Dramatische Hilfsaktion

US-Regierung verstaatlicht Versicherer AIG

Die US-Regierung hat dem Versicherer American International Group als Nothilfe einen Milliardenkredit gewährt. Im Gegenzug übernimmt diese rund 80 Prozent der AIG-Anteile.

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Video: Bankenkrise - Folgen für private Kleinsparer?
Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise sind immer deutlicher zu spüren. Rund um den Globus müssen immer mehr Finanzinstitute Federn lassen. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht. Vielmehr macht das Wort "Schockwelle" die Runde.
Jüngstes Opfer ist die US-Investmentbank Lehman Brothers. Das 158 Jahre alte Traditionsbankhaus ist pleite und hat Gläubigerschutz beantragt. Ein Käufer konnte nicht gefunden werden. Die US-Regierung wollte nicht helfen.
Bei Fannie Mae und Freddie Mac war das noch anders: Die beiden größten Baufinanzierer der USA wurden wegen des drohenenden Bankrotts in "vorübergehende" staatliche Obhut genommen.
Ein Zusammenbruch von Fannie und Freddie hätte einen Domino-Effekt auslösen und zahlreichen Unternehmen mit in den Ruin reißen können. Die beiden Finanzierer garantieren gemeinsam rund die Hälfte aller US-Hypotheken.
Auch der Lehman-Brothers-Konkurrent Merrill Lynch verliert seine Selbstständigkeit. Mehr als 49 Milliarden Dollar musste "ML" abschreiben. Für den "Schnäppchenpreis" von rund 50 Milliarden Dollar schnappt sich die Bank of America die Investmentbank.
Die Bank of America hat allerdings selbst unter den Auswirkungen der Finanzmarktkrise zu leiden. Das zweitgrößte US-Finanzinstitut musste mehrere Milliarden Dollar abschreiben, verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres aber auch einen Milliarden-Gewinn.
Bear Stearns war die erste US-Investmentbank, die im Zuge der weltweiten Finanzmarktkrise in Bedrängnis geriet. Im vierten Quartal 2007 hatte das Traditionsinstitut erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausgewiesen.
Um einen Zusammenbruch zu verhindern, ging sie in einem Nacht-und-Nebel-Notverkauf an J.P. Morgan Chase.
Der Präsident der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hatte eingegriffen. Die Fed erklärte sich bereit, Bear Stearns mit bis zu 30 Milliarden Dollar zu stützen und liquide zu halten.
Auch die Citigroup steckt tief in der Krise. Von bis zu 20 Milliarden Dollar Abschreibungen ist insgesamt die Rede. Verluste in Milliardenhöhe in mehreren aufeinanderfolgenden Quartalen schicken den Aktienkurs in den Keller.
Problematisch für die Citigroup könnte sich zudem die Lehman-Brothers-Pleite auswirken. Die US-Investmentbank soll auf Schulden von mehr als 600 Milliarden Dollar sitzen. Größter Gläubiger ist die Citigroup.
Neben den Banken sind vor allem Hypothekenfinanzierer in der Krise. Der US-Branchenriese Countrywide nahm mehr als elf Milliarden Dollar an Krediten auf, um sein Überleben zu sichern. 11.000 Jobs wurden gestrichen. Am Ende griff die Bank of America zu.
Ebenfalls von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen: Washington Mutual - die größte Sparkasse der USA. Nach Gerüchten über Liquiditätsengpässe waren die Aktien von Washington Mutual auf den tiefsten Stand seit 23 Jahren gefallen.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac hat nicht so viel Glück: Sie ist im Juli 2008 pleite. IndyMac wird von den Aufsichtsbehörden geschlossen. Der Zusammenbruch ist der bis dahin zweitgrößte Banken-Crash in der US-Geschichte.
Auch nach Europa schwappt die Pleitewelle: Der britische Hypothekenfinanzierer Nothern Rock geriet durch Abschreibungen ins Schlingern. Die Kunden zogen ihr Geld ab. Ein Notdarlehen bei der Bank of England von mehr als 30 Milliarden Pfund half nicht.
Northern Rock wurde verstaatlicht.
In Deutschland verlief die Finanzkrise im Vergleich zu den USA bisher glimpflich. Zwar meldeten die großen Finanzinstitute wie Deutsche Bank...
... Commerzbank...
... Dresdner Bank oder...
... Postbank zum Teil hohe Abschreibungen. Die Quartalsverluste fielen aber nicht so deutlich aus wie befürchtet. Aber auch in Deutschland konsolidierte die Branche.
Zuerst übernahm die Commerzbank die Allianz-Tochter Dresdner Bank und dann kaufte sich die Deutsche Bank bei der Postbank ein - Deutschlands größter Privatkundenbank.
Die Mittelstandsbank IKB wurde - nach mehreren milliardenschweren Hilfen (allein die bundeseigene KfW-Bankengruppe stützte die IKB mit 1,3 Milliarden Euro) - an den US-Invesor Lone Star für geschätzte 300 Millionen Euro verkauft.
Die Sachsen LB ging an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und firmiert nun unter Sachsen Bank. Der Freistaat Sachsen bürgt mit 2,75 Milliarden Euro.
Der weltweite Schaden der Finanzkrise ist bisher nicht bezifferbar. Aber allein die Banken mussten weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Gefragt ist jetzt auch Fed-Chef Bernanke (r.). Er muss die Zinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan (l.) ausbaden. Greenspans Politik des "billigen Geldes" hatte viele Amerikaner dazu verleitet, auf Pump zu konsumieren oder Immobilien zu kaufen.
Die in den USA üblichen variabel verzinsten Hausbau-Kredite fielen den Verbrauchern in Zeiten steigender Zinsen aber auf die Füße. Die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Die Hauspreise fielen. Die Immobilienblase platzte.
Nun droht die US-Wirtschaft in einen Wirtschaftsabschwung, eine Rezession, zu geraten. Das könnte die weltweite Finanzkrise noch verschlimmern.
Die US-Regierung greift dem Versicherungsriesen AIG mit einem Milliardenkredit unter die Arme. Im Gegenzug übernimmt sie 80 Prozent der Anteile.

Silberstreif am Horizont der amerikanischen Finanzmärkte: In einer dramatischen Wende sagte die US-Notenbank am Dienstagabend dem schwer angeschlagenen Versicherungsriesen AIG einen dringend benötigten Kredit von 85 Milliarden Dollar (60 Mrd Euro) zu. Die Notenbank übernimmt im Gegenzug für den Kredit 79,9 Prozent der Anteile des Versicherers, hieß es in der Mitteilung der Fed.

Mit der überraschenden staatlichen Rettungsaktion wollen US-Regierung und Notenbank die auch ein Jahr nach ihrem Beginn nicht nachlassende Finanzkrise eindämmen. Die drohende Pleite des zu den weltgrößten Versicherern zählenden AIG-Konzerns hätte die globalen Finanzmärkte in weitere schwere Turbulenzen gestürzt. AIG (American International Group) war wegen Milliardenverlusten im Zuge der Kreditkrise in akute Kapitalnot geraten. Die Aktie des Versicherers verlor seit Jahresbeginn mehr als 90 Prozent ihres Werts.

Allianz wollte einsteigen

Laut der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg ist die US-Regierung mit ihrer Rettungsaktion einem Einstieg des deutschen Versicherungskonzerns Allianz bei dem taumelnden US-Rivalen zuvorgekommen. Zwei Tage bevor AIG vom Staat aufgefangen wurde, habe die Allianz ihr Angebot unterbreitet, schreibt Bloomberg am Mittwoch unter Berufung auf zwei eingeweihte Personen. Die Deutschen hätten sich dazu mit dem US-Finanzinvestor J.C. Flowers verbündet. Finanzielle Details nannte Bloomberg nicht.

Allianz-Chef Michael Diekmann sagte am Dienstag in Bratislava: "Die AIG braucht Kapital. Dafür hat sie bestimmte Aktivitäten zur Disposition gestellt." Dies sei zum Beispiel das Rückversicherungs- oder Leasinggeschäft. Beides sei für die Allianz nicht von Interesse. Sollten andere Bereiche zum Verkauf stehen, müsse dies zunächst in Ruhe angesehen werden.

Morgan Stanley präsentiert Geschäftszahlen

Regierung und Notenbank hatten bis zuletzt staatliche Hilfen für AIG immer wieder ausgeschlossen. Eine konzertierte Rettungsaktion innerhalb der Branche durch andere Versicherer und Banken sei aber nicht zustande gekommen, berichtete etwa die "New York Times" unter Berufung auf mit den Verhandlungen vertraute Personen. Schon kurz vorher hatten US-Medienberichte über mögliche staatliche Hilfen für positive Reaktionen an den Finanzmärkten gesorgt.

Für weitere Aufhellung sorgte die zweitgrößte US-Investmentbank Morgan Stanley, die nach Börsenschluss vergleichsweise gute Zahlen vorlegte. Der Überschuss lag im Ende August abgeschlossenen dritten Geschäftsquartal bei 1,4 Milliarden Dollar und damit vergleichsweise nur acht Prozent unter dem Vorjahr. Die Bekanntgabe der Zahlen war eigentlich erst für Mittwoch geplant. Angesichts der jüngsten Turbulenzen bei Wettbewerbern wie Lehman Brothers und Merrill Lynch hatte sich die Bank aber zur früheren Veröffentlichung entschlossen.

Aufatmen an den Börsen

Nach dem "schwarzen Montag" an den internationalen Finanzmärkten infolge der Bankenkrise in den USA erholten sich die Börsen bis Mittwochmorgen von ihren anfänglichen Verlusten. Die amerikanischen Börsen schlossen nach einer wilden Achterbahnfahrt im Plus. Der Dow-Jones-Index stieg um 1,30 Prozent auf 11.059,02 Punkte.

Nach den lateinamerikanischen Finanzmärkten, die schon am Dienstagabend etwas Aufwind registriert hatten, zogen am Morgen auch die asiatischen Börsen nach oben. Unter anderem notierte in Tokio der Nikkei für 225 führende Werte zur Halbzeit einen deutlichen Aufschlag von 241,06 Punkten oder 2,08 Prozent beim Zwischenstand von 11.850,78 Punkten.

Japanische Zentralbank pumpt erneut Milliarden in den Markt

Zuvor hatte die japanische Zentralbank zur Stabilisierung der Märkte erneut eingegriffen. Die Bank of Japan pumpte am Mittwoch weitere zwei Billionen Yen, umgerechnet 13,2 Milliarden Euro, in den Geldmarkt des Landes. Bereits am Vortag hatte die Notenbank dem Markt in zwei Schritten insgesamt 2,5 Billionen Yen, umgerechnet 16,5 Milliarden Euro, zugeführt.

Ökonomen in Tokio erwarten unterdessen, dass Japans Zentralbank am selben Tag entscheiden wird, den Zinssatz von 0,5 Prozent vorerst nicht zu verändern. Auch die US-Notenbank hatte am Vortag ungeachtet der schweren Turbulenzen an der Wall Street den Leitzins zum dritten Mal in Folge bei 2,00 Prozent belassen.

(dpa, N24)

17.09.2008 07:16 Uhr

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