im "Large Hadron Collider" (LHC) sollen Atomkerne mit bislang unerreichter Energie kollidieren, um neue Aspekte der Natur zu offenbaren. Damit Ängste zu schüren, sei "unverantwortlich", sagt indes der theoretische Physiker Prof. Wilfried Buchmüller vom Deutschen Elektronen- Synchrotron (DESY) in Hamburg im Interview.

Herr Buchmüller, wird der LHC die Erde in einem Schwarzen Loch versenken?

Buchmüller: Das ist eine wilde Spekulation. Am LHC ist nichts fundamental anders als an früheren Beschleunigern. Dieselbe Frage hätten Sie also schon bei HERA in Hamburg, beim Tevatron in den USA oder bei LEP in Genf stellen können. Die Diskussion darüber zeigt, dass am LHC hochinteressante Entdeckungen erwartet werden. Aber damit Ängste zu schüren, halte ich für unverantwortlich. Alles, was wir nicht wissen, ist dann prinzipiell gefährlich.

Aber der LHC könnte Schwarze Löcher erzeugen?

Buchmüller: Zunächst einmal: Es geht um sogenannte Mini Black Holes, also "Mini-Schwarze-Löcher". Das ist aber etwas ganz anderes als die Schwarzen Löcher, die wir aus der Relativitätstheorie und Astrophysik kennen. Die Bezeichnung ist leider sehr irreführend. Aber der Name macht sich eben gut, wenn man eine wissenschaftliche Veröffentlichung schreibt.

Bekannte Schwarze Löcher haben sehr große Massen, einige Dutzend bis viele Millionen Mal so viel wie die Sonne. Der hier gemeinte theoretische Quantenzustand entspricht dagegen eher einer Art Elementarteilchen. Die Idee ist übrigens nicht neu. Aber die führenden Fachleute sind sich nach wie vor nicht einig, ob sich so etwas überhaupt erzeugen lässt.

Was würde denn passieren, wenn am LHC solche Mini Black Holes entstehen?

Buchmüller: Sobald man etwas Neues macht, kann man nie mit absoluter Sicherheit sagen, was passiert - sonst wäre es ja nicht neu. Für die Mini Black Holes hat man zurzeit gar keine allgemein akzeptierte Theorie. Welche Eigenschaften sie hätten, falls es sie überhaupt gibt, weiß man nicht. Dass sie sich verhalten könnten wie Schwarze Löcher, ist lediglich eine Annahme. Aber selbst wenn die zutrifft, würden die Mini Black Holes wahrscheinlich in Sekundenbruchteilen wieder zerfallen, weil sie die Masse, die sie verschlucken, wahrscheinlich gleich als Energie wieder abstrahlen. Die Beobachtung wäre aber sehr interessant, weil die fundamentale Skala der Gravitation dann sehr viel kleiner sein müsste als gegenwärtig angenommen. Das könnte ein Hinweis auf die Existenz zusätzlicher Dimensionen sein, für die es zwar sehr ernstzunehmende theoretische Argumente, aber bislang keinen experimentellen Beleg gibt.

(Till Mundzeck, dpa)

09.09.2008 12:27 Uhr

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