Wenig Beruhigung

Deutsche Aktien erneut schwach

Der deutsche Aktienindex hat durch die anhaltende Sorge über die Lage an den Finanz-Märkten weiter nachgegeben. Vor allem Spekulationen um weitere Bankenfusionen beunruhigten die Börsianer.

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Bankenwerte gingen mit den wechselnden Nachrichten aus dem Bankensektor auf Berg- und Talfahrt.
Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise sind immer deutlicher zu spüren. Rund um den Globus müssen immer mehr Finanzinstitute Federn lassen. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht. Vielmehr macht das Wort "Schockwelle" die Runde.
Jüngstes Opfer ist die US-Investmentbank Lehman Brothers. Das 158 Jahre alte Traditionsbankhaus ist pleite und hat Gläubigerschutz beantragt. Ein Käufer konnte nicht gefunden werden. Die US-Regierung wollte nicht helfen.
Bei Fannie Mae und Freddie Mac war das noch anders: Die beiden größten Baufinanzierer der USA wurden wegen des drohenenden Bankrotts in "vorübergehende" staatliche Obhut genommen.
Ein Zusammenbruch von Fannie und Freddie hätte einen Domino-Effekt auslösen und zahlreichen Unternehmen mit in den Ruin reißen können. Die beiden Finanzierer garantieren gemeinsam rund die Hälfte aller US-Hypotheken.
Auch der Lehman-Brothers-Konkurrent Merrill Lynch verliert seine Selbstständigkeit. Mehr als 49 Milliarden Dollar musste "ML" abschreiben. Für den "Schnäppchenpreis" von rund 50 Milliarden Dollar schnappt sich die Bank of America die Investmentbank.
Die Bank of America hat allerdings selbst unter den Auswirkungen der Finanzmarktkrise zu leiden. Das zweitgrößte US-Finanzinstitut musste mehrere Milliarden Dollar abschreiben, verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres aber auch einen Milliarden-Gewinn.
Bear Stearns war die erste US-Investmentbank, die im Zuge der weltweiten Finanzmarktkrise in Bedrängnis geriet. Im vierten Quartal 2007 hatte das Traditionsinstitut erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausgewiesen.
Um einen Zusammenbruch zu verhindern, ging sie in einem Nacht-und-Nebel-Notverkauf an J.P. Morgan Chase.
Der Präsident der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hatte eingegriffen. Die Fed erklärte sich bereit, Bear Stearns mit bis zu 30 Milliarden Dollar zu stützen und liquide zu halten.
Auch die Citigroup steckt tief in der Krise. Von bis zu 20 Milliarden Dollar Abschreibungen ist insgesamt die Rede. Verluste in Milliardenhöhe in mehreren aufeinanderfolgenden Quartalen schicken den Aktienkurs in den Keller.
Problematisch für die Citigroup könnte sich zudem die Lehman-Brothers-Pleite auswirken. Die US-Investmentbank soll auf Schulden von mehr als 600 Milliarden Dollar sitzen. Größter Gläubiger ist die Citigroup.
Neben den Banken sind vor allem Hypothekenfinanzierer in der Krise. Der US-Branchenriese Countrywide nahm mehr als elf Milliarden Dollar an Krediten auf, um sein Überleben zu sichern. 11.000 Jobs wurden gestrichen. Am Ende griff die Bank of America zu.
Ebenfalls von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen: Washington Mutual - die größte Sparkasse der USA. Nach Gerüchten über Liquiditätsengpässe waren die Aktien von Washington Mutual auf den tiefsten Stand seit 23 Jahren gefallen.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac hat nicht so viel Glück: Sie ist im Juli 2008 pleite. IndyMac wird von den Aufsichtsbehörden geschlossen. Der Zusammenbruch ist der bis dahin zweitgrößte Banken-Crash in der US-Geschichte.
Auch nach Europa schwappt die Pleitewelle: Der britische Hypothekenfinanzierer Nothern Rock geriet durch Abschreibungen ins Schlingern. Die Kunden zogen ihr Geld ab. Ein Notdarlehen bei der Bank of England von mehr als 30 Milliarden Pfund half nicht.
Northern Rock wurde verstaatlicht.
In Deutschland verlief die Finanzkrise im Vergleich zu den USA bisher glimpflich. Zwar meldeten die großen Finanzinstitute wie Deutsche Bank...
... Commerzbank...
... Dresdner Bank oder...
... Postbank zum Teil hohe Abschreibungen. Die Quartalsverluste fielen aber nicht so deutlich aus wie befürchtet. Aber auch in Deutschland konsolidierte die Branche.
Zuerst übernahm die Commerzbank die Allianz-Tochter Dresdner Bank und dann kaufte sich die Deutsche Bank bei der Postbank ein - Deutschlands größter Privatkundenbank.
Die Mittelstandsbank IKB wurde - nach mehreren milliardenschweren Hilfen (allein die bundeseigene KfW-Bankengruppe stützte die IKB mit 1,3 Milliarden Euro) - an den US-Invesor Lone Star für geschätzte 300 Millionen Euro verkauft.
Die Sachsen LB ging an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und firmiert nun unter Sachsen Bank. Der Freistaat Sachsen bürgt mit 2,75 Milliarden Euro.
Der weltweite Schaden der Finanzkrise ist bisher nicht bezifferbar. Aber allein die Banken mussten weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Gefragt ist jetzt auch Fed-Chef Bernanke (r.). Er muss die Zinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan (l.) ausbaden. Greenspans Politik des "billigen Geldes" hatte viele Amerikaner dazu verleitet, auf Pump zu konsumieren oder Immobilien zu kaufen.
Die in den USA üblichen variabel verzinsten Hausbau-Kredite fielen den Verbrauchern in Zeiten steigender Zinsen aber auf die Füße. Die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Die Hauspreise fielen. Die Immobilienblase platzte.
Nun droht die US-Wirtschaft in einen Wirtschaftsabschwung, eine Rezession, zu geraten. Das könnte die weltweite Finanzkrise noch verschlimmern.
Video: Bankenkrise - Folgen für private Kleinsparer?
Video: US-Finanzmarkt-Krise - Auswirkungen auf deutsche Wirtschaft?

Der deutsche Aktienmarkt hat am Mittwoch belastet durch anhaltende Sorgen über die Lage in der Finanzbranche weiter nachgegeben. Der DAX schloss nach großen Schwankungen im Handelsverlauf mit einem Minus von 1,75 Prozent auf 5860,98 Zähler und bewegte sich damit weiter auf dem Niveau von vor zwei Jahren. Zu Handelsbeginn war der Leitindex noch bis auf 6035 Zähler gestiegen. Der MDAX verlor 2,62 Prozent auf 7497,52 Punkte, während der technologielastige TecDAX 1,89 Prozent auf 712,42 Punkte abgab.

Rettung der AIG wirkte wie Beruhigungspille

Zunächst hatte die Rettung der American International Group (AIG) wie eine Beruhigungspille gewirkt, wie Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank sagte. Die Nervosität um weitere Schieflagen im Finanzsektor halte den Markt aber weiter in Atem. "Der Markt geht durch eine Kneipp-Kur mit Wechselbädern und jetzt landet mit HBOS bereits die nächste Bank auf dem Operationstisch." Spekulationen um weitere Fusionen im US-Bankensektor hätten am Nachmittag dann die Sorge geschürt, dass die Krise weitergehe. "Es muss wohl erst "tabula rasa" gemacht werden, bevor sich die Märkte endgültig beruhigen."

Bankenwerte auf Berg- und Talfahrt

Bankenwerte gingen mit den wechselnden Nachrichten aus dem Sektor auf Berg- und Talfahrt. Aktien der Commerzbank, die in den vergangenen beiden Handelstagen zeitweise mehr als 22 Prozent verloren hatten, kletterten zeitweise bis auf 14,97 Euro, um dann mit minus 3,54 Prozent auf 13,48 Euro zu schließen. Postbank-Papiere gaben 1,70 Prozent auf 35,93 Euro ab und Deutsche Bank verloren 2,74 Prozent auf 50,32 Euro. Neben den Sorgen über einen Kollaps von HBOS machten am Markt Spekulationen über eine Fusion von Morgan Stanley mit Wells Fargo die Runde, was die Marktteilnehmer weiter beunruhige, sagten Börsianer.

Versicherungswerte entwickelten sich uneinheitlich

Münchener Rück legten um 1,13 Prozent auf 96,85 Euro zu, anfänglich ebenfalls klar erholte Allianz-Papiere sanken schließlich wieder um 3,50 Prozent auf 94,63 Euro. Favorit im DAX waren aber Volkswagen (VW), die in der Spitze um bis auf 254,86 Euro zulegten und schließlich belastet von der Schwäche am Gesamtmarkt mit 6,04 Prozent im Plus bei 240,18 Euro schlossen. BASF verloren nach den gesenkten Prognosen des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) 3,78 Prozent auf 33,83 Euro. Im TecDAX rutschten Singulus Technologies nach der Bekanntgabe von Abschreibungen um 4,03 Prozent auf 5,96 Euro ab. Der Hersteller von CD- und DVD-Produktionsanlagen richtet sich künftig ausschließlich auf die Bereiche Optical Disc sowie Solar aus und nimmt eine Wertberichtigung in Höhe von 41,2 Millionen Euro vor.

Leitindex EuroSTOXX ging mit Verlust aus dem Handel

Der europäische Leitindex EuroSTOXX ging mit Verlusten von 2,26 Prozent auf 3018,77 Zähler aus dem Handel. Die Börsen in Paris und London schlossen ebenfalls sehr schwach. Der Dow-Jones-Index verlor zu Handelsschluss in Europa ebenfalls rund 2,5 Prozent. Am Rentenmarkt stieg die durchschnittliche Umlaufrendite der börsennotierten Bundeswertpapiere auf 4,07 (Dienstag: 4,01) Prozent. Der Rentenindex REX sank um 0,33 Prozent auf 117,04 Punkte. Der Bund Future stieg um 0,49 Prozent auf 115,56 Zähler. Der Kurs des Euro fiel. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,4224 (1,4267) Dollar fest. Der Dollar kostete 0,7030 (0,7009) Euro.

Merkel will mehr Transparenz

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers will die britische Großbank Barclays Kernbereiche der US-Investmentbank für gut 1,2 Milliarden Euro übernehmen. Dazu gehören auch das nordamerikanische Investmentbanking- und Kapitalmarktgeschäft sowie mehrere kleinere Abteilungen, wie die Bank am Mittwoch in London mitteilte. Insgesamt arbeiten rund 10 000 Menschen in den verschiedenen Bereichen. "Dies war eine Möglichkeit, wie sie sich nur einmal im Leben bietet", sagte Barclays-Präsident Robert Diamond.

Die Bundesregierung sieht sich laut Merkel bestätigt in ihrem Bemühen nach mehr Transparenz an den internationalen Finanzmärkten. Die Initiative während der deutschen Präsidentschaft in der G8-Gruppe der sieben führenden Industrieländer und Russlands sei im vergangenen Jahr noch belächelt und als Regulierung abgetan worden. "Man kann glücklicherweise sagen, dass einiges in Gang gekommen ist", sagte Merkel.

Der Vorsitzende der Euro-Finanzminister, Jean-Claude Juncker, sieht keinen Bedarf für eine zentrale EU-Finanzaufsicht. Es gehe für die Europäische Union nicht um eine Zentralisierung, sondern um mehr Koordination und Absprache zwischen den verantwortlichen Behörden, sagte der luxemburgische Premier- und Finanzminister in Brüssel. Es sei mehr Regulierung nötig, um solche Finanzkrisen besser unterbinden zu können. "Ich habe nie geglaubt, dass die Märkte alle Lösungen allein in der Hand haben." Zugleich warnte er, die Gefahren für die Europäische Union zu unterschätzen. "Es wäre naiv zu denken, die Auswirkungen der amerikanischen Finanzkrise würden uns nicht erreichen."

(dpa, N24)

17.09.2008 18:45 Uhr

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