US-Finanzkrise

Allianz drohen enorme Ausfälle

Durch die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers drohen der Allianz Ausfälle von 400 Millionen Euro. Zu Schäden durch Hurrikan "Ike" machte der Versicherungskonzern keine Angaben.

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Ohne das Bankgeschäft rechnet die Allianz nun für 2008 und 2009 mit einem operativen Ergebnis von jeweils mindestens neun Milliarden Euro.
Video: US-Finanzmarkt-Krise - Auswirkungen auf deutsche Wirtschaft?
Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise sind immer deutlicher zu spüren. Rund um den Globus müssen immer mehr Finanzinstitute Federn lassen. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht. Vielmehr macht das Wort "Schockwelle" die Runde.
Jüngstes Opfer ist die US-Investmentbank Lehman Brothers. Das 158 Jahre alte Traditionsbankhaus ist pleite und hat Gläubigerschutz beantragt. Ein Käufer konnte nicht gefunden werden. Die US-Regierung wollte nicht helfen.
Bei Fannie Mae und Freddie Mac war das noch anders: Die beiden größten Baufinanzierer der USA wurden wegen des drohenenden Bankrotts in "vorübergehende" staatliche Obhut genommen.
Ein Zusammenbruch von Fannie und Freddie hätte einen Domino-Effekt auslösen und zahlreichen Unternehmen mit in den Ruin reißen können. Die beiden Finanzierer garantieren gemeinsam rund die Hälfte aller US-Hypotheken.
Auch der Lehman-Brothers-Konkurrent Merrill Lynch verliert seine Selbstständigkeit. Mehr als 49 Milliarden Dollar musste "ML" abschreiben. Für den "Schnäppchenpreis" von rund 50 Milliarden Dollar schnappt sich die Bank of America die Investmentbank.
Die Bank of America hat allerdings selbst unter den Auswirkungen der Finanzmarktkrise zu leiden. Das zweitgrößte US-Finanzinstitut musste mehrere Milliarden Dollar abschreiben, verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres aber auch einen Milliarden-Gewinn.
Bear Stearns war die erste US-Investmentbank, die im Zuge der weltweiten Finanzmarktkrise in Bedrängnis geriet. Im vierten Quartal 2007 hatte das Traditionsinstitut erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausgewiesen.
Um einen Zusammenbruch zu verhindern, ging sie in einem Nacht-und-Nebel-Notverkauf an J.P. Morgan Chase.
Der Präsident der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hatte eingegriffen. Die Fed erklärte sich bereit, Bear Stearns mit bis zu 30 Milliarden Dollar zu stützen und liquide zu halten.
Auch die Citigroup steckt tief in der Krise. Von bis zu 20 Milliarden Dollar Abschreibungen ist insgesamt die Rede. Verluste in Milliardenhöhe in mehreren aufeinanderfolgenden Quartalen schicken den Aktienkurs in den Keller.
Problematisch für die Citigroup könnte sich zudem die Lehman-Brothers-Pleite auswirken. Die US-Investmentbank soll auf Schulden von mehr als 600 Milliarden Dollar sitzen. Größter Gläubiger ist die Citigroup.
Neben den Banken sind vor allem Hypothekenfinanzierer in der Krise. Der US-Branchenriese Countrywide nahm mehr als elf Milliarden Dollar an Krediten auf, um sein Überleben zu sichern. 11.000 Jobs wurden gestrichen. Am Ende griff die Bank of America zu.
Ebenfalls von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen: Washington Mutual - die größte Sparkasse der USA. Nach Gerüchten über Liquiditätsengpässe waren die Aktien von Washington Mutual auf den tiefsten Stand seit 23 Jahren gefallen.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac hat nicht so viel Glück: Sie ist im Juli 2008 pleite. IndyMac wird von den Aufsichtsbehörden geschlossen. Der Zusammenbruch ist der bis dahin zweitgrößte Banken-Crash in der US-Geschichte.
Auch nach Europa schwappt die Pleitewelle: Der britische Hypothekenfinanzierer Nothern Rock geriet durch Abschreibungen ins Schlingern. Die Kunden zogen ihr Geld ab. Ein Notdarlehen bei der Bank of England von mehr als 30 Milliarden Pfund half nicht.
Northern Rock wurde verstaatlicht.
In Deutschland verlief die Finanzkrise im Vergleich zu den USA bisher glimpflich. Zwar meldeten die großen Finanzinstitute wie Deutsche Bank...
... Commerzbank...
... Dresdner Bank oder...
... Postbank zum Teil hohe Abschreibungen. Die Quartalsverluste fielen aber nicht so deutlich aus wie befürchtet. Aber auch in Deutschland konsolidierte die Branche.
Zuerst übernahm die Commerzbank die Allianz-Tochter Dresdner Bank und dann kaufte sich die Deutsche Bank bei der Postbank ein - Deutschlands größter Privatkundenbank.
Die Mittelstandsbank IKB wurde - nach mehreren milliardenschweren Hilfen (allein die bundeseigene KfW-Bankengruppe stützte die IKB mit 1,3 Milliarden Euro) - an den US-Invesor Lone Star für geschätzte 300 Millionen Euro verkauft.
Die Sachsen LB ging an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und firmiert nun unter Sachsen Bank. Der Freistaat Sachsen bürgt mit 2,75 Milliarden Euro.
Der weltweite Schaden der Finanzkrise ist bisher nicht bezifferbar. Aber allein die Banken mussten weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Gefragt ist jetzt auch Fed-Chef Bernanke (r.). Er muss die Zinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan (l.) ausbaden. Greenspans Politik des "billigen Geldes" hatte viele Amerikaner dazu verleitet, auf Pump zu konsumieren oder Immobilien zu kaufen.
Die in den USA üblichen variabel verzinsten Hausbau-Kredite fielen den Verbrauchern in Zeiten steigender Zinsen aber auf die Füße. Die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Die Hauspreise fielen. Die Immobilienblase platzte.
Nun droht die US-Wirtschaft in einen Wirtschaftsabschwung, eine Rezession, zu geraten. Das könnte die weltweite Finanzkrise noch verschlimmern.
Video: Notenbanken greifen ein - Globales Börsenbeben durch US-Finanzkrise

Dem Versicherungskonzern Allianz drohen durch die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers Ausfälle von bis zu 400 Millionen Euro. Mit dieser Summe sei der Konzern in etwa bei der US-Bank engagiert, sagte Vorstandschef Michael Diekmann in Bratislava. Die übrigen Ausfallrisiken durch die Krise an den internationalen Finanzmärkten seien momentan noch nicht verlässlich einzuschätzen.

Viel Psychologie im Spiel

Derzeit sei an den Märkten aber viel Psychologie im Spiel. "Wir sehen Kursreaktionen, die auf Unsicherheit basieren statt auf realen Fakten." Auch zu Schäden durch den Hurrikan "Ike" könne er derzeit noch keine Angaben machen, sagte Diekmann. An den reduzierten Gewinnzielen für dieses Jahr ändere sich daher nichts. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass wir unsere Profitabilitätsziele einkassieren müssen." Wegen Problemen bei der Tochter Dresdner Bank hatte Europas größter Versicherer Anfang August sein bisheriges Gewinnziel aufgegeben.

Entwicklung bei US-Versicherungsriesen AIG "dramatisch"

Ohne das Bankgeschäft rechnet die Allianz nun für 2008 und 2009 mit einem operativen Ergebnis von jeweils mindestens neun Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hatte die Allianz ohne die Bank operativ rund 10,1 Milliarden Euro verdient. Die Entwicklung beim schwer angeschlagenen US-Versicherungsriesen American International Group (AIG) nannte Diekmann "dramatisch".

Lange Zeit sei die AIG das Maß der Dinge in der Versicherungsbranche gewesen. Ein mögliches Interesse der Allianz an Geschäftsbereichen der AIG ließ Diekmann offen. "Die AIG braucht Kapital. Dafür hat sie bestimmte Aktivitäten zur Disposition gestellt." Dies seien zum Beispiel das Rückversicherungs- oder Leasinggeschäft. Beides sei für die Allianz nicht von Interesse. Sollten andere Bereiche zum Verkauf stehen, müsse dies zunächst in Ruhe angesehen werden.

Allianz will Mitarbeiter von Dresdner- und Commerzbank übernehmen

Nach dem Verkauf der Dresdner Bank an die Commerzbank könnten bis zu 600 Mitarbeiter des Geldinstituts Unterschlupf bei der ehemaligen Mutter Allianz finden. Rund 300 Stellen würden voraussichtlich im eigenen Banken-Geschäft gebraucht, sagte Diekmann. Weitere 200 dürften für den Ausbau der Versicherungs-Agenturen in der Fläche benötigt werden und weitere 100 könnten direkt zur Allianz wechseln. "Es muss aber die Bereitschaft dazu da sein."

Die Allianz hatte sich vor gut zwei Wochen mit der Commerzbank auf einen Verkauf ihrer Tochter Dresdner Bank geeinigt. Im Zuge der Fusion sollen nach Angaben der Commerzbank rund 9000 Arbeitsplätze wegfallen, davon 6500 in Deutschland. Derzeit haben beide Banken zusammen knapp 67.000 Mitarbeiter. Der Kaufpreis war auf 9,8 Milliarden Euro beziffert worden. Die Allianz hatte die Dresdner Bank 2001 für rund 23 Milliarden Euro übernommen.

(dpa, N24)

16.09.2008 19:57 Uhr

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